Köln - Fünf Mal hat man freundlich versucht, das Kind zum Aufräumen zu bewegen. Aber es schaltet auf Durchzug oder bellt ein harsches „Nicht jetzt, Mama!“ zurück. Langsam wird man ungeduldig, sagt dann mit etwas bestimmterer Stimme: „Jetzt wird aber endlich aufgeräumt!“. Und schiebt irgendwann eine Drohung hinterher: „Sonst gibt’s heute kein Kika!“ Null Reaktion.

Und plötzlich spürt man die Wut in einem aufsteigen, hört sich schimpfen, schreien und explodieren. Dabei ist man doch sonst gar nicht der Typ für laute Streitereien und hatte sich doch eigentlich vorgenommen, das Kind NIEMALS anzuschreien. Reue und Enttäuschung folgen. Der Spross tut schließlich, was man wollte.

Und man selbst fragt sich: Hätte es keinen anderen Weg gegeben, als auszurasten?

Das Projekt: 365 Tage ohne Schreien

Die vierfache Mutter Sheila McCraith aus den USA hat sich dieselbe Frage gestellt, als sie mal wieder einen ihrer Söhne schrecklich angebrüllt hatte. So kann es nicht weitergehen, sagte sie sich und hat sich zu einem Versuch entschlossen: 365 Tage am Stück wollte sie ihre Kinder nicht mehr anschreien. Über ihre Erfahrungen berichtete sie auf ihrem Blog „The Orange Rhino-Challenge“ und schrieb anschließend auch ein Selbsthilfe-Buch für alle Eltern: „Erziehen ohne auszurasten“. Eltern sollen damit in 30 Tagen Schritt für Schritt lernen, gelassener zu bleiben und im Umgang mit ihren Kindern nicht mehr laut zu werden.

Sheila McCraith erkundet in ihrem Buch, wie Eltern den Auslösern ihrer eigenen Wut auf die Schliche kommen und was sie langfristig verändern können, um der Schreifalle zu entkommen. Der etwas pathetische, übermotivierende Ton des Buches, den viele amerikanische Selbsthilferatgeber besitzen, ist am Anfang etwas anstrengend. Und doch werden betroffene Mütter und Väter von diesem Buch schnell mitgenommen. 

Schräge Tipps gegen Wutanfälle

Denn die Autorin erzählt sympathisch und selbstironisch mitten aus ihrem turbulenten Alltag mit Kindern und beschreibt unzählige Situationen der Erschöpfung und der Eskalation, die viele kennen. Aber auch ihren holprigen Weg, diese besser zu meistern. Einige ihrer Erkenntnisse sind durchaus spannend, andere gehen eher in Richtung Alltagspsychologie. Eine Leistung des Buchs: Es zwingt Eltern dazu, sich mit dem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen.

Am Ende jedes Kapitels schlägt Sheila McCraith konkrete Maßnahmen vor, die im Moment der Wut hilfreich sein sollen. Diese Tipps scheinen auf den ersten Blick banal und sogar schräg. Und doch könnten diese ihre Wirkung erzielen – schließlich ist das Verhalten von Kindern oft mindestens so seltsam. Ob diese Vorschläge im Einzelfall wirklich helfen, bleibt natürlich auszuprobieren.

5 Tipps: Was man tun kann, anstatt loszuschreien

Den Frust heraussingen

Lassen Sie Ihre Gefühle in einem Lied heraus. Singen bringt den Überraschungseffekt, dass die Kinder plötzlich zuhören, und mich selbst bringt es runter.

Alles einfach wegspielen

Lassen Sie alles stehen und liegen und spielen Sie mit Ihren Kindern. Das macht nicht nur Spaß und verringert den Stress, sondern manchmal ist das genau die Verbindung, die gefehlt hat!

Der Schrei in die Kloschüssel

Schreien Sie in eine Kloschüssel oder in einen Schrank. Sie wissen ja: Klamotten haben keine Gefühle, Kinder schon. Auch wenn sich das Anmeckern nicht unterdrücken lässt und vielleicht Schimpfworte fallen, ist es immer noch besser, sich dabei abzuwenden. 

Damals war ich auch genervt

Erzählen Sie Ihren Kindern eine Geschichte aus Ihrer Kindheit, als Sie gereizt waren. Wenn ich meinen Kindern erzähle, dass ich auch mal ein Kind war, schafft das eine Verbindung zwischen uns und verbessert die Laune.

Mal kurz verschwinden

Lassen Sie alles stehen und liegen. Stellen Sie sich eine Uhr und erklären Sie die nächsten fünf Minuten zur „Zeit für mich“, ohne Unterbrechungen.

Außerdem gibt die Autorin Ratschläge, wie Eltern besser verstehen, warum und wann sie wütend werden:

Was bringt mich eigentlich zur Weißglut?

Finden Sie heraus, was Sie triggert. In welcher Situation schreien Sie? Es geht darum, Tendenzen zu erkennen. Sind meine Kinder schuld – oder liegt es an mir? Es ist leichter, meine Schreianfälle auf das Verhalten der Kinder zu schieben, als mir einzugestehen, dass meine eigenen Probleme (Stress auf der Arbeit, Ehestreit, Müdigkeit, finanzielle Schwierigkeiten) mich ungeduldig werden lassen. 

Wie fühle ich mich kurz vor dem Ausrasten?

Mein Körper sendet recht eindeutige Warnsignale, wenn ich kurz vorm Ausflippen bin. Es hilft ungemein dabei, weniger zu schreien, wenn man diese körperlichen Symptome kennt und auf sie achtet. Haben Sie schwitzige Hände? Sind Sie unruhig? Ist Ihnen plötzlich richtig heiß?

Schreien bringt nichts

Sagen Sie sich, dass Schreien nichts bringt. Außer in Notfällen. Meine Kinder verstehen mich nicht, wenn ich schreie. Wenn ich etwas von ihnen will, muss ich ruhig reden und so, dass sie mir bereitwillig zuhören. Je mehr ich schreie, umso mehr blenden mich die Kinder aus. 

Buchtipp:
Sheila McCraith, Erziehen ohne auszurasten, Trias Verlag, Stuttgart, 2017