Als ich noch kein Kind hatte, dachte ich, eine Kita ist dazu da, dass man sein Kind dort abgibt, um den Kopf frei zu haben und in Ruhe zu arbeiten. Ich habe seitdem viel gelernt, ich kann den Unterschied zwischen kommunalen Trägern und Eltern-Initiativ-Kitas erklären, ich weiß, dass die Zahl der Kinder, die ein Erzieher pro Gruppe betreuen soll, in jedem Bundesland festgelegt ist. Nun habe ich auch das Wort „Kitanotstand“ gelernt.

Der Kita, in die das Kind seit über einem Jahr geht, läuft das Personal weg: drei von drei Vollzeit-Erzieherinnen gehen, die eine in den Mutterschutz, die nächste, die Lieblingserzieherin des Kindes, ins besser bezahlte Brandenburg, die dritte auf Weltreise. Eigentlich sollte sich eine Erzieherin um nicht mehr als fünf Kinder kümmern, so hat es der Senat festgelegt. In der Kita des Kindes kümmern sich derzeit eine Teilzeitkraft und eine Ausbildende um etwa zwanzig Kinder. Mit Früherziehung, den Ansprüchen, die das Landesbildungsprogramm formuliert, hat das nichts zu tun. Die beiden Erzieherinnen sind engagiert und fleißig, aber sie stoßen an die Grenzen ihrer Kräfte. Der freie Träger, ein gemeinnütziges Unternehmen, das nicht nur Kitas, sondern auch Flüchtlingsheime betreibt, droht damit, den Betrieb zu schließen, weil sich kein Personal findet.

Keine Chance, nirgends

Es ist ein Problem, das nicht nur unsere Kita hat. Nicht nur in Pankow fehlen Erzieherinnen, sondern auch in Mitte und Neukölln. Die Nachbarkita würde siebzig Kinder mehr aufnehmen, erfahre ich, als ich mich nach einem Platz für das Kind erkundige, findet aber kein Personal. In der kommunalen Kita am Ende der Straße sind alle zweihundert Plätze für die nächsten zwei Jahre vergeben. Die Leiterin empfiehlt mir eine Einrichtung in der Pappelallee in Prenzlauer Berg.

Die Website sieht toll aus, es gibt einen Garten, einen Wasserspielraum und eine eigene Küche. Ich bin begeistert und wähle die Nummer. Er würde mein Kind sofort aufnehmen, sagt der Leiter, aber ihm fehlen zwei Erzieher. Ich atme tief durch, ich habe diesen Satz nun so oft gehört. „Gehen Sie doch zu Frau Scheeres und beschweren sich“, sagt der Mann am Ende der Leitung. Er klingt frustriert. Sandra Scheeres, eine Sozialdemokratin, ist die zuständige Senatorin – und die unbeliebteste Politikerin der Stadt. Lehrermangel, Erziehermangel, verschimmelte Schulen, das sind ihre Themen. Sie tut mir ein bisschen leid.

Ich rufe fünf weitere Kitas an und handele mir nur Absagen ein. Ich bin inzwischen so weit, dass ich im Internet „Betreuungsgeld“ google. In der Kita des Kindes ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Mütter sorgen sich, dass sie ihren Job aufgeben müssen, falls die Einrichtung schließt. Der Träger bittet, dass die Eltern dabei helfen sollen, Erzieherinnen zu finden. Man könnte Zettel am Supermarkt anbringen.

Oder man versucht es mit einem dieser Sponsoring-Modelle, die schon Fußballmannschaften gerettet haben. Man könnte die Kita-Gruppen nach Firmen benennen: die Nest-Gruppe könnte in „Amazon“-Gruppe umbenannt werden oder in „Zalando“-Gruppe. Die Eltern verpflichten sich, jeden Monat einen bestimmten Warenwert zu bestellen, im Gegenzug unterstützen die Unternehmen den Betrieb der Kita, mit Prämien für die Erzieherinnen. Vielleicht sollte ich das beim nächsten Elternabend einmal vorschlagen.