Berlin - Jenny Reinicke ist frustriert. Die 29-Jährige schüttelt immer wieder den Kopf. Sophia Genrich, sechs Jahre älter, geht es auch so. Die beiden Frauen haben vor kurzem erfahren, dass sie die Erzieherprüfung nicht bestanden haben. Sophia Genrich schon zum zweiten Mal. Viel Zeit und Geld haben sie umsonst investiert. „Man hat uns kaum eine Chance gegeben“, sagt Reinicke.

Die beiden teilen das Schicksal von derzeit rund 200 Frauen und Männern in Berlin und Brandenburg, die im Juni Prüfungen hatten. Sie alle sind durchgefallen. Sie alle wollten Erzieher werden – über ein Quereinstiegsmodell, das eigentlich den Zugang zu dem Beruf erleichtern soll. Ein Beruf, in dem vor allem in Berlin ein dramatischer Fachkräftemangel droht.

Doch nur wenige bestehen diese Prüfungen für Quereinsteiger, Nichtschülerprüfung genannt. Die aktuellen Durchfallquoten sind dramatisch: rund 76 Prozent in Berlin, 71 Prozent in Brandenburg.

An den Prüflingen allein scheint es aber nicht zu liegen. Vielmehr an den Bedingungen, unter denen sie antreten müssen. Der Quereinstieg über private Bildungsträger und die Nichtschülerprüfung, die Jenny Reinicke und Sophia Genrich abgelegt haben, ist umstritten. Die Erzieherfachschulen, die diese Prüfungen abnehmen, fürchten um die Qualitätsstandards in der Ausbildung. Wer diesen Weg geht, sagen Betroffene, bekomme mitunter deutlich zu spüren, dass er nicht erwünscht sei. Von vielen Unregelmäßigkeiten ist die Rede, sogar von Mobbing und Einschüchterungen einiger Lehrer und Schulleiter.

Hartz IV statt Berufsstart

Gedacht ist dieser Weg vor allem für berufstätige Menschen mit Vorqualifikationen, Tagesmütter etwa oder Leute, die seit Jahren in Kitas arbeiten. Sie müssen Erfahrung mit Arbeitsverträgen nachweisen können. Ihnen traut man zu, die Weiterbildung schneller zu schaffen.

So wie bei Jenny Reinicke. Sie hat vier Jahre lang bei dem Kinderhilfsprojekt Arche in Hellersdorf gearbeitet, sie wurde Elterntrainerin, half in der Erwachsenenbildung Jugendlichen, Jobs und Ausbildungsplätze zu finden. „Für mich ist es eine Berufung, mit Menschen zu arbeiten“, sagt sie. Eine Kita habe ihr den Posten der stellvertretenden Leiterin angeboten – für den Fall, dass sie die Prüfung besteht. Jetzt lebt sie von Hartz IV.

Sophia Genrich, studierte Betriebswirtin, geht es ähnlich. Sie arbeitet in der Kinderbetreuung, derzeit in einer Kita in Adlershof. Jetzt bangt sie um ihren Job. „Von vorn herein war eine Weiterbeschäftigung nur möglich, wenn ich die Erzieherprüfung ablege“, sagt sie. Die 35-Jährige hat über 5 000 Euro in die Weiterbildung gesteckt. Beide Klausuren sind mit „mangelhaft“ bewertet, und das, obwohl sie alle Fragen beantwortet hat und – den vielen Randnotizen des Prüfers nach zu urteilen – auch größtenteils richtig. „Ich bin immer noch fassungslos“, sagt sie. Genrich darf die Prüfung nicht wiederholen, der Erzieherberuf ist für sie nun ausgeschlossen.

Viele Ausbilder können nicht verstehen, was hier passiert, auch Kita-Eltern solidarisieren sich mit den Nichtschülern. „Das sind ganz besonders motivierte Leute“, sagt Carola Behrend, früher Kita-Leiterin, heute Dozentin. „Es wäre absurd, den Fehler bei ihnen zu suchen.“ Die Klausuren sind deutlich schwerer als bei Fachschülern. „Man muss ein Held sein, um diese Prüfungen zu bestehen“, sagt eine Fachschullehrein.

Das müsse aber so sein, so die Senatsbildungsverwaltung, weil es bei den privaten Bildungsträgern keine Vorklausuren gebe und nur so das gesamte Wissen abgefragt werden könne.

Ein Fall für Anwälte

Bei Procedo, einem kleineren Träger, stellt man sich darauf ein, indem man nur die besten Bewerber nimmt. „Wir nehmen Leute mit Abi oder Studium, Leute, die mit Druck umgehen können“, sagt Geschäftsführer Udo Glaß. Trotzdem würden zu viele durchfallen. „Die staatlichen Schulen waren von Anfang an gegen dieses System. Den Schülern wird gezeigt, dass sie nicht gewollt sind“, sagt Glaß.

Als die Nichtschülerprüfung 2010 eingeführt wurde, protestierten die Gewerkschaft GEW und viele Fachschullehrer. Am Oberstufenzentrum für Sozialwesen in Friedrichshain, so wird berichtet, sollen Lehrer auch Unterschriften gegen die Nichtschüler gesammelt haben. „Wir haben alle unterschrieben. Das war schon diskriminierend“, sagt eine Ex-Fachschülerin. Es seien Lehrer gewesen, die später selbst die Nichtschüler geprüft hätten.

„Für die Schulen ist das ein zusätzlicher Aufwand“, sagt Susanna Schlossarek, Abteilungsleiterin an der Anna-Freud-Oberschule in Charlottenburg, die die Prüfungen koordiniert. Schuld sei die Senatsbildungsverwaltung, die nicht genügend Kapazitäten schaffe. Sie stellt die Kompetenz der privaten Träger in Frage. „Die haben oft keine Ahnung und die Weiterbildungszeit ist zu kurz. Das ist fahrlässig.“ Viele Prüflinge hätten deshalb schlecht abgeschnitten. Schlossarek wehrt sich vehement gegen den Vorwurf, man mache es den Nichtschülern bewusst schwer. „Ein Prüfling ist wie ein Schützling, den man nicht einfach durchrasseln lässt.“

Einige Betroffenen haben Anwälte beauftragt. „Wir wollen wenigstens erreichen, dass sich für die Nachfolgenden etwas ändert“, sagt Jenny Reinicke.