Neulich las ich eine Zahl, die mich seitdem nicht mehr loslässt: Mütter verbringen heute mindestens genauso viel Zeit mit ihren Kindern wie die Mütter – viele Hausfrauen – vor vierzig Jahren. Und trotzdem haben viele ein schlechtes Gewissen, dass es immer noch nicht reicht.

Beschäftigten sich Mütter laut einer Studie des Europäischen Hochschulinstituts und der Universität Kalifornien 1965 im Schnitt 54 Minuten pro Tag mit ihren Kindern, hat sich die Zahl im Jahr 2015 auf 104 Minuten fast verdoppelt. Die Zeit, die Väter täglich mit ihren Kindern verbringen, ist von 16 auf 59 Minuten gestiegen. Die Forscher analysierten Zahlen aus elf Ländern, darunter Deutschland.

Ein Großteil der Zeit wird mit gemeinsamem Basteln, Vorlesen und dem Besuchen von Frühförderangeboten verbracht. Mit diesen Tätigkeiten verbringen Mütter heute etwa fünf Stunden pro Woche, verglichen mit 1,45 Stunden vor vierzig Jahren, schreibt die New York Times.

Intensiv-Elternschaft als neues Erziehungsideal

Da heute wesentlich mehr Frauen als früher berufstätig sind und der Tag nur 24 Stunden hat, heißt das, dass sie sich die Zeit abknapsen müssen, beim Schlaf, bei der Entspannung. Kein Wunder, dass Mütter immer so müde sind! Ich dachte an meine Kindheit. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter oder mein Vater dauernd mit mir auf dem Boden herumgerobbt sind oder jede Gefühlslage ihrer Kinder analysiert haben, so wie wir das heute machen. Meine Mutter sagte: Ich habe zu tun, geh spielen.

Intensiv-Elternschaft, so nennen Soziologen das neue Erziehungsideal, es klingt wie Intensivstation. Nach Super-Power-Eltern. Schon Dreijährige werden drauf getrimmt, dass sie später für den Arbeitgeber performen. Das sind andere als jene Helikopter-Eltern, die wegen jeder Kleinigkeit zur Erzieherin rennen. Intensiv-Elternschaft gilt inzwischen als beste aller Methoden quer durch alle Schichten, schreibt das Magazin Atlantic mit Berufung auf eine neue Studie – auch wenn es sich nur die Wohlhabenden leisten können.

Die steigende Angst vor dem Abstieg

In den USA ist es wahrscheinlich extremer, aber auch hier wird es schwer, sich dem Wirbel, der um das Kind gemacht wird, zu entziehen. Mir empfahl eine Bekannte, mich dringend um einen Platz an einer biligualen Schule zu bemühen. Da war mein Sohn zwei. In meinem Umfeld gibt es lauter Drei- und Vierjährige, die Ballett und Judo üben, im Kinderchor singen oder regelmäßig Sportkurse besuchen. Ich habe Mütter vor Verzweiflung weinen sehen, weil sie für ihren Vierjährigen keinen Platz im Schwimmkurs bekommen haben. Weil ich selber mit den Kindern keine Kurse mache, fühle ich mich manchmal schlecht. In den USA wäre ich vermutlich schon gesteinigt worden.

Es gibt verschiedene Gründe für den Trend: Weil der Abstand zwischen Arm und Reich größer wird, steigt die Angst vor dem Abstieg. Geändert hat sich über die Generationen auch der Blick aufs Kind. Es gilt als formbar, das heißt, in jedem steckt ein potenzieller Bill Gates, eine Steffi Graf. Heißt aber auch: Wenn aus dem Kind eine Friseurin wird, ein Maurer, hat man als Mutter versagt. Was der Wirbel bringt, ist unklar: In einer US-Langzeitstudie von 2015, bei der Kinder zwischen 3 und 11 untersucht wurden, kam heraus, dass es in Bezug auf die Entwicklung kaum einen Unterschied mache, ob Mütter viel Zeit mit ihren Kindern verbringen oder nicht. Auch wieder beruhigend.