Die Zeit rennt davon. 
Foto: imago images/ Ikon Images

Berlin Erledigen, Aufräumen, Wegwerfen – das sind Schubkräfte gegen das Chaos im Alltag. Ich hatte gerade ein Problem mit der ersten Stufe, mit meiner Erledigungsliste. Zum Ende des Jahres entsteht mehr Druck. Zum Beispiel wäre demnächst mein Presseausweis ungültig geworden. Ich setzte also „Presseausweis“ auf meine Erledigungsliste. Den Ausweis vergibt der Verband der deutschen Zeitungsverleger. Voraussetzung ist eine Bestätigung meiner Arbeit als Journalistin. Ich fragte in der Redaktion nach und bekam den Nachweis als Mail. Die löschte ich nach dem Ausdruck. 

Auf meiner Liste hatte ich bis dahin in Hochstimmung Positionen durchstreichen können, für neue Aufgaben blieb jetzt wenig Platz. Auf einem herumliegenden leeren Blatt legte ich eine neue Liste an. „Augenarzt“, „Weihnachtskarten“, „Steuerberatung!“, „Glückwunsch zum Baby“, „Mantel zur Reinigung“ – solche Sachen und natürlich „Presseausweis“. Der war ja noch offen. Damit wollte ich anfangen. Aber meine Bestätigung der Redaktion war weg.

Keine Zeit für alles

Ich suchte. Ich suchte verzweifelt. Ich drehte alles um, am Ende auch die Erledigungsliste, und da stand auf der Rückseite die Bestätigung. Ihre kleinen dünnen Buchstaben waren schon schwer lesbar angekommen, ein neuer Ausdruck ergab kein Erkennen mehr. Ich klebte mit Uhu eine Din-A4- Seite auf die Rückseite der Bestätigung, oben, seitlich, quer. Das Dokument wellte sich wie eine kindliche Bastelarbeit. Außerdem schimmerte meine Erledigungsliste durch, „Presseausweis“ auch. Mich wundert, dass mich die Verleger professionell akzeptierten. Der Ausweis wird kommen.

Ich bin eine Frau, die berufliche und private Angelegenheiten schnell erledigen möchte. Aber ich komme nicht dazu. Immer ist was. Freunde raten, den Stromanbieter zu wechseln. Vodafone offeriert Vorteile, die ich nicht einschätzen kann. In meinem Fernsehapparat verpixeln neuerdings die Bilder. Briefe von Ämtern kosten Zeit. Nach einer Studie können 86 Prozent der Befragten die Post von Ämtern, Behörden und Gerichten nur mit Schwierigkeiten lesen. 86 Prozent – und das unabhängig von der Schulbildung.

Aufschieben als Phänomen 

Kann jemand seinen Rentenbescheid mit Hilfe der Formel Rente mtl = E x Z x R x A prüfen? 30 bis 50 Prozent der Bescheide, die seit dem Frühjahr ergingen, sollen falsch sein. Kein Wunder, dass die Menschen unter solchem Druck in die Prokrastination flüchten: Procrastinare „Vertagen“. Pro „für“. Crastinum „Morgen“. Das Phänomen wird seit den Neunzigern empirisch untersucht. Es bedeutet, etwas aufzuschieben, etwas jetzt nicht zu tun.

„Die Menschen, die etwas von heute auf morgen verschieben, sind dieselben, die es bereits von gestern auf heute verschoben haben.“ (Peter Ustinov). Die Aufschieber – es werden tatsächlich immer mehr – machen irgendetwas Verführerisches, Ablenkendes, um bestimmten unangenehmen Vorhaben auszuweichen. Manchen ist nicht mehr zu helfen.

Aufgeschreckte legen sich dann oft doch auf einen Termin fest: „Die Zeit zwischen den Jahren.“ Dann wollen sie endlich neue Jalousien kaufen, den Krempel im Keller zur Müllentsorgung bringen oder alle Bücher alphabetisch sortieren. Zwischen Weihnachten und Silvester sind in diesem Jahr nur am 27. und 30. Dezember die Geschäfte bis zum Abend offen. Das wird knapp.