Am 13. Dezember 1956 zog die neue Zeit in Berlin, der Hauptstadt der DDR, ein. Der erste HO-Selbstbedienungsladen des sozialistischen Staates wurde eröffnet. Das vergleichsweise großflächige Geschäft befand sich in der Clement-Gottwald-Allee 100 in Berlin-Weißensee, heute Berliner Allee.

Ohne Schutz durch das Verkaufspersonal vor dem feindlichen Zugriff gieriger Kundschaft lagen in den Regalen Waren in ungewohnter Fülle. Die Leute kamen und staunten. Die lange Schlange in der Kassenzone spricht dafür, dass die Leute auch freudig kauften.

Betrieben wurde der Laden von der staatlichen Einzelhandelsorganisation der DDR, der HO. Sie war 1948 gegründet worden und bot in den ersten Jahren schwer entbehrte Gebrauchsgüter und Lebensmittel ohne Lebensmittelmarken an.

Die Preise lagen allerdings über denen der zugeteilten Waren. Lebensmittelmarken wurden erst zwei Jahre später, 1958, abgeschafft. Damit entfiel dann auch die sogenannte HO-Akzise, also der Preisaufschlag auf HO-Waren. Erst Ende der 1960er-Jahre erweiterten die neuen großen Kaufhallen die Konsummöglichkeiten mit wachsendem Angebot beträchtlich.

Anfangs muss es in der Bevölkerung einige Skepsis gegen die neumodische Selbstbedienung gegeben haben – jedenfalls setzte man Anfang der 1960-Jahre selbst Schulbücher zur Aufklärung über die Vorteile der Selbstbedienung ein. Der von bunten Zeichnungen begleitete Text, den die Autorin dieses Textes im Leselernalter selbst studiert hat, erzählte von einem nörgelnden alten Mann, der sich dem Fortschritt widersetzt und lernen muss, sich vom Alten zu lösen.

Das neue Selbstbedienungsgeschäft lag an der sogenannten Protokollstrecke, die die Fahrzeugkolonnen der SED-Führung täglich zweimal zwischen der Siedlung Wandlitz und dem Sitz des Zentralkomitees entlangbrausten.

Das Gebäude, gegenüber dem Kulturhaus Peter Edel gelegen, hatte von Anbeginn dem Einzelhandel gedient: Die zu Karstadt gehörende EPA (Einheitspreis AG), hatte es 1929/30 als Kaufhaus errichtet. Es entspricht einem Typenentwurf, wie er auch an weiteren Berliner Standorten gebaut wurde – zum Beispiel an der Prenzlauer Allee 181 und der Greifswalder Straße 81-84.

Bevor die HO einzog, diente das Geschäft als Verkaufseinrichtung für sowjetische Offiziere. Auch heute kann dort eingekauft werden – bei Edeka.

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