Thomas Krögers "Schwarzes Haus" in Pinnow in der Uckermark zieht viele Architekturfans aufs Land.
Foto: TKA

Templin - Wir treffen uns am Vormittag in der Uckermark. Gleich hinter Templin hat der Architekt Thomas Kröger ein etwas verstecktes altes Bauernhaus umgebaut. Er verabschiedet sich gerade von zwei Firmenvertretern. Eine Matratze auf dem Fußboden und zwei daneben liegende aufgeschlagene Bücher zeugen davon, dass er in diesem Rohbau auch die Nacht verbracht hat. Wir setzen uns auf den Boden einer großen Diele, die gleichzeitig Kaminzimmer und Küche ist. Die Morgensonne flutet den Raum bis zu den Dachbalken. Licht überall. Gestaltete Klarheit, die nichts mit Kühle zu tun hat, sondern ein Wohlgefühl erzeugt. Der weite Blick über die Felder. Krögers Handschrift. Mehrfach preisgekrönt. Wir kommen ins Gespräch über Architektur, die uckermärkische Landschaft und die Menschen, die hier leben.

Herr Kröger, Sie hatten namhafte Lehrer, den britischen Architekten Norman Foster und den Schweizer Max Dudler zum Beispiel. Foster schuf die Reichstagskuppel, Dudler baute das spektakuläre Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum. Für Ihre Diplomarbeit erhielten Sie den Taut-Preis, die höchste Auszeichnung für junge Architekten. Sie hätten in der ganzen Welt bauen können. Doch es scheint Sie besonders in die Uckermark zu ziehen. Warum?

Aus Liebe zu dieser Landschaft. Sie hat sich schon während meines Studiums in Berlin in der 90er-Jahren entwickelt. Ich war oft mit dem Auto in der Uckermark unterwegs, wollte raus aus der Stadt, das Umland erkunden. Die Landschaft erinnert mich ein bisschen an die Gegend, aus der ich komme, an die Berge zwischen Kassel und Göttingen. Was damals viele an der Uckermark störte – leere Dörfer, keine Restaurants –, ich genoss es.

Wer Uckermark und Architektur googelt, stößt automatisch auf Ihre Häuser. Vier sehr verschiedene Wohn- und Ferienhäuser tragen bereits Ihre Handschrift. Drei weitere befinden sich in der Projektphase. Gegenwärtig ist ein Ferienhaus in Blankensee, einem Ortsteil von Mittenwalde, im Bau. Wie entdecken Sie solche Orte?

Foto: T. Heimann
Biografie

Thomas Kröger studierte bei Alfred Grazioli und Adolf Krischanitz an der Hochschule der Künste in Berlin. Für seine Diplomarbeit erhielt er den Taut-Preis. 2001 gründete er sein eigenes Architekturbüro in Berlin. Es hat heute 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Kröger gehört zu den bekanntesten und innovativsten deutschen Architekten.

Projekte: Um- oder Neubau von Bauernhäusern, Schulen, Büro- und Mehrfamilienhäusern, Kunstgalerie Museen, Restaurants, Cafés u.a.

Gastprofessuren:
an der School of Architecture der Northeastern University in Boston, an der Hochschule für Technik Stuttgart. Seit 2019 Professor für Baukunst an der Kunstakademie Düsseldorf.

Durch Menschen aus der Region. Ich arbeitete beispielsweise viele Jahre mit Gerhard Schütze, einem Tischler, zusammen. Ein Fachmann vom Feinsten. Der nahm mich eines Tages beiseite und sagte: „Ich würde den Spieß gern mal umdrehen. Bisher habe ich für dich gearbeitet, jetzt arbeitest du für mich.“ Ich baute dann für ihn in Gerswalde eine LPG-Schlosserei in das Wohn- und Werkhaus Schütze um. So wie in Gerswalde ist es eigentlich immer. Ich habe die Orte nicht gesucht. Andere Menschen haben sie meist für sich selbst entdeckt und erzählten mir davon.

Man sieht es auf den ersten Blick und auf den zweiten erst recht: Ihre Häuser sind etwas Besonderes, außen und innen. Das Schütze-Haus in Gerswalde und das sogenannte „Schwarze Haus“, ein Ferienhaus in Pinnow, wurden als „Häuser des Jahres“ ausgezeichnet. Was ist Ihnen das Wichtigste, wenn Sie ein Haus entwerfen?

Ich möchte es so ausdrücken: Am Ende geht es nicht um mich, sondern es geht um den Ort. Ich versuche ein Gleichgewicht herzustellen zwischen diesem Ort, der ihn umgebenden Landschaft und dem Haus. Auch die Nachbarschaft ist wichtig. Was in der Umgebung wächst, bestimmt mit, welche Materialien ich verwende, Douglasie oder Lärche zum Beispiel. Natürlich bringt jeder Mensch auch etwas Eigenes mit. Die Häuser, die ich baue, sind zwar mit den vorhandenen artverwandt und doch auch ortsfremd. Oft geht es um ganz profane, praktische Dinge. Beim Wohn- und Werkhaus Schütze ging es unter anderem um die Frage, wie man sich gegen den Wind schützt, der den Hügel heraufkommt. Wir nutzten für das Dach eine Nagelbinderkonstruktion, wie sie schon von der LPG verwendet worden war. Gerhard Schütze hat die neuen Nagelbinder selbst gebaut. Wunderschön. Damit hatte ich vorher nie zu tun.

Am Gartenzaun des Hauses in Blankensee steht auf einem Schild: Umbau eines Bauernhauses in ein Ferienhaus. Kofinanziert aus den Mitteln des Landes Brandenburg und des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums. Wie hoch ist diese Unterstützung?

Es können 45 Prozent der Baumaßnahmen gefördert werden, aber maximal 200.000 Euro. Wir müssen die Verwendung der Fördermittel genau nachweisen und fotografisch dokumentieren.

In das Blankenseer Ferienhaus wurden in beide Giebel kreisrunde Panoramascheiben eingesetzt, in die Seitenfronten lange, bodentiefe Glasfenster. Aufwendig und wohl auch teuer.

Das Haus gestattet Aussicht in die weite, sanft geschwungene Endmoränenlandschaft der Uckermark. Ich entwerfe Fenster, die den Blick auf Himmel, Feld und Garten wie ein Rahmen eines Gemäldes fassen. Es geht mir bei meinen Häusern um die Synthese von dem, was man sieht und wie es sich anfühlt, wenn man drin ist.

Das Gerswalder Wohn- und Werkhaus Schütze ist dreiteilig abgestuft und von einem grünen Wellblechmantel umhüllt. Von der Seite ähnelt es ein bisschen einem Gürteltier. Der heizbare Fußboden im weiträumigen Wohnzimmer besteht aus geschliffenem schwarzen Asphalt. Wie finden Sie die Handwerker dafür?

Ich suche mir Handwerker aus der Umgebung, wo immer es geht. Den Fußboden haben Straßenbauer aus Prenzlau gegossen. Für das Blankenseer Projekt ergab sich eine sehr erfreuliche Zusammenarbeit mit den Fachleuten der Baudenkmalpflege in Prenzlau. Mit Einheimischen zusammenzuarbeiten, macht erstens Spaß und zweitens wissen die meist am besten, wo gutes Material zu finden ist oder wie man Feldsteine bearbeitet.

Gefällt den Einheimischen, was Sie bauen?

Nicht immer. Meine Häuser werden durchaus kontrovers diskutiert. Eine Einwohnerin aus dem Nachbarort war regelrecht empört über die großen bodentiefen Fenster im „Schwarzen Haus“ in Pinnow, durch die sie meinte, die Bewohner in ihrer Unterwäsche sehen zu können. Sie nannte es deshalb das „Schlüpper-Haus“. Aber es geht auch anders. An dem selben Haus fuhr ein Bauer mit seinem Traktor vorbei und interessierte sich so für den Bau, dass er von der Straße abkam und gegen eine Laterne prallte. Er kam dann zu uns ins Haus, stellte sich vor und sagte, dass es schon immer sein Traum gewesen sei, in solch einem Haus zu wohnen und Feste zu feiern. So etwas vergisst man nicht. Es entschädigt für vieles.

Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main, lobt Sie im Buch „Häuser des Jahres“, erschienen im Callwey Verlag, für Ihren „selbstbewussten, aber auch kritischen Regionalismus“. Akzeptieren Sie das?

Wenn damit gemeint ist, dass man die Umgebung und seine Bewohner ernst nehmen sollte, dass man sie bei der Arbeit respektvoll berücksichtigt und dabei hilft, etwas im Sinne des Nutzers zu entwickeln, würde ich ihn in Anspruch nehmen. Ansonsten hätte ich mit diesem Begriff Schwierigkeiten.

Bleiben Sie der Uckermark auch in Zukunft verbunden?

Unbedingt. Ich habe an der Kunstakademie in Düsseldorf ein Projekt gestartet, das sich ab Herbst mit der Uckermark beschäftigt. Studenten sehen sich verschiedene Orte des Landkreises an, führen Interviews mit Politikern und erkunden, welche nachhaltigen Entwicklungen aussichtsreich sein könnten. Wir wollen uns auf Orte konzentrieren, in denen momentan Stillstand herrscht, wie beispielweise in Haßleben, wo sich einst die größte Schweinemastanlage der DDR befand und wieder auferstehen sollte. Ein Gerichtsurteil des Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburg hat im Juli 2020 aber für ein endgültiges Aus gesorgt, der holländische Investor musste sich nach jahrelangem Widerstand zurückziehen. Die riesigen Ställe stehen aber immer noch und es gibt viele Fragen: Welche Perspektiven sehen die Menschen dort? Wie will man mit den Flächen umgehen, die die Massentierhaltung hinterlassen hat? Was würde Orte wie Haßleben langfristig stärken? Gibt es den politischen Willen dafür? Lassen sich Investoren finden, die Interesse an zukunftsträchtigen Projekten hätten, beispielsweise an Vorhaben, die zur Entlastung der Städte beitragen?