Berlin - Nach langen Wochen im Lockdown sind die Berliner Grundschulen wieder offen. Die Schüler und Schülerinnen der Klassen 1 bis 3 können nach der Zeit des Homeschoolings wieder in den Präsenzunterricht kommen.  Dabei gelten strenge Hygienekonzepte. Am Montag erschienen fast alle Schüler zum Unterricht, nur wenige Familien machten also von der Aussetzung der Präsenzpflicht Gebrauch.  

Die Schulen nutzen jetzt unterschiedliche Wechselunterrichtsmodelle. Mindestens drei Schulstunden am Tag sollen die Schüler haben. Während die einen Kinder jeden Tag Unterricht haben, gibt es an manchen Grundschulen auch ein wechseltägiges Modell, bei dem die Kinder jeden zweiten Tag kommen, dafür aber länger.

An der Grunewald-Grundschule hat Schulleiterin Ruth Stephan am Morgen ihre Schüler empfangen. „Die Eltern am Schultor waren sehr erleichtert, dass sie die Kinder wieder in die Schule bringen dürfen“, erzählt sie. „Da war wirklich keiner dabei, der sich nicht gefreut hätte. Die Schule füllt sich wieder mit Leben!“ Dennoch ist da natürlich auch die Sorge vor Infektionen in der Schule, auch wenn Ruth Stephan auf das Hygienekonzept vertraut – vor allem auf das ständige Lüften.

Auch das Testteam aus drei Lehrkräften ist bereits zusammengestellt. Sie sei froh, dass die Lehrkräfte das wöchentlich zweimalige Testen so gut angenommen hätten, sagt Ruth Stephan. Das sei nicht an allen Schulen der Fall gewesen. Die Schulleitungen sind auf die Kooperation der eigenen Lehrkräfte angewiesen, da das Testen aus rechtlichen Gründen nicht verbindlich angeordnet werden kann. „Es ist alles schwer zu organisieren. Aber die Situation dieser Pandemie ist nun mal schwierig. Wenn das Testen dabei hilft, die Situation sicherer zu machen, ist es eine gute Lösung“, sagt Stephan.

Das Wechselmodell an der Grunewald-Grundschule ist nach Tagen sortiert. Das heißt, die Klassen kommen nicht zur Hälfte morgens und zur Hälfte nachmittags, sondern wechseln sich von Tag zu Tag ab. So können die Eltern ihre Kinder für sechs statt nur für drei Stunden in die Schule bringen. 

Wegen der Mutation ist die Sorge groß

Andere sind weniger zuversichtlich als Ruth Stephan. „Ich mache mir schon große Sorgen, was die englische Mutation und mögliche Infektionen in den Klassenzimmern angeht“, ist am Montag aus der Leitung einer anderen Berliner Schule zu hören. „Während andere Leute sich sogar draußen nur sehr begrenzt treffen dürfen, ist das teilweise alte Kollegium nun täglich mit ungefähr 26 Haushalten konfrontiert.“ Die Schule habe zwar gute Möglichkeiten, zu lüften und Abstand zu halten, dennoch bestehe ein Rest-Risiko. „Ich verstehe einfach nicht, warum die Lehrerinnen und Lehrer nicht vor dem Schulstart geimpft wurden. Sie haben ein viel höheres Risiko als der Rest der Bevölkerung und eine sehr wichtige Aufgabe.“ 

Die Politikwissenschaftlerin Majda Ruge ist erleichtert, dass ihre siebenjährige Tochter Nora, eine Erstklässlerin, wieder in die Schule darf. „Wir haben  so gut es geht Homeschooling gemacht, aber es ist ein Riesenaufwand neben der Arbeit. Immerhin können wir das überhaupt machen. Andere Familien können kein Deutsch oder haben aus Jobgründen keine Zeit für Heimunterricht, da fallen viele Kinder sehr zurück. Auch für diese Kinder freue ich mich, dass es jetzt wieder losgeht.“

Ihre Tochter sei sehr aufgeregt gewesen, nach so langer Zeit endlich wieder in die Schule zu gehen, berichtet die Mutter. Nora ist erst im Sommer 2020 eingeschult worden, ihr erstes Schuljahr wurde im Herbst dann jäh unterbrochen – was für sie und ihre Mitschüler nicht leicht zu verkraften war. Am Montag konnte Nora nach der Schule mit Maske sogar den Hort besuchen und draußen mit ihren Freunden spielen. Ein guter zweiter Start.

Viele Eltern schicken ihre Kinder jetzt mit einiger Erleichterung zur Schule, andere haben Bedenken. Einigkeit scheint unter Lehrkräften und Eltern derweil darüber zu herrschen, dass man mit Blick auf das Kindeswohl nicht viel länger warten konnte mit der Öffnung der Schulen. 

GEW fordert klare Richtwerte

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) geht davon aus, dass sich die Schulöffnung für untere Klassenstufen positiv auf die Kinder auswirkt. „Die Schülerinnen und Schüler der ersten bis dritten Klasse werden wieder einen direkteren Kontakt zu ihren Lehrkräften haben, und sie werden Freunde und Mitschüler endlich wiedersehen können“, sagte die SPD-Politikerin am Montag. „Das wird ihnen guttun."

Auch die Berliner Schülervertreter haben angesichts der psychischen Belastung der Kinder die Öffnung der Grundschulen für die ersten bis dritten Klassen begrüßt. Der Unterricht ermögliche es Lehrkräften zudem, den Lehrstand der Schüler zu evaluieren und angemesseneren Unterricht zu schaffen.

Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) indes äußerte Bedenken angesichts fehlender Richtwerte für das Verfahren nach der Schulöffnung. Ungeklärt sei etwa die Frage, ab welchem Inzidenzwert die Schulen wieder schließen müssen. Derzeit sei eine behutsame Öffnung der Schulen zwar verantwortbar, vorausgesetzt, die Zahlen bleiben stabil. Aber: „Was passiert, wenn wir Ende der Woche wieder bei 100 sind?“, fragte Tom Erdmann, Berliner GEW-Vorsitzender. Die Ungewissheit sorge bei Lehrkräften für Verunsicherung.

Anfang März wird die Zulassung für Schnelltests, die die Schüler selbst anwenden können, erwartet. Ab dann sollen sich alle Beteiligten, neben Lehrkräften auch Eltern und Schüler, zweimal pro Woche testen.  (mit dpa)