Die Corona-Pandemie soll die Verkaufszahlen von Fahrrädern enorm befeuert haben. Folgt daraus automatisch auch die Ableitung, dass wir uns nun alle mehr bewegen? Erfreulich wäre das ja, nur müsste man wohl für jeden auf dem Rad zurückgelegten Meter gegenrechnen, wie viel weniger sich Menschen durch das rasante Wachstum der Lieferdienste aus dem Haus hieven.

Mittags und besonders abends geben sich die Lieferantinnen und Lieferanten wirklich die Haustürklinken in die Hände, ob sie mit schweren quadratischen Boxen auf dem Rücken auf Fahrrädern oder E-Rollern kommen oder ihre Autos in zweiter Reihe abstellen.

Manchmal ergibt das lustige Bilder, etwa wenn zwei Lieferanten desselben Anbieters in entgegengesetzte Richtung ihre Wege kreuzen. Oder skurrile Momente: Als ich neulich beim vietnamesischen Imbiss auf mein Essen wartete, kam ein Lieferant mit einer Bestellung aus dem Laden, entriegelte sein Rad, setzte sich rauf, gab auf dem Handy die Zieladresse ein – und stoppte tatsächlich nur ein paar Hausnummern weiter, um sein Rad wieder abzuschließen und die Mahlzeit abzuliefern. Nun kann es natürlich sein, dass der Empfänger nicht gut zu Fuß oder anderweitig eingeschränkt war. Aber auch die Vorstellung, dass hier jemand einfach die eigene Komfortzone nicht verlassen wollte, erscheint nicht völlig abwegig.

In manchen älteren Filmen haben sich Protagonisten in die Selbstisolation begeben, nicht wegen eines Virus, sondern aus Liebeskummer oder aufgrund einer ausgeprägten Misanthropie. Sie ordern alles telefonisch und stellen nach Tagen fest, ohne ihre Kleidung auch nur einmal gewechselt zu haben: Es gibt gar keinen Grund, vor die Tür zu gehen, sofern man es nicht will. Was im Film mal eine utopische Überzeichnung der menschlichen Bequemlichkeit war, ist heute Realität. Es fällt nur draußen nicht so auf, weil die Zahl der Menschen hoch genug ist, um immer noch den Eindruck zu erwecken, alle seien unterwegs und niemand bleibe zuhause.

Immerhin ein Genussmittel erfordert den Kontakt zur Außenwelt, sofern es frisch und nicht aus dem heimischen Kühlfach kommen soll. Vor den Eisläden stehen sich die Menschen in diesen letzten Spätsommertagen die Beine in die Bäuche. Ist das etwa eine Marktlücke: Eiskugeln in der Waffel liefern, garantiert ungeschmolzen?