Günther Krabbenhöft geht auch in Maßanzug den Müll rausbringen.
Foto: BLZ/Benjamin Pritzkuleit

KreuzbergGünther Anton Krabbenhöft schlendert über die Admiralbrücke in Richtung Café Milchmädchen. Die Fliege, das Sakko, alles an ihm sitzt und harmoniert miteinander, sogar die weißen kabellosen In-Ear-Kopfhörer reihen sich farblich nahtlos ein. Die 75-jährige Stilikone ist auch im Epizentrum der Kreuzberger Hipness ein echter Hingucker.

Krabbenhöft empfängt einen offen, höflich, wie man es erwartet von einem Gentleman, und das, obwohl er ein bisschen gestresst ist, wie er sagt. „Viel los gerade.“ Ein Tanz-Video auf einer Privatparty mit ihm und Britt Kanja, einem weiteren Stern am Berliner Fashion-Himmel, gehe im Moment viral. Anfragen aus England, Frankreich und der Türkei flatterten ins Haus. Dazu beginnt die Promotion-Phase für sein erstes Buch. Ein Lebensratgeber, in dem Krabbenhöft über seinen Weg zu einer authentischen Persönlichkeit schreibt, viele Anekdoten aus seinem Leben zum Besten gibt – und in 14 Kapiteln, die jeweils in einer Sentenz kulminieren („Sei authentisch“, „Zum jung sein ist man nie zu alt“), Leserinnen und Lesern den Weg zum eigenen Glück aufzeigen will.

Herr Krabbenhöft, im Netz kursieren jede Menge Titel, die Ihnen zugedacht sind: Sie sind gelernter Koch, seit ein paar Jahren Model, Club-, Tanz-Ikone, „Berlins ältester Hipster“ und Influencer. Jetzt sind sie auch noch unter die Sachbuchautoren gegangen.

Ich habe immer schon viel Tagebuch geführt, aber nie nur einen Moment daran gedacht, etwas davon zu veröffentlichen. Wenn mir vor ein paar Jahrzehnten jemand gesagt hätte, du schreibst mal ein Buch, hätte ich gesagt, träum weiter! Das, was mir passiert ist, wie ich gelebt habe, mit welchen Anstrengungen es verbunden war, älter zu werden, in der Jugend seinen Platz zu finden, zu wissen, wo man hinwill, das war alles noch kein Thema in der Gesellschaft der 60er und 70er. Der Gedanke hat mich zum ersten Mal wirklich beschäftigt, als Freunde gefragt haben: Hast du nicht mal daran gedacht, das alles aufzuschreiben? Wer will das denn wissen, habe ich trotzig im ersten Moment gedacht. Jeder, der irgendetwas macht, schreibt doch ein Buch. Meine Freunde ließen nicht locker: Ich könnte doch anderen mit meiner Geschichte Mut machen. Irgendwann fand ich die Idee dann doch ganz gut ...

Wie lief denn der Prozess des Schreibens?

Die Einteilung in 14 unterschiedliche Kapitel hat es mir leichter gemacht. Ich musste ja keinen Roman stemmen und nicht konsequent einen Erzählstrang einhalten. An manchen Passagen habe ich sehr gefeilt, lange gesucht, um zu den Gedanken die richtigen Worte zu finden. Als ich die ersten Sätze schrieb, habe ich dann große Angst gekriegt, ob ich das wirklich machen will, so mein Inneres zu offenbaren. Doch ich habe nichts bereut. Ein großes Glücksgefühl übermannte mich auf meine alten Tage, als ich zum ersten Mal das fertige Manuskript las. Am Ende hat mich sehr berührt, dass ich mich getraut habe, so offen zu sein.

Sie haben einen Ratgeber geschrieben, es hätte ja auch eine Autobiografie oder ein Memoir werden können. Es war ihnen aber wichtig, die Menschen direkt anzusprechen?

Genau. Mir war wichtig, den Leuten noch mal klarzumachen: Hey, egal was dir passiert, wenn du meinst, du bist gescheitert im Leben, es kommt der Tag, an dem du die Schwäche als Stärke begreifst. Erst rückblickend erkenne ich meine eigenen Verzweiflungstage und kann sie wertschätzen.

Apropos Verzweiflung: Sie sind als Kind und Jugendlicher in der niedersächsischen Provinz häufig angeeckt. Waren Sie für das Buch noch mal dort?

Viel, viel früher. Vor ungefähr zehn Jahren bin ich das letzte Mal durch Letter gelaufen. Ich hatte damals das Gefühl, Abschied nehmen zu müssen. Als ich da war, wirkte alles viel kleiner, die Entfernungen kürzer, als Jugendlicher habe ich ja während der Koch-Lehre immer gejammert über meinen Arbeitsweg nach Hannover. Was hast du da eigentlich immer für’n Terz gemacht, dachte ich. Beim Schreiben später kamen dann noch mal viel stärker die Gefühle hoch. Ich habe intensiv den Schmerz gespürt, den ich damals empfunden habe.

Ihr neues Buch ist aber auch voll positiver Anekdoten. Sie erzählen von alltäglichen Begegnungen mit Menschen, die ihnen Glücksmomente bereitet haben.

Das ist ja nie etwas Spektakuläres. Wenn ich mit offenen Augen durch die Stadt gehe, fällt mir zum Beispiel ein Kind auf, das selbstvergessen mit der Zunge an einem Eis schleckt und völlig versunken ist in diesem Moment. Oder ich sehe ein schönes Licht-Schatten-Spiel. Es ist die Schönheit im Alltäglichen, die mich bewegt. Wenn ich manchmal sehe, wie achtlos die Menschen ihre Umgebung wahrnehmen und auf ihre Smartphones starren ...

Es gibt tatsächlich viel, was sie am Zeitgeist stört, sie schreiben von „grauen, emotionslosen Gesichtern in U-Bahnen“. War es denn früher so viel anders?

Ja, klar! Ich hatte das große Glück, dass ich auf dem Lande groß geworden bin. Ich habe schon damals stundenlang in der Wiese gelegen und bin meinen Gedanken nachgegangen, habe gelesen, vielleicht mal Radio gehört, viel von der Welt erfahren, obwohl ich selbst nicht dort war. Im Berlin der 70er und 80er haben die Leute früher auch mehr ein Buch in der Hand gehabt und es wurde viel mehr im Alltag kommuniziert. Der 29er Nachtexpress zum Beispiel – als die U-Bahnen nachts noch nicht fuhren – war ein Ereignis, eine Bühne für die Schwärmer und Schönen der Nacht. Dragqueens und andere Ausgeflippte stiegen ein und man hat immer miteinander gequatscht. Heute fahre ich manchmal auf der Rolltreppe und rufe den entgegenkommenden Leuten zu: Redet miteinander! Wie absurd ist das. Da sind die Leute dicht auf dicht und jeder starrt auf sein Smartphone und lebt in seiner Kapsel.

Auch in Kleidungsfragen drückt sich für Sie diese Mentalität aus, Sie sprechen von Berlin als Stadt der „schwarzen Kutten“.

Kleidung muss doch Spaß machen. Und ich rede nicht von Modetrends. Wenn die innere Schönheit mit dem Äußeren zusammenkommt, ist das doch ein unglaubliches Doppel. Kleidung als Möglichkeit, um etwas von sich zu transportieren. Bitte nicht falsch verstehen: Ich bin nicht die Klamotten-Polizei. Ob es mir gefällt, ist mir egal. Ich würde aber gerne einfach mehr sehen, dass die Menschen experimentieren und nicht dem Kleidungs-Konformismus, der großen „Gleichmacherei“, folgen. Es trägt mit Sicherheit jeder Schätze in sich, warum also nicht die Möglichkeit nutzen, andere daran teilhaben zu lassen?

Immerhin gilt Berlin als Stadt gelebter Individualität.

Ach, das glauben sie ja immer nur. Ich spreche manchmal mit den jungen Leuten und sage ihnen, für euch wäre alles möglich, ihr könntet alles anziehen. Ich weiß nicht, ob man es einfach darauf anlegt, scheiße auszusehen. Bei manchen sieht es ja sogar stimmig aus. Trotzdem bleibt für mich das heutige Kleidungsideal die Ästhetik des Hässlichen.

Der Nachkriegserziehung, die Sie so gequält hat, ist die Jugend ja nicht mehr ausgesetzt. Sie hätte doch viel mehr Entfaltungsspielräume …

Ich glaube, die großen Fragen der Jugend sind nach wie vor dieselben wie zu meiner Zeit. Wo ist mein Platz in der Gesellschaft? Durch Social Media entsteht aber eine große Angst, in Fettnäpfchen zu treten. Neu ist außerdem die Unsicherheit, die aus den vielen Möglichkeiten der Jugend entsteht. Wie im Supermarkt, wenn man vor einem Regal mit 50 oder 100 Joghurts steht ...

Das vorletzte Kapitel über „Haltung zeigen“ klingt nach einem Plädoyer für ein demokratisches Zusammenleben, ist das ein zeitaktuelles politisches Statement?

Mein ganzes Leben ist politisch. Ich hüte mich aber vor der aktuellen Aufgeregtheit. Mich ärgert, dass die Menschen nicht mehr miteinander, sondern übereinander reden. Ich muss natürlich bei Diskriminierung eine Linie ziehen, darf aber Menschen nicht verächtlich machen, nur weil sie anderer Meinung sind. Toleranz heißt auch, andere Menschen mit anderen Perspektiven zu akzeptieren.

In einem anderen Kapitel empfehlen Sie Ruhe-Oasen im Leben einzubauen. Stille und Entschleunigung ist in diesen Tagen ja reichlich vorhanden ...

Ich will nichts Schönes in dieser Zeit finden. Es ist immer da gewesen, was nun empfohlen wird zu tun. Dass ich Entschleunigung in meinem Leben brauche, habe ich auch vorher gewusst. Ich will Achtung, Respekt vor der Situation mit dem Virus haben, aber nicht in Panik verfallen und plötzlich als potenzieller Mörder gelten, nur weil ich einen guten Freund umarme. Das will ich nicht als Normalität annehmen. Für mich braucht auch keiner aus Verantwortungsgefühl zu Hause zu bleiben. Fragt mich doch einfach!

Günther Anton Krabbenhöft: „Sei einfach du! – Zum Jungsein bist du nie zu alt“. Harper Collins Verlag. Erscheint am 22. September 2020.