Beamte der 35. Einsatzhundertschaft der Berliner Polizei kontrollieren in Berlin-Kreuzberg die Umsetzung der Senatsanordnung. 
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BerlinBerlins Gastronomen haben ein Wochenende hinter sich, wie sie es noch nie erlebt haben. Die Senatsverfügung von Sonnabend, dass Clubs, Bars, Kneipen und Restaurants nicht mehr oder nur noch eingeschränkt öffnen dürfen, hat in der Ausgeh-Metropole eingeschlagen wie eine Bombe. Ein Gespräch am Tag danach mit Thomas Lengfelder, 60, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga.

Herr Lengfelder, seit Sonnabendnachmittag dürfen viele gastronomische Betriebe in Berlin nur noch eingeschränkt öffnen. Die Clubs sind komplett dicht, die Rauchergaststätten auch, einfach alle, die kein Essen anbieten. Restaurants dürfen nicht mehr so viele Tische aufstellen und und und. Wie ist das in der Branche angekommen?

Es war ein Schock. Gastronomen haben sich bei mir gemeldet und berichtet, dass plötzlich die Polizei bei ihnen war. Sie wussten gar nicht warum . Viele waren wirklich erschrocken – und damit meine ich Wirte, Personal und Gäste.

Thomas Lengfelder. Foto: Dehoga

Haben Sie denn schon einen Überblick darüber, wie die Kontrollen am ersten Shutdown-Wochenende gelaufen sind?

Natürlich ist der Überblick noch nicht vollständig. Aber ich glaube, man kann sagen, dass es insgesamt wohl wirklich sehr ruhig und besonnen gelaufen ist. Die Leute wissen ja, dass die Lage ernst ist.

Waren die Wirte eigentlich irgendwie vorbereitet auf die Verordnung?

Nein, überhaupt nicht. Und das ist riesiges Problem. Man hätte doch vorab zum Beispiel schon mal signalisieren können, dass sie für dieses Wochenende nicht mehr groß einkaufen müssen. Oder, dass sie ihrem Personal rechtzeitig Bescheid geben könnten. Tatsächlich ist nichts davon geschehen.

Das heißt, die Branche wusste wirklich von nichts?

Ja, komplett. Wir sind von diesen drastischen Maßnahmen völlig überrascht worden. Dass man uns bei einer Betriebsschließung, ja einem Berufsverbot, nicht ins Boot nimmt – da fehlen mir die Worte.

Aber sind Sie als Gaststättenverband nicht permanent im Kontakt mit der Politik?

Doch selbstverständlich. Und das muss ja auch so sein, wenn man sich die Zahlen anguckt. Es gibt derzeit in Berlin rund 16.000 Betriebe in der Hotel- und Gaststättenbranche. Diese Betriebe beschäftigen etwa 90.000 versicherungspflichtige Mitarbeiter, dazu kommen noch 450-Euro-Jobber und alle möglichen anderen Modelle.

Wie viele Menschen leben insgesamt vom Hotel- und Gaststättengeschäft?

Nach unserer Rechnung sind das 250.000 Menschen. Unsere Unternehmen machen jährlich 13,5 Milliarden Euro Umsatz und bezahlen mehr als zwei Milliarden Euro Steuer. Wenn man das vor die Wand fährt, haben wir hier ein ganz anderes Problem . Also: Selbstverständlich spricht man mit uns.

Aber...

Aber man setzt uns nicht vorher in Kenntnis, bevor man solche drastische Maßnahmen beschließt. Das geht gar nicht!

Was erwarten Sie denn jetzt von der Politik?

Zunächst einmal muss man sagen, dass alle Wirte ihr Personal halten wollen, auch in Zeiten der Krise mit riesigen Umsatzeinbußen. Aber das geht nur, wenn jetzt sofort Hilfe von der Politik kommt.

Der Senat hat doch einen Liquiditätsfonds mit 100 Millionen aufgelegt. Damit soll die landeseigene Investitionsbank Berlin dem produzierenden Gewerbe, für Tourismus, Hotellerie, Gaststätten und Einzelhandel helfen. Jetzt soll der Fonds auch für Clubs und Restaurants geöffnet werden.

Ja, aber der Liquiditätsfonds ist substanziell nichts Neues. Das ist ähnlich wie bei der Kurzarbeiterregelung, die erweitert wurde. Das ist alles schön und gut. Aber wir brauchen ganz schnelle Hilfe.

Was fordern Sie konkret?

Unsere Wirte brauchen zinslos tilgungsfreie Sofortzuschüsse. Wie soll das technisch gehen? Am besten wäre es, wenn der Unternehm er zu seiner Hausbank gehen könnte, mit der er dann einen Liquiditätsplan für die nächsten drei Monate entwirft. Hier herrscht wirklich die blanke Angst.