Vom Trabant ins Flugzeug: Vom Flughafen Berlin-Schönefeld, hier im Jahr 1976, starteten Millionen DDR-Bürger in den Urlaub. 
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BerlinAlle weinen Tegel nach, hier wird eine Träne für SXF verdrückt – und zwar für den Zentralflughafen Berlin Schönefeld, das Tor zur Welt für DDR-Bürger. In den vergangenen Jahren mochten ihn die Leute nicht – das alte Gebäude abgenutzt, die neuen Hallen ungemütlich, mit etwa zehn Millionen Passagieren überfordert. Kurz: der schlechteste Flughafen Deutschlands. Zu gebrauchen nur nach der Devise: Hin und schnell weg. Aber Häme hat er nicht verdient. Er hat hart gearbeitet, und nun rutscht er ab zum Terminal 5. Der alte große Schriftzug Flughafen Berlin Schönefeld ist bereits ab-, das neue anmontiert: BER Terminal 5. Am 25. Oktober verschwindet auch die internationale Kennung SXF. Dann steht - eine Woche vor der Eröffnung des Neubaus - das neue Kürzel in den Flugplänen: BER.

In mein Leben trat Schönefeld im Herbst 1978. Ich flog, ausgestattet mit tropenungeeignetem Pappkoffer und Visum für das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet (NSW), nach Luanda. Luanda! Ein Jahr Angola, als Dolmetscherin bei den Freundschaftsbrigaden der FDJ. Die Interflug bediente die Linie mit Zwischenlandung in Lagos, Nigeria. Was für Namen, fast wie Cuzco oder Valparaiso - unvorstellbare Orte für eine 22-jährige DDR-Bürgerin. Aber an solche Orte hatte ich gewollt, nicht nach West-Berlin oder Paris. Um in die Ferne zu gelangen, hatte ich Lateinamerikawissenschaften studieren wollen und – Gnade der Geburt als Kind kleiner Leute – einen der begehrten und raren Studienplätze bekommen.

Die Ausreise stellte ich mir anstrengend vor, mit vielen Kontrollen. Sie erwies sich aber als unkompliziert. Wer ins NSW flog, war bereits wohlüberprüft. In der Iljuschin 62 blieben, wie ich auf späteren Flügen erfuhr, fast immer viele Plätze leer. Meistens konnte man sich für die Nacht auf drei Sitzen ausstrecken. Wirtschaftlich lohnten diese Touren sicherlich nicht. Das Essen war mir egal, mich beschäftigte Wichtigeres als das trockene Hühnerbein. Ich träumte mich großartigen Erlebnissen entgegen und genoss mein Reiseprivileg.

Lufthansa wird Interflug

Das heißt nicht, dass andere Leute nicht flogen – im Gegenteil: Der Zentralflughafen Berlin Schönefeld wuchs und wuchs. Am 5. Juni 1963 freute sich „Bärchen“, die beliebte Rubrik der Berliner Zeitung: „Es lacht das Herz, wenn man zum Schönefelder Zentralflughafen kommt. Die neue moderne Abflughalle, der prächtige Parkplatz und das internationale Flughafenrestaurant sind eine gute Visitenkarte für die Hauptstadt.“ Am 30. Mai jenes Jahres meldete das Blatt: „Über 70.000 DDR-Touristen fliegen in den kommenden Monaten mit den Silbervögeln der Deutschen Lufthansa in die Ferien. Außer den Linienmaschinen starten jetzt täglich drei bis vier IL 18 und drei bis fünf IL 14 im Charterverkehr vom Zentralflughafen Schönefeld zum Schwarzen Meer, nach Ungarn und der CSSR.“ Am 22. Mai hatten die Leser folgende schöne Neuigkeit erfahren: „Aus Warna treffen jetzt täglich etwa zehn Tonnen taufrisches Gemüse und Obstkonserven auf den Schönefelder Zentralflughafen ein. Während des Sommerflugplanes der Deutschen Lufthansa bringt jede IL 18 aus Bulgarien neben ihren Passagieren auch noch die begehrten Vitaminspender für die Bevölkerung unserer Republik mit.“ Ebenfalls neu auf dem Sommerflugplan: „Zeitsparende Verbindungen an die Ostsee“ – nach einer Flugstunde Landung in Barth.

Das alles geschah zwei Jahre nach dem Mauerbau, und die Interflug hieß tatsächlich noch Deutsche Lufthansa. Den Namen musste sie im Juli 1963 nach einem Rechtsstreit mit der westdeutschen Linie gleichen Namens abgeben.

Original Interflug-Besteck, nachhaltig, weil aus wiederverwendbarem Metall.
Foto: Maritta Tkalec

Die Grenze von einer Million Passagieren pro Jahr wurde in Schönefeld 1969 überschritten, 1976 ging das noch heute funktionierende Gebäude in Betrieb, die Neue Passagierabfertigung (NPA) war modern, hell zweckmäßig, bot aber keine Raffinesse wie das zwei Jahre zuvor eröffnete Sechseck in Tegel. Zum Ende der DDR 1989 nutzten drei Millionen Leute den Flughafen, nicht alle waren DDR-Bürger, aber die meisten. Gerechnet auf etwa 17 Millionen Einwohner und die damaligen Verhältnisse im Flugverkehr bedenkend gar nicht so wenig. 1989 bediente die Interflug von Schönefeld aus 53 Ziele auf vier Kontinenten.

Zwei Orte blieben in Schönefeld den Normalreisenden verborgen. Den einen konnten sie aus der Ferne immerhin sehen: das sogenannte Generalshotel, das die Rote Armee 1947 für seine hohen Offiziere hatte errichten lassen und später der DDR-Staats- und Parteiführung als Regierungsterminal diente. Hier empfing man Leonid Breschnew und Fidel Castro. Das Flugzeug rollte fast bis ans Haus. Drinnen herrschte der Geschmack der 40er-Jahre: rotbunter Marmor, Kassettendecke, Kronleuchter, Stofftapete. Einmal begleitete ich eine hochrangige afrikanische Delegation dorthin zur Abreise. Es sah schon vor 40 Jahren wie ein Museum aus. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz, doch seine Zukunft ist unklar.

Ein anderer verborgener Ort hieß „Sonderraum“, Zutritt hatten wichtige Leute (VIPs). Was man sich heute mit Erster-Klasse- oder Business-Buchung erkaufen kann, stand seinerzeit Personen mit besonderem Status zu: Regierungsmitglieder, Wirtschaftskapitäne und ähnliche. Was war besonders im geheimnisvollen Sonderraum? Man wartete bequemer, saß in tiefen Sesseln, und es gab Radeberger, das begehrte DDR-Exportbier. Wer dort Zugang bekam, musste sich nicht um Gepäck und andere Formalien kümmern – vor allem aber durften Sonderraumgäste zuerst an Bord, ein großer Vorteil in Zeiten ohne Sitzplatzzuteilung. Normalflieger betraten die Maschine im Kampfmodus, bereit zur Eroberung der besten Sitze. In einem Chat von „Ex-Interfliegern“ schrieb die frühere Stewardess Sigrid K.: „Die VIPs kamen mit einem extra Bus und waren uns namentlich bekannt. Während des Fluges bekamen sie dann auch mehr Aufmerksamkeit als die Economisten und wurden (meist) am Zielort gesondert abgeholt.“

Gesonderte An- und Abreise, abseits vom großen DDR-Passagierstrom, erlebten auch die Reisenden aus dem Westen, und das waren gar nicht wenige. West-Berliner sowie Bundesbürger konnten über Schönefeld fliegen – und zwar um bis zu 70 Prozent günstiger, zum Beispiel per Interflug nach Budapest. Zubringerbusse der Ost-Berliner Verkehrsbetriebe starteten unter anderem am Hotel Arosa (Charlottenburg) und stoppten am Zentralen Omnibusbahnhof. Manche Passagiere erinnern sich an einen Shuttledienst per Barkas 1000 zwischen Grenzübergang Rudow/Waltersdorfer Chaussee.

Terminal K, später Easy-Jet-Quartier, war seinerzeit Transit-Passagieren von und nach West-Berlin vorbehalten und sorgsam vom Ostbetrieb abgesondert. Am Grenzübergang stieg ein Passkontrolleur der DDR-Grenztruppen in die Zubringerbusse, die dann ohne Zwischenstopp ins „West“-Terminal rollten. Abfertigung, Gepäckabgabe, Ausweis- und Personenkontrolle liefen dort ab. Erst im letzten Moment, in der Wartehalle vor den Gates, bekamen Ost- und Westreisende einander zu Gesicht. Bei der Ankunft lief das Prozedere umgekehrt ab.

Für mich blieb der Start von Schönefeld stets eine emotional kühle Angelegenheit. Anders die Ankunft. Nach Monaten mit Maisbrei, Malariagefahr, Hitze, Wassermangel, kriegsbedingter Ausgangssperre und ohne jedes Telefon liebte ich den Moment, wenn beim Zurollen auf das Empfangsgebäude die Großbuchstaben BERLIN-SCHÖNEFELD in Sicht kamen. Endlich wieder zu Hause. Bei Familie, Freunden und sauberem Wasser aus dem Hahn.