Der Bau einer Klinik ist für Albrecht Broemme eine neue Herausforderung.
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BerlinAlbrecht Broemme hat schon viele schwierige Situationen in seinem Leben gemeistert. Er hat nach der Wende die Feuerwehren zusammengeführt, 2015 die Flüchtlingskrise mit gemanagt. Nun baut er in der Hauptstadt ein Behandlungszentrum für 1.000 Coronapatienten. Er sagt: Berlin packt das.

1.000 Betten soll das neue Krankenhaus haben. Hat Berlin nicht genug Klinikbetten?

In Berlin gibt es viele Krankenhäuser mit guten Kapazitäten. Doch nun grassiert das Virus und jede Klinik wurde aufgefordert, ihre Kapazität für Beatmungspatienten hochzufahren. Anfang Januar waren es noch rund 1.000 Intensivbetten, jetzt wird diese Zahl auf 1800 Betten aufgestockt.

Ist das nicht genug?

Wir könnten sagen, ganz toll, und uns zurücklehnen. Doch was ist, wenn diese Betten für Berlin nicht reichen? Ich muss an den Worst Case denken. Es ist wichtig, in dieser Situation immer einen Schritt weiter zu denken.

Was ist, wenn auch die neu entstehenden 1.000 Betten nicht mehr genug sind?

Es ist hart zu sagen, aber irgendwann ist immer das Ende der Fahnenstange erreicht.

Sie bauen jetzt also die Messehalle 26 zu einer Art Krankenhaus um.

Es ist kein Krankenhaus im herkömmlichen Sinne. Wir nennen es „Corona-Behandlungszentrum Jafféstraße“. Das ist eine Überlaufstelle. Es kommen die Patienten zu uns, die in den Kliniken aus Kapazitätsgründen nicht behandelt werden können.

Was sind das für Patienten?

Menschen, die bereits beatmet werden müssen – allerdings nicht intensivmedizinisch. Es sind Patienten, die über eine Sonde oder eine Beatmungsmaske Sauerstoff bekommen müssen. Sollte sich der Zustand eines Patienten verschlechtern, wird er zurück ins Krankenhaus notverlegt.

Ist es nicht gefährlich, ein solches Behandlungszentrum für so viele Kranke mitten in der Stadt aufzumachen?

Die Lage ist optimal wegen der kurzen Wege zu vielen Krankenhäusern. Die Messehalle 26 wird gebäudetechnisch abgetrennt, sie bekommt eine Mauer, die Klimaanlage wird vom Rest des Messegeländes getrennt. Die Messe unterstützt uns dabei wunderbar. Die Abluft wird selbstverständlich gefiltert.

Mit einer Halle ist es aber nicht getan.

Stimmt, sie ist nur die Hülle, die wir zum Glück nicht neu bauen müssen. Nun aber muss das Gebäude ausgebaut werden. Am Montag schon sollen die Planer ihre Zeichnungen vorzeigen, ich muss eine Kostenplanung auf den Tisch legen. Erst einmal nicht für das Personal, sondern nur für die Einbauten und die Geräte. Die Patienten werden in Mehrbett-Zimmern behandelt. Es müssen schätzungsweise 200 Zimmer entstehen, dazu kommen Büros und einige andere Räume.

Wo bekommen Sie die 1.000 Betten und die medizinischen Geräte her?

Die Beschaffung hat das Land Berlin über den Bund angekurbelt. Wir nutzen alle Kanäle, um an das Material heranzukommen. Feldbetten reichen nicht aus, es müssen schon richtige Krankenhausbetten sein. Und die stehen nirgendwo auf Halde. Die Industrie hat den Ernst der Lage erkannt, sie produziert auf Teufel komm’ raus. VW etwa prüft, ob man nicht mit Drei-D-Druckern, mit denen bisher Autoteile hergestellt wurden, Beatmungsmasken produzieren kann. Das ist toll.

Die Patienten müssen behandelt werden. Wie viele Ärzte und wie viele Pflegekräfte benötigt das Zentrum?

Ich vermute derzeit, dass 600 bis 800 Ärzte und Pflegekräfte gebraucht werden.

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Es gibt schon jetzt einen Pflegenotstand, kaum Pfleger und Ärzte, die nicht schon im Einsatz sind?

Wir müssen auf Ressourcen zurückgreifen bei den Ärzten, die in ihren Bereichen derzeit nichts mehr zu tun haben: beispielsweise Sportärzte. Wir appellieren auch an Mediziner und Pflegekräfte im Ruhestand oder gerade angehende Ärzte. Ich trete aber weder beim Material noch beim Personal in Konkurrenz zu den Krankenhäusern. Erst sind die Kliniken dran, dann wir mit dem Behandlungszentrum.

Es gibt Ärzte und Pfleger im Ausland, die nicht mehr einreisen dürfen oder deren Abschlüsse hier nicht anerkannt werden.

Da bin ich bereits mit der Gesundheitssenatorin im Gespräch. Es stimmt, es gibt Probleme mit der Anerkennung von Fachkräften etwa aus Polen. Wir müssen schauen, wie maßgeblich die Gründe sind oder ob es sich nur um Formalien handelt. Wenn wir jetzt noch Verwaltungshürden aufbauen oder beibehalten, dann können wir das Projekt vergessen. Aber ich bin zuversichtlich, dass Berlin das packt.

Zur Person

Albrecht Broemme war von 1992 bis 2006 als Landesbranddirektor Berlins Feuerwehrchef. Ende 2006 wurde er zum Präsidenten des Technischen Hilfswerks berufen. Er blieb bis 2019 auf diesem Posten. Der 66-Jährige hat zahlreiche Katastrophen gemanagt. So leitete er die Rettungsmaßnahmen nach der verheerendsten Gasexplosion in der Berliner Nachkriegsgeschichte am 4. August 1998 in der Steglitzer Lepsiusstraße. Damals starben sieben Menschen.

Bei 1.000 Infizierten ist die Ansteckungsgefahr groß, wie schützen sich Ärzte und Pfleger?

Wir finden natürlich kein Personal, wenn wir sagen, du wirst dich dort garantiert anstecken. Wir brauchen gute Schutzbekleidung, Filteranlagen und sicher auch Schleusen. Auch die Patienten sollten einen Mundschutz tragen, und zwar einen richtigen, damit sie die Viren beim Husten nicht weitergeben. Und wir müssen uns auch um die emotionale Seite kümmern.

Das heißt?

Ich kann der Schwester oder dem Arzt nicht sagen: Nun mach mal, es wird schon gutgehen. Sie brauchen Fachleute, bei denen sie sich aussprechen können. Über das, was sie erlebt haben. Denken Sie an die Situation in Italiens Kliniken. Es wird auch hier unangenehme Erlebnisse geben.

Wann soll das Behandlungszentrum fertig sein?

So schnell wie möglich. Wenn ich vor wenigen Monaten erzählt hätte, ich würde ein Krankenhaus mit 1000 Betten in drei Monaten bauen, hätten alle gesagt: Das gibt es doch gar nicht. Heute rede ich nicht von Monaten, sondern von Wochen.

Können Angehörige ihre kranken Verwandten in der Messehalle besuchen?

Nein, es wird ein Behandlungszentrum ohne Publikumsverkehr werden. Deshalb benötigen wir auch eine gute Internetverbindung, damit die Patienten mit ihren Verwandten kommunizieren können. Wir können die Kranken nicht einfach von der Welt abschneiden.

Sie haben Rettungsmaßnahmen so mancher Katastrophe koordiniert ...

... aber noch nie ein Krankenhaus gebaut.

Trotzdem können Sie sagen, ob Berlin gut auf die Pandemie vorbereitet war.

Ich muss jetzt mal die Berliner Krankenhäuser loben. Bei denen liegen die Notfallplanungen nicht ganz unten in der Schublade. Dort sind solche Szenarien in der Vergangenheit geübt worden. Das fing schon 1994 an. Da war ich seit zwei Jahren Feuerwehrchef. Es gab unangemeldete Notfallübungen, bei denen plötzlich 200 Verletzte oder Schwerkranke versorgt werden mussten.

Das hat funktioniert?

Ja. Und andere Städte haben uns für verrückt erklärt. Sie wollten wissen, wer sowas bezahlt. Das war in Berlin nie ein Thema, es wurde gemacht. Berlin hat zudem einen Pandemieplan, die Feuerwehr hat einen, die Polizei, die Bezirke.

Was halten Sie von einer Ausgangssperre?

Wenn die Menschen vernünftig sind, bleiben sie schon jetzt zuhause. Ich kann Jugendliche nicht verstehen, die sich aus der Pandemie einen Jux machen. Ich glaube, das Problem einer Ausgangssperre wird sein, sie auch durchzusetzen. Sie wird nicht nur 14 Tage lang andauern. Das hat natürlich Auswirkungen auf unser Alltagsleben. Entweder es bringt Ehen zusammen oder auseinander...

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Sie müssen viel unterwegs sein. Wie schützen Sie sich vor Ansteckung?

Ich halte Abstand – auch an der Kasse im Supermarkt. Beim Begrüßen reicht ein Hallo. Und jeden Tag kippe ich Vitamin B12, D, C und ein bisschen Zink in mich hinein. Dann fühle ich mich gut gewappnet. Und manchmal trinke ich in der heutigen Situation nach Feierabend auch mal ein Corona-Bier – aus Prinzip.

Sorgen Sie vor für den Fall, dass die Lebensmittelmärkte schließen?

Ich habe ein paar Packungen Pumpernickel, Rindfleisch, Obst und Gemüse zuhause, die einige Zeit reichen werden. Ich kann die Leute nicht verstehen, die nun Hamsterkäufe veranstalten. Ich befürchte, vieles landet davon im Müll. Unverständlich ist auch, warum die Leute Klopapier kaufen ohne Ende. In Frankreich horten die Menschen Rotwein und Kondome, in den USA Waffen, hier Toilettenpapier. Das ist wohl ein Mentalitätsproblem.

Was werden Sie machen, wenn Corona kein Thema mehr ist?

Cello spielen, Gartenarbeit, andere Ehrenämter. Jetzt habe ich dafür keine Zeit. Ich wollte mit meinem Sohn ein Wochenende an der Müritz verbringen. Das geht jetzt natürlich nicht. Wir verlegen den Ausflug einfach in unseren großen Garten.