Am vergangenen Dienstagabend, so gegen halb zehn, hat sich Timothy Grossman eine gelbe Warnweste übergezogen und mit einer Spraydose große weiße Davidsterne auf die Scheiben des Haupteingangs vom Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte gesprüht. An die Fassade hängte er ein großes Plakat. „Boykott! Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht im Babylon!“, steht dort in Frakturschrift und erinnert an die Nazi-Aufrufe gegen jüdische Geschäftsleute.

Zwei Tage später sitzt Grossman mittags im Foyer seines Kinos, draußen fotografieren ständig Passanten seine „Kunstaktion“, wie er seine eigenwillige Provokation bezeichnet. „Das ist meine natürliche Reaktion auf die Boykottaufrufe gegen das Kino“, sagt er. Es sei seine letzte Chance, das Kino zu retten. Denn seit Juli wird sein Kino unbefristet bestreikt.

Druck von Verdi

Einige der 15 Mitarbeiter des Babylon – die Gewerkschaft Verdi nennt sieben, Grossman vier – stehen seitdem in gelben Warnwesten vor dem Eingang. Sie weisen die Besucher auf den Streik hin, sie fordern sie auf, doch besser auf einen Besuch zu verzichten und dort nichts zu kaufen. Veranstaltungen finden trotzdem statt.

„Seit fünf Jahren gab es für die Mitarbeiter keine Lohnerhöhungen mehr“, sagt Andreas Köhn, bei Verdi zuständig für Medien und Kulturpolitik. Die Stundenlöhne der Filmvorführer (laut Verdi 9,03 Euro) und der anderen Angestellten müssten um etwa zwei Euro angehoben werden, auch wenn die Service-Mitarbeiter den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro bekommen.

Der gewerkschaftliche Druck gegen Grossman ist auch deshalb so massiv, weil das Babylon das einzige kommunale Kino der Hauptstadt ist und für sein besonderes Programm, etwa mit Stummfilmnächten, Festivals, Previews und Retrospektiven, jedes Jahr 358 000 Euro vom Senat bekommt, nach aktuellem Stand auch in den nächsten Jahren. „Es kann nicht sein, dass Steuergelder in ein Privatkino fließen, das Dumpinglöhne zahlt“, sagt Verdi-Vertreter Köhn. Im Babylon seien die Eintrittspreise gestiegen sowie die Preise für die Miete von Kinosälen für andere Veranstalter. Jährlich kommen etwa 150 000 Besucher. Also müssten die Löhne steigen.

Geschäftsführer Grossman widerspricht. Der Durchschnittslohn habe sich „stetig erhöht“ und betrage nun mehr als zwölf Euro. Das Geschäft sei ein „Nullsummenspiel“. Grossman ist überzeugt, dass sich hinter der „Maske des Arbeitskampfes“ ein antisemitischer Angriff auf ihn verberge. Es fallen Begriffe wie Hass, Denunziation, Psychoterror. Insbesondere ein Mitarbeiter würde andere gegen ihn aufhetzen. Für manche sei er „der größte Ausbeuter der Stadt“, das „jüdische Kapitalistenschwein“, sagt Grossman.

Eines hat er schon jetzt erreicht. Über seine Aktion spricht die ganze Stadt. Unterstützer und Gegner melden sich zu Wort. Kulturstaatssekretär Tim Renner sagte der Berliner Zeitung: „Ich sehe in den Vorfällen eine persönliche Auseinandersetzung, die in Form und Inhalt sehr irritierend ist.“ Renner erwartet, dass Empfänger staatlicher Zuwendungen verantwortungsbewusst mit Fördergeldern umgingen und im Interesse des Kinos ihren Streit beilegen.

Künstler sagen ab

Inzwischen werden Veranstaltungen abgesagt. Der Sänger und Autor Thees Uhlmann wollte am Donnerstagabend im Babylon aus seinem ersten Buch lesen. Er hat die Veranstaltung in das Columbia Theater (Columbia Club) verlegt. „Wer Symbole und Sprüche aus der dunkelsten Zeit Deutschlands und der ganzen Welt dazu nutzt, um auf seinen eigenen Kram aufmerksam zu machen, bei dem spiele, lese, rede ich nicht“, schreibt er. Das Konzert von Bela B. – er sollte Freitag im Babylon spielen – findet jetzt in der Columbiahalle statt.

Hingegen ruft Regisseur Volker Schlöndorff die Zuschauer „zum Boykott des Boykotts“ auf, das Babylon sei eines der „lebendigsten Kinos in Berlin“. Verdi-Vertreter Köhn sagt, der Streik werde fortgesetzt. „Persönliche Auseinandersetzungen haben nichts mit unseren Tarifverhandlungen zu tun.“ Und Grossman? Der ist froh, dass ihm endlich einer zuhört.