Essen als Ideologie – was verbindet das Dschungelcamp und die Grüne Woche in Berlin?

Die beliebte Trash-Show im RTL und die weltgrößte Ernährungsmesse eint die Frage, ob man heute in einem richtig geführten Leben noch das Falsche essen darf.

Ein Gericht im Dschungelcamp wurde als „Augenschmaus“ angekündigt: es waren Krokodilaugen.
Ein Gericht im Dschungelcamp wurde als „Augenschmaus“ angekündigt: es waren Krokodilaugen.Stefan Thoyah/RTL

Fangen wir mit einer Art Witz an: Was hat das RTL-Dschungelcamp im fernen Australien mit der am Freitag in Berlin beginnenden Grünen Woche gemeinsam? Auf den ersten Blick gar nichts. Auf den zweiten Blick sehr viel. Denn bei der beliebtesten Winter-Trash-Show im deutschen Fernsehen geht es genauso ums Essen wie bei der weltgrößten Landwirtschaftsmesse.

Und die Art der Ernährung ist in unserer Wohlstandsgesellschaft längst zu einer der letzten großen Glaubensfragen geworden, mit klar getrennten Lagern, mit Gut und Böse. Was wir essen, ist nicht mehr eine rein individuelle Frage des Geschmacks. Essen ist auch politisch: Die Art der Ernährung ist inzwischen zu einem ideologisch umkämpften Schauplatz geworden, auf dem mit fast religiösem Eifer um die Deutungshoheit gekämpft wird.

Krokodil-Penis oder Affen-Anus

Das zeigt sich exemplarisch im Dschungelcamp. Viele lehnen solche Sendungen ab, aber sie sind immer auch ein Spiegelbild des jeweils aktuellen Zeitgeistes. Für all jene, die die Sendung nicht kennen: Dort hocken ein paar weitgehend unbekannte sogenannte Stars zwei Wochen lang unter ein paar Bäumen voller Kameras. Jeden Tag muss jemand zu einer Prüfung, die oft eklig ist, weil die Prüflinge dann einen gesottenen Krokodilpenis verspeisen müssen, ohne sich zu übergeben, oder einen Affen-Anus. Wenn sie das nicht schaffen, bekommen alle anderen weniger zu Essen.

In dieser Staffel präsentiert sich das Model Tessa als Hardcore-Veganerin, die weder auf Kakerlaken treten noch irgendetwas Nichtpflanzliches essen will. Sie muss oft in die Prüfung, deshalb muss die Truppe hungern. Und schon läuft die Diskussion, ob sie als Veganerin nicht doppelt bestraft wird. Denn kaum ein Mensch isst wohl gern Penisse, aber Veganer machen das besonders ungern. Und sie selbst gibt sich so, als würde sie lieber im Camp verhungern, als abends ein Stück gebratenen Fisch zu essen.

Sie sieht sich als Vorkämpferin einer Bewegung. Und wie bei allen ideologischen Eiferern geht es nicht so sehr darum, andere mit Argumenten zu überzeugen, sondern eher darum, sich an der eigenen Standhaftigkeit zu berauschen.

Die Fronten sind verhärtet

In ideologisch geprägten Debatten verfallen viele schnell in klassisches Schwarz-Weiß-Denken oder ein Freund-Feind-Schema. Um die Gegenpole der Debatte zu veranschaulichen hier nun die idealtypischen Vertreterinnen oder Vertreter beider Lager. Da sind zum einen die guten Esser: weiblich, jung, achtsam und natürlich vegan. Sie sehen die Wahl ihrer Ernährung als individuellen Beitrag zur Rettung der Welt. Sie leben bewusst ohne Industriezucker, kaufen unverpackte Lebensmittel und trinken nur Apfelsaft, den ein regionaler Bauer in Mehrwegflaschen abgefüllt hat. Bis Lützerath wählten sie meist grün und nach Lützerath vielleicht radikaler.

Die bösen Esser sind alt, männlich und ignorant. Sie haben einen Grill, der halb so groß ist wie ein Kinderzimmer. Sie essen dreimal täglich Schweinefleisch, Wurst, Käse und Eier; Milch trinken sie meist nicht, dafür aber Bier, das ein globaler Großkonzern in Dosen abfüllt. Sie wählen konservativ oder gar AfD.

So weit die Klischees, doch jedes Klischee hat auch seinen wahren Kern. Viele Eiferer verkennen, dass Essen immer auch eine ökonomische Dimension hat. Die einen können sich ein Kilo bestes Kobe-Rind für bis zu 1000 Euro leisten, andere gehen abends teuer vegan Essen, doch viele können sich eben nur Billig-Bierschinken vom Discounter leisten. Essen ist immer auch sozial.

Wie verhärtet die Fronten sind, zeigt sich auch daran, dass die Betreiber einer „veganen Fleischerei“ in Dresden in den asozialen Medien aktuell sogar Morddrohungen erhalten.

Auf beiden Seiten wäre Abrüstung angebracht. Denn der Regenwald des Amazonas, die größte und wichtigste natürliche Klimaanlage der Welt, wird aus zwei Gründen unwiederbringlich abgeholzt: für die Steaks der Fleischesser und für die Sojafelder der veganen Tofu-Fans. Und wer nachmittags mal ein veganes Eis isst, rettet nicht gleich die Welt, wer sonntags mal zur Bratwurst greift, zerstört nicht gleich den Planeten.

Derzeit ist die Entwicklung recht eindeutig: Der vegane Trend verfestigt sich. Die Rügenwalder Mühle – die mit Abstand bekannteste Wurstmarke der Nation – hat 2021 erstmals mehr vegane Teewurst & Co. verkauft als Wurst aus Fleisch. Damit stieg sogar der Gesamtumsatz um zwölf Prozent.

Friedliche Koexistenz ist möglich und nötig. So wie im Supermarkt: Dort steht im Kühlregal das „XXL-Schweineschnitzel“ auch neben den „SoFish-Stäbchen aus Soja“.