Es war ein Lkw mit einer besonderen Fracht, der am frühen Dienstagmorgen beim Berliner Fischereiamt an der Charlottenburger Havelchaussee vorfuhr. Er hatte 300.000 junge Aale an Bord. Lebend. Gefangen hat man sie im Winter an der französischen Küste. Da waren sie noch ganz durchsichtig, nur wenige Zentimeter groß und wogen lediglich ein Viertel Gramm. Aufgepäppelt hat sie ein spezieller Fischzuchtbetrieb nahe Osnabrück – bis sie etwa sechs Gramm wogen und rund 17 Zentimeter lang waren.

Nun haben die jungen Aale ihre Freiheit wieder. Am Dienstag wurden die Fische auf drei Schiffe verteilt und an verschiedenen Stellen in Ober- und Unterhavel in Ufernähe ins Wasser entlassen – beispielsweise bei Valentinswerder im Tegeler See und in Spandau. „Dort verbuddeln sie sich erstmal im Schilfbereich am Boden. Und dann erkunden sie nach und nach die Berliner Gewässer“, sagt Janek Simon vom Institut für Binnenfischerei in Potsdam-Sacrow, der das Aussetzen der Aale wissenschaftlich betreut.

Das ganze ist keine Spielerei von Tierfreunden, sondern im Prinzip von der EU verordnet. Denn in ganz Europa sind die Aalbestände seit Jahrzehnten rückläufig. In Berlin gingen sie in den vergangenen 20 Jahren um 50 Prozent zurück. Anderswo sieht es nicht besser aus. Das erfreut weder die Angler und Binnenfischer, für die der Aal wirtschaftlich bedeutend ist, noch Umweltschützer, die die natürliche Fauna erhalten möchten.

Wer Aale wissenschaftlich untersuchen will, muss Geduld haben

Seit zehn Jahren ist der Aal Gegenstand Europäischer Managementbemühungen. Dazu gehört der Aalbesatz, wie sich das Aussetzen von Jungtieren im Fachjargon nennt. Die Länder müssen sicherstellen, dass mindestens 40 Prozent der erwachsenen Aale den Weg zurück ins Meer finden. Denn dahin wandern sie, um zu laichen. Wenn nicht genügend Aale abwandern, droht eine Reduzierung des Fangs.

Die Berliner Aale finden offenbar in ausreichender Zahl den Weg von der Spree über Havel und Elbe in die Nordsee. Das haben Janek Simon und seine Kollegen unter anderem anhand von Fischen beobachtet, die sie mit Sendern versehen haben. Wer Aale wissenschaftlich untersuchen will, muss Geduld haben. „Es handelt sich um eine langsamwüchsige Fischart. Die Tiere werden erst nach 8 bis 15 Jahren im Süßwasser geschlechtsreif“, erläutert Janek Simon.

Wenn sie erwachsen sind, treten Aale eine atemberaubend lange Reise an. Sie wandern zum Laichen 5000 Kilometer weit durch den Atlantik bis zur Sargassosee östlich von Florida. Dabei folgen sie einem genetisch festgelegten Programm.

In Berlin wurden von 2005 bis 2016 rund 4,8 Millionen junge Aale ausgesetzt

Nach dem Laichen sterben die Fische. Ihr Nachwuchs – winzige Larven – lässt sich mit dem Golfstrom an die europäischen Küsten treiben. Das dauert ein bis drei Jahre.
In Berlin wurden von 2005 bis 2016 rund 4,8 Millionen junge Aale ausgesetzt. Mehr als 1,6 Millionen Euro hat das gekostet, ein Teil davon wurde mit Hilfe von EU-Fördermitteln bezahlt.

Dieses Jahr sind es weitere 600.000 Jungaale. Die eine Hälfte erkundet nun die hiesigen Kanäle, Seen und Flüsse. „Die andere Hälfte wird Ende August geliefert“, sagt Derk Ehlert von der Senatsverwaltung für Umwelt, zu der das Fischereiamt gehört.

Dass die Aalbestände so stark zurückgegangen sind, liegt vor allem daran, dass viele Flüsse derart mit Wehren und Wasserkraftwerken verbaut sind, dass die Jungfische den Aufstieg ins Binnenland nicht mehr schaffen. „Das ist ungleich schwerer als der Abstieg zum Laichen. Da können sie sich wenigstens über die Wehre gleiten lassen“, sagt Fischereiingenieur Simon. Ein natürlicher Aalaufstieg sei in Berlin seit mehr als 40 Jahren nicht mehr beobachtet worden. 

Deshalb müssen auch in Zukunft junge Aale aus dem Atlantik gefischt und nach Berlin und anderswo im Binnenland transportiert werden. Ein Teil von ihnen wird gefischt und landet auf den Tellern. Die übrigen treten irgendwann die Reise in die Sargassosee an und sorgen für Nachwuchs.