Euro Podiumsdiskussion : Sarrazin einmal anders

Wer neue Provokationen erwartet hatte, wurde von Sarrazin gleich enttäuscht. Als Buchautor fordert er zwar, den Euro abzuschaffen. Bei der vom Verein Berliner Kaufleute und Industrieller organisierten Debatte im Ludwig Erhardt Haus nahe dem Zoo aber stellte er sofort klar: „Heute Abend muss ich mich absolut zurückhalten“.

Dafür waren ja genügend Euro-Gegner anwesend, so auch Bernd Lucke, Gründer der Anti-Euro-Partei Alternative für Deutschland (AfD). Unter dem Applaus des Publikums, mutmaßlich überwiegend Berliner Unternehmer, zog der die gemeinsame Währung zu Felde. Keinem südeuropäischen Land sei es gelungen, dem starken Wettbewerbsdruck im Euro zu widerstehen, meinte der Professor aus Hamburg.

Unterstützung kam von Jürgen Stark, dem ehemaligen Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), der aus Protest gegen die EZB-Hilfen für Krisenländer zurück getreten wäre. Damit habe die Notenbank den Bereich der Geldpolitik verlassen. „Mit der Flutung der Märkte werden Banken am Leben erhalten, die im Grunde insolvent sind.“ Als Illusion geißelte Stark die Erwartung, dass die Krisenländer mit Reformen vorankämen.

Es fehle der politische Wille, die Einsicht, dass man über die Verhältnisse gelebt habe. Auch der deutsche Wirtschaftsprofessor Philipp Bagus, der in Madrid lehrt und lebt, beklagte mangelnde Veränderungsbereitschaft. In Spanien habe der Staat 2012 mehr ausgegeben als 2007, als es dem Land noch gut ging. Die Regierung in Madrid hoffe noch immer, „dass die lieben Deutschen ihnen unter die Arme greifen“.

Spätestens da wusste jeder im Publikum, was Sarrazin gemeint hatte, als er eingangs beklagt hatte, leider sei das Podium nicht ganz fair zusammen gesetzt. Drei Euro-Skeptiker gegen einen Befürworter. Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, verteidigte einsam die Bemühungen der Krisenländer.

Alle vier Länder, die mit Zustimmung des Bundestages Unterstützung aus dem Rettungsfonds erhielten, lägen mit ihrem Reformtempo in internationalen Vergleichen etwa der Industrieländerorganisation OECD ganz an der Spitze. Von „dramatischen Reformen“ sprach Schmieding und erinnerte daran, wie Großbritannien unter Margret Thatcher und Deutschland unter Kanzler Gerhard Schröder mit harten Reformen die Wende geschafft hätten. Dies sei auch in Südeuropa möglich.

Und so drehte sich die Debatte im Kern um die Frage, was die man den südeuropäischen Völkern zutraut. Für sein Vertrauen, dass auch Spanier, Griechen oder Italiener wirtschaften können, bekam Schmieding vorsichtigen Applaus. Aber auch unter den Zuschauern dominierten wie vorne auf dem Podium die Zweifel und das Misstrauen gegenüber den südeuropäischen Völkern und die Überzeugung, dass sie nicht so hart reformieren könnten wie die Nordeuropäer.

Eine Ausnahme gönnt sich Sarrazin doch von der selbst auferlegten Zurückhaltung. Ihm fehle die Phantasie sich vorzustellen, dass Griechenland, Spanien oder Italien ohne eigene Währung die nötige Abwertung simulieren könnten.

„Der Euro gerettet – Deutschland ruiniert?“ - unter dieser Überschrift lief die Debatte. AfD-Mitbegründer Lucke antworte mit einem klaren Ja. Die Kosten des Verbleibs im Euro seien höher als die eines Austritts.

Widerspruch kam wenig überraschend allein von Schmieding. Die Krisenländer fallen und den Euro scheitern zu lassen, wäre die einzige Möglichkeit, um Deutschland in die Nähe eines Staatsbankrotts zu bringen. Versöhnlich zeigte sich immerhin zum Schluss Stark. An Lucke gewandt erklärte er, man könne nicht alle Probleme dem Euro anlasten.

Spanien habe auch schon in den 70er Jahren ähnlich hohe Arbeitslosenraten gehabt wie heute. Die strukturellen Probleme seien nur durch den Immobilienboom überdeckt worden.

Die Bitte einer Frau im Publikum, zum Wohle Deutschlands die AfD bei der Bundestagswahl zu unterstützen, lehnte Sarrazin ab. Es sei gut, wenn in allen Parteienverschiedene Positionen vertreten seien, sagte der SPD-Politiker. Wieder sagte er, er wolle in der SPD bleiben.