Mit einem Bier in der Klaue stehen zwei Drachen beisammen, umgeben von Wölfen mit buntem Fell, Füchsen und Katzen. Die Tiere kichern, sie kuscheln miteinander, kraulen sich – und machen das Foyer des Estrel Hotels in Neukölln zum Kostümball. Sie alle nehmen Teil an der Eurofurence – in etwa europäische Konferenz der Fellträger, dem größten kontinentalen Treffen von Anhängern der Furry-Bewegung, einer weltweiten Gemeinschaft von Tierliebhabern. Ihre mitunter seltsam anmutende Zuneigung zeigen sie, indem sie Comics zeichnen, Puppen und Kostüme basteln, oder einfach in welche hineinschlüpfen – nur Tiere und Fabelwesen müssen es sein.

Aus 43 Ländern

Ein friedlicher Spaß, eine harmlose Leidenschaft – So wie bei den beiden Katzen, die sich im Foyer des Hotels stumm gegenüberstehen. Sie winken sich schüchtern zu, legen eine Hand auf den Mund, die Köpfe verschämt nach unten gesenkt. Dann plötzlich umarmen sie sich doch noch so herzlich, als würden sie sich schon lange kennen.

„Für viele ist das hier wie eine Familie. Da sind viele richtig gute Freunde dabei“, erklärt Jörg Reuter, einer der Organisatoren des Treffens. Er selbst ist ein echter Veteran der Bewegung. Schon das erste Treffen 1995 in einer kleinen Gemeinde in Schleswig-Holstein hat er mitveranstaltet. Teilnehmerzahl damals: 19. Zur aktuellen 21. Auflage sind über 2 100 Besucher aus 43 Ländern gekommen. Selbst aus Brasilien, Singapur und Japan zieht es die Furries dieses Jahr nach Berlin. „Wir hätten niemals gedacht, dass sich das so entwickeln würde“, sagt Reuter begeistert.

Auch die Furries, ob mit oder ohne Verkleidung, scheinen glück, in Berlin zu sein. Viele kennen sich aus dem Internet, wo in den einschlägigen Foren zumeist der Austausch stattfindet. Conventions wie die in Berlin werden so zu großen Klassentreffen, um alte Freunde und noch neue Internetbekanntschaften auch im realen Leben zu sehen. Dabei geht es ihnen um mehr, als nur eine Verkleidung zu tragen. „Kostüme sind in der Szene eigentlich ein kleinerer Aspekt“, erklärt Reuter. Wichtiger sei die künstlerische Seite, das Zeichnen und Basteln von Tierkostümen. Ein Fellkleid überzustreifen sei da nur der letzte Schritt. Immerhin 900 Teilnehmer haben sich dieses Mal dennoch dazu entschlossen.

Heißes Kostüm

Unter ihnen sind auch die finnischen Wölfe Gaikotsu und Rimawolf hier. Seit drei Jahren tragen die jungen Frauen immer wieder ihre weißen Wolfskostüme mit den rot-schwarzen Mustern. Gaikotsu, so ihr Name, der auf einen Comicwolf zurückgeht, hat sie selbst geschneidert. An jedem saß sie circa zwei Monate. Warum sie sich verkleiden? Gaikotsu findet es einfach schön, in eine Rolle zu schlüpfen. Hinter Rimawolfs Erklärung steckt gar ein echtes Erweckungserlebnis: „Ich habe im Wald einen Wolf getroffen und er hat mich nicht angegriffen. Stattdessen habe ich eine Verbindung zwischen uns gespürt. Deshalb wollte ich mich auch als Wolf fühlen.“ Für Rimawolf ist es die erste Convention dieser Größe. Die Reise habe sich aber schon nach eineinhalb Tagen vollkommen gelohnt: „Man trifft so viele Leute. Es ist einfach eine großartige Erfahrung.“

Diesen Spaß lassen sie sich einiges kosten. Alleine Ticket und Unterbringung im Estrel kosten für die fünf Tage mindestens 300 Euro. Hinzu kommen die Kosten für die teils weite Anreise. Manche Teilnehmer sparen dafür ein ganzes Jahr.

Behäbig tappt unterdessen ein grauer Drache herum. Rempelt mit seinen Flügeln links und rechts die umstehenden Menschen an. Kurz posiert er noch für ein paar Fotos. Dann reicht es ihm: „Ich muss aus dem Ding raus. Das ist einfach zu heiß.“