Ein schlanker, selbst im oft so grauen Berliner Wetter blau und silbern schillernder Turm steht vor uns, hoch oben der Mercedes-Stern, im ausgebreiteten Sockelbau das Shopping-Center mit Eislaufbahn und um die 100 Geschäfte inklusive des Kabaretts Die Stachelschweine.

Seit heute genau fünfzig Jahren brummt hier das Geschäft. Am 2. April 1965 wurde das Europa-Center eröffnet, mit Regierendem Bürgermeister Willy Brandt und der Hautevolee der West-Berliner besseren Gesellschaft. Der Kurfürstendamm und die heute oft West-City genannte Stadtregion schienen wieder einmal dem angeblich andauernden Niedergang entrissen.

Hoffnungsträger in West-Berlin

West-Berlin war stolz darauf, endlich ein richtiges Bürohochhaus zu besitzen. 103 Meter hoch, 21 Etagen, mehr als 13 000 Quadratmeter Bürofläche. Entworfen hatte es das Düsseldorfer Architekturbüro Hentrich, Petschnig und Partner (HPP) – damals einer der wenigen weltweit bekannten deutschen Player auf dem internationalen Architekturmarkt.

Karl Heinz Pepper hatte HPP für das Europa-Center engagiert, aus heutiger Sicht fast unvorstellbar gab es für den Riesenbau mit seinen 80 000 Quadratmetern Gesamtfläche keinen Architekturwettbewerb. Pepper, der in den 1930ern ein Radiogeschäft aufgemacht hatte und nach dem Krieg zu einem der großen Immobilieninvestoren West-Berlins wurde, vertraute lieber seiner Erfahrung. Schließlich befanden sich in seinem Portfolio schon mehrere Hochhäuser am Ernst-Reuter-Platz oder die Kant-Garage an der Kantstraße, einen der wenigen überlebenden Zeugen der Automobilbegeisterung der 1930er-Jahre; dass diese Kostbarkeit heute gefährdet ist, läge sicher nicht in seinem Sinn.

Pepper, der 2002 hoch geehrt zu Grabe getragen wurde, war Investor, nur bedingt auch Spekulant. Er kaufte und baute, um zu vermieten und aus der Rendite neue Projekte zu finanzieren. Er hatte jenen kapitalistischen Wagemut, der Berlin in der Kaiserzeit zu einer der größten Industriestädte der Welt gemacht hat, der sogar in der Weimarer Republik noch herrschte.

Allerdings war das Europa-Center auch das erste große jener bis heute staunenerregenden Steuerabschreibungsprojekte, die West-Berlins Geschichte bis weit in die 1990er hinein prägen sollten. Wer hier baut, hieß es jahrzehntelang aus Bonn, kann seine Steuerschuld mindern, egal, ob der Bau sinnvoll ist oder nicht. Ein Geschäftsmodell, mit dem der Staat über Jahrzehnte Milliarden Mark und dann Euro von den Armen zum wohlhabenderen Mittelstand und zu den Reichen geschaufelt wurden.

Das Europa-Center kostete damals ungeheuerliche 71 Millionen Mark, von denen Pepper nur das Startgeld selbst aufbringen musste. Der Rest kam von Investoren aus dem ganzen Bundesgebiet. Eine „Goldgräber-Kalkulation“, schrieb der Spiegel 1964 und ignorierte dabei das Risiko, dem sich Goldgräber aussetzen: Zu Beginn der 1960er war keineswegs klar, ob nicht die DDR irgendwann einmal eine militärische Lösung der Berlin-Frage versuchen würde.

Auch das gehört zum Mythos Europa-Center: Die Hoffnung auf Zukunft, die dieser Bau weithin sichtbar ausstrahlte. Wer heute durch die Gänge streift, fühlt sich manchmal trotz aller Sanierungen in die 1980er-Jahre zurück versetzt. In den frühen 1960ern aber war dieser Bau ein strahlender Meilenstein auf dem Weg West-Berlins zur Weltstadt. Viele monierten zwar unter der Hand die „Amerikanisierung“ Berlins, die im Vergleich zu deutschen Läden poppige und bunte Werbung und monierten zu Recht, dass das Haus wie jede Shopping-Mall nach außen weitgehend abgeschlossen ist, städtische Kraft also vornehmlich ansaugt, aber nicht abgibt.

Und manche befürchteten, dass die kleineren Läden in der Umgebung unter der Konkurrenz leiden würden. Doch war die Kleinteiligkeit am Kurfürstendamm und am Tauentzien vor allem eine Folge der Wirtschaftskrise der 1920er Jahre, der gegen alle größeren Geschäfte vorgehenden Politik der Nazis, der Zerstörungen des Krieges. Hier standen noch viele Geschäfte in den nur notdürftig ausgebauten Trümmern, das Bikini-Haus war auch deswegen eine solche Sensation gewesen mit seinem frischen, hellen Schwung.

Das ist Vergangenheit. Seitdem Berlin auch die Hauptstadt der Shopping-Malls geworden ist, wirkt das einst so strahlende Europa-Center schummrig, dunkel. Dringend braucht es eine Überarbeitung des Inneren. Doch immer noch gilt: Das Europa-Center hat bis heute auch keine wirkliche Konkurrenz in Berlin. Das ist nämlich eines der vielen Tragödien Berliner Stadtbaupolitik.

Konturlose Hochhäuser

Im Allgemeinen sind Hochhäuser in derart großflächigen und mit freiem Raum gesegneten Städten wie Berlin vollkommen unnötig, wie praktisch alle Projekte der jüngeren Zeit belegen. Und wenn man schon Hochhäuser baut, sollten es wenigstens Statements sein. Wie der gewölbte „Lipstick“ in London, das kantig-gestufte neue Hilton-Hochhaus in Manchester, das grandios gedrehte Wohnhochhaus von Frank Gehry in New York, von dem sein Berliner Projekt am Alexanderplatz allenfalls ein müder Abklatsch zu werden droht.

In Berlin aber gibt es nicht einmal so heitere Unsinnigkeiten wie den „Bosco verticale“, den senkrechten Wald, der in Mailand steht und 2014 den Hochhauspreis errang, oder Monumentalitäten wie den Turm der Europäischen Zentralbank. Das Hotel Concorde von Jann Kleihues an der Joachimsthaler Straße schwelgt dagegen in der Erinnerung an die Roaring Twenties, das Waldorf-Astoria von Christoph Mäckler versucht, mit steinerner Masse den Bruch zwischen kaiserzeitlicher Blockrand-Stadt und amerikanischer Hochhausstadt zu überwinden. Alleine der schlanke, vorsichtig in sich gedrehte, allerdings wieder einmal zu klurze Turm des Total-Hochhauses von Barkow Leibinger am Hauptbahnhof kann derzeit mit dem optimistischen Pathos konkurrieren, den das Europa-Center vor einem halben Jahrhundert nach West-Berlin brachte.