Berlin - „Also wir, wir treffen uns hier jede Woche. Zum Kaffeeklatsch. Und zum Rausgucken. Was Wilmersdorfer Witwen eben so machen.“ Die Damenrunde im Restaurant Mövenpick im ersten Geschoss des Europa-Centers kriegt sich kaum mehr ein vor Lachen: „Es gibt ja das Möhring nicht mehr, das Kranzler ist platt, und hier kann man auf den Weihnachtsmarkt sehen.

Die Gedächtniskirche war schon mal schöner. Aber das überleben wir auch noch.“ Sie sind so um die Siebzig und parodieren lustvoll die giftigen, geschichtsvergessenen „Wilmersdorfer Witwen“ aus dem Anti-Spießer-Hit des Musical „Linie 1“. Doch klingen sie dabei genau wie Frauen, die sich sehr genau erinnern an ihre Jugend, an die Zeit, als das Europa-Center gebaut wurde.

November 1963. Am Westrand des Breitscheidplatzes beginnen, lange erwartet, die Arbeiten am ersten großen Shopping-Center in West-Berlin, einem der ersten sogar in der Bundesrepublik. Der Platz soll endlich wieder geschlossen, die Citybildung des neuen Herzens von West-Berlin vorangetrieben werden. Es ging auch um eine politische Demonstration des Durchhaltewillens im Kalten Krieg. 1963 saß der Schock des Mauerbaus noch tief in den Knochen, auch der unverblümten Mitteilung der Amerikaner wegen, dass man deswegen keinen Krieg beginnen werde. Es mussten Zeichen gesetzt werden.

Schon 1947 war der einst so noble Auguste-Victoria-Platz nach dem von den Nazis ermordeten Gewerkschafter Rudolf Breitscheid benannt worden. West-Berlin, das zeigte sich hier, würde die Erinnerung an die sozialistische Widerstandstradition Deutschlands nicht kampflos der in Ost-Berlin zwangsvereinigten SED überlassen. Sukzessive war er neu bebaut worden, mit dem Hochhaus am Zoo, dem langgestreckten Bikini-Haus sowie einem zweiten, kleineren Hochhaus und vor allem dem Festspielkino Zoo Palast – das am Mittwoch nach der Restaurierung seine Wiedereröffnung feiert.

Es folgten das Schimmelpfenghaus, das Hochhaus des Allianz-Konzerns an der Joachimsthaler Straße, das Bilka-Kaufhaus und das Café Kranzler. Denkmäler des eleganten Massenkonsums, wie ihn „der Westen“ im Kalten Krieg als Nachweis der Überlegenheit gern vorzeigte. Und seit 1957 wurde am Neubau der von Egon Eiermann entworfenen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gearbeitet, dem Anti-Kriegs-Denkmal Berlins schlechthin.

Konsum im Kalten Krieg

Der nächste Baustein dieser neuen Stadtmitte musste am Ort des heutigen Europa-Centers entstehen. Seit dem Bombenangriff vom 21. November 1943, in dem auch das legendäre Romanische Café in Trümmer sank, und der Trümmerbeseitigung stand das weite Gelände frei. Der Unternehmer Karl-Heinz Pepper wagte es. 1910 in Berlin als Sohn eines Klavierfabrikanten geboren, hatte er 1933 sein erstes Geschäft als Rundfunkgroßhändler eröffnet.

Wohlhabend wurde Pepper nach dem Krieg, zunächst wieder als Großhändler für Radio- und Fernsehgeräte, vor allem aber durch den Bau mehrerer Bürohochhäuser am Ernst-Reuter-Platz und dem des 1961 eröffneten Siemens-Kaufzentrums in der Siemensstadt. Pepper war offenbar Moderne-verliebt, sah die neue Architektur als Zeichen einer neuen Zeit. West-Berlin sollte endlich, das war Peppers Plan, ein richtig amerikanisches Büro-Hochhaus kriegen.

So, wie es Düsseldorf schon seit 1960 sein Eigen nannte – mit dem schlanken, ranken Thyssen-Hochhaus. Es ist fast zwangsläufig, dass sich der Investor dessen Architekten nach Berlin holt. Die Stadt sollte aus der Enge der 1950er herauswachsen, neue Kräfte an sich binden. Und die Architekten Helmut Hentrich, Hubert Petschnigg und Partner versprachen, Peppers Amerika-Traum umzusetzen. Zumal Pepper sämtliche Register der Steuersubvention West-Berlins zog und so viele Financiers an seine Seite brachte, dass er die 72 Millionen Mark für das Europa-Center fast ohne Eigenkapital aufbrachte – dem Spiegel war das eine Enthüllungsgeschichte wert. Sie änderte allerdings nichts an der Subventionitis.

Hentrich hatte seit den 1930er-Jahren reüssiert, war unter den Nazis erfolgreich, zog sich nach dem Krieg mit dem Verweis auf das rein Fachliche seiner Tätigkeit aus der Affäre. Petschnigg war jünger, hatte sein Studium mit dem Kriegsbeginn unterbrechen müssen. Zusammen wurden sie HPP. Ihr Vorbild für das Berliner Projekt fanden sie in New York, 390 Park Avenue, mit dem 1952 eingeweihten Lever House von Gordon Brunshaft und Natalie de Blois. Ein schlanker Turm, der aus einem breiten Fußbau emporwächst. Einer der international erfolgreichsten Bautypologien. In New York war es nur ein Bürohochhaus mit Showräumen im Erdgeschoss. HPP nutzten das Modell, um daraus ein in Deutschland noch völlig ungewohntes Shopping- und Vergnügungs-Center zu machen.

Lage ist für den Kommerz alles, behaupten manche Immobilienvermarkter. Pepper machte es also richtig. Das Grundstück des Europa-Centers liegt fast genau in der Mitte zwischen den Bahnhöfen Zoo und Wittenbergplatz, am Ausgang von Kurfürstendamm und Tauentzien sowie nahe zum KaDeWe, aber doch fern genug, damit die vielen kleinen Läden im Europa-Center dessen Konkurrenz nicht fürchten mussten. Ursprünglich war es nämlich nicht für den Massenkonsum gedacht.

Das Erlesene, Besondere sollte es hier geben. Schmuck. Teppiche. Hochpreisrestaurants. Inzwischen locken allerdings die üblichen nachgemachte Kneipe Irlands und Bayerns, eine Billig-Drogerie, ein Nagelshop. Melancholisch wartet eine Friseurin auf Kundschaft. Vor Zwölf herrscht im Europa-Center kleinstädtische Beschaulichkeit, gestört nur durch einige Touristen, die nach der berühmten Licht-Uhr fragen.

Vielleicht ist es hier auch deswegen so ruhig, weil das Europa-Center grundsätzlich anders funktionieren sollte als heutige Shopping-Zentren. In denen ist alles auf schnellen Durchfluss des Publikums, Übersichtlichkeit, Helle angelegt. Das Europa-Center aber sollte überraschen, als Schatzkasten der Stadt erscheinen, die Menschen bis hin zum Kabarett Stachelscheine – Mieter seit 1965! – in die Gänge locken. Orientierung gibt dabei die zentrale Treppenhalle mit ihren bunten Leuchten, dem reichlichen Metallglanz, den langen Rolltreppen. Dennoch: Der Bau ist schattig, offenkundig in die Jahre gekommen.

Sven Kuhrau ist Kunsthistoriker, er hat ein vorzügliches Buch über den Kurfürstendamm mit geschrieben. Derzeit bearbeitet er für das Landesdenkmalamt die Topographie von Charlottenburg: „Das Europa-Center ist in der Mischung von Shopping-Center, Vergnügungspalast, Büroturm und Hotel einer der amerikanischsten Bauten West-Berlins.“ Der Licht-Kult habe den der 1920er-Jahre aufgenommen, die lange verschwundene Eisbahn sei ein Reflex der Eisbahn im New Yorker Rockefeller Center gewesen. Natürlich, so Kuhrau, habe nicht alles funktioniert. Die schlanken Brücken über die Budapester Straße und den Tauentzien etwa sind längst beseitigt, sogar der „Schlemmer-Pylon“, an dessen Stelle heute ein Allerweltspavillon steht.

In manchem ist das Europa-Center inzwischen eher ein Denkmal des postmodernen Designs der frühen Achtzigerjahre als eines der Nachkriegsmoderne, bis hin zu den seltsamen Bronze-Marmor-Vitrinenschränken in den Eingängen. Einer der reizvolleren Umbauten fiel leider einer jüngsten Reinigung zum Opfer: Der Lotus-Brunnen der Pariser Künstler Bernard und François Basche mit stählernen Blüten, die 1983 von der Nationalgalerie geliehen wurden. Statt ihrer ist in dem nun kalt wirkenden Hof ein charakterloses Café entstanden.

Die wichtigste Veränderung aber ist der 1983 eingeweihte neue Tiefzugang mit dem „Wasserklops“. Immer wurde dieser von Joachim Schmettau entworfene Brunnen sowohl als abgrundtiefer Kitsch verachtet wie wegen der lustigen Wasserspiele und netten kleinen Bronzefiguren heiß geliebt. Offiziell heißt er übrigens „Weltkugelbrunnen“. Schon im Herbst liegt er trocken, die Stadt kann sich den Betrieb nicht leisten.

Besonders begeistert ist Kuhrau von der Einbindung der 80.000-Quadratmeter-Anlage in die vorhandene Stadtstruktur. HPP nämlich klotzten nicht einfach, sondern staffelten und schoben ineinander. Hin zur Nürnberger Straße ist das Europa-Center deswegen fast unsichtbar, nur die legendären Thermen heben sich etwas hervor aus der Berliner Traufkante. An der Budapester Straße folgt das Hotelhochhaus der klassischen Straßenkante, ebenso zum Tauentzien hin das einstige Kino Royal-Palast – 1965 die Sensation schlechthin mit seinem futuristischen Körper, der so gar keine Theatersaalanmutung mehr hatte wie noch der Zoo Palast.

Nur zum Breitscheid-Platz ist die ganze Breite des Centers zu sehen, eine luftige, heute mit Werbung verklebte Glas- und Stahl-Architektur. Sie ist sogar niedriger als die historistische Stadtbebauung – und lässt deswegen den Turm umso höher wirken. HPP antworteten damit aber auch auf die lagernden Riegel des Bikini-Hauses und des Schimmelpfeng-Hauses, das vor einigen Jahren völlig unnötig für den Bau des neuen Hotelturms abgerissen wurde.

Eine größere Grundsteinlegungsfeier für das Europa-Center ist übrigens nicht überliefert. Sie wäre auch unpassend gewesen. Die westliche Welt trauerte um den am 22. November ermordeten John F. Kennedy. Jeder Festakt ausgerechnet in West-Berlin, das Kennedy wie keine zweite Stadt gefeiert hatte, war undenkbar.

Innerhalb kürzester Zeit wuchsen die Gleitkerne für den Büroturm in die Höhe. 1965 wurde das Europa-Center eingeweiht. Mit einer Rede von Willy Brandt, selbstverständlich. Es war die ikonische Stadtansicht West-Berlins schlechthin entstanden. Unzählbar die Postkarten, die verschickt wurden mit dem Eingang zum U-Bahnhof Kurfürstendamm im Vordergrund, der Gedächtniskirchen-Ruine im Mittelgrund und dem silberblauen Turm des Europa-Centers im Hintergrund.

Die eigentliche Wirkung, die diese Anlage einst hatte, ist heute kaum noch nachzuvollziehen. Bis weit in die Siebzigerjahre hinein war es in West-Berlin normal, in Kriegsruinen zu spielen. Das Europa-Center war mitten in dieser zerrissenen Stadtlandschaft ein Treffpunkt, aber auch ein Abenteuerausflug in ferne Welten, zu kalifornischen Redwood-Wäldern, japanischen Speisen, bayrischem Wirtshausgedudel. Und dann war da dieser weit nach Ost-Berlin hinein strahlende Mercedes-Stern, eine Demonstration wirtschaftlicher und technologischer Macht, die für manche Schikane-Kontrolle in Dreilinden entschädigte.