Europawahl: Kommentar zu Europa: Frieden ist keine Selbstverständichkeit

Berlin - Damals fand ich Europa peinlich: Im Herbst des Jahres 1984, als der deutsche Kanzler Helmut Kohl und der französische Präsident François Mitterrand einen kitschigen Geschichts-Moment zelebrierten und sich in Verdun, über den Gräbern des Weltkriegs, an den Händen hielten. Was für eine sentimentale Show, dachte ich.

So abgebrüht konnte man wohl nur denken, wenn man Europa längst für selbstverständlich hielt. Und das taten viele junge Westdeutsche meiner Generation damals – die Generation der Babyboomer aus den 60er-Jahren. Wenn sie von Europa sprachen, meinten sie das kleine Westeuropa, von Schweden bis Portugal, von Frankreich bis zur Bundesrepublik. Auch das war ihnen selbstverständlich.

1989 wuchs Europa - und die Selbstverständlichkeiten der Westdeutschen fielen weg

Für Kohl und Mitterrand, das habe ich längst begriffen, war das alles nicht selbstverständlich. Sie hatten große Kriege erlebt, sie wussten, dass dieses Europa zerbrechlich ist. Und alles, was sie mit dem Handschlag sagen wollten, war: Nie wieder Krieg.

Den beiden Männern war auch klar, dass Europa mehr war als der Westen, als die Strände Südfrankreichs und die Gipfel der Alpen. Sie wussten, wo Krakau liegt, Pilsen und Bratislava. Sie waren weiter als meine Generation, die sich im Westen eingerichtet hatte.

Dass ich nicht nur die Angst der Alten vor neuen Kriegen vergessen hatte, sondern auch die andere Hälfte Europas, wurde mir im August 1989 klar. Als eine Handvoll politischer Aktivisten zu einem „Paneuropäischen Picknick“ an der ungarischen Grenze aufrief, den Zaun durchschnitt und Hunderten DDR-Bürgern die Flucht nach Österreich ermöglichte. An diesem Tag wuchs mein Europa. Man konnte eine Ahnung davon bekommen, dass der Kontinent in Zukunft nicht mehr geteilt sein würde.

Und so kam es. Die Grenzen und auch die Selbstverständlichkeiten der Westdeutschen wurden hinweggefegt.

Eine ganze Generation hält Europa und den Frieden für selbstverständlich

Neue Selbstverständlichkeiten schlichen sich ein. Jetzt würde es ein Europa der Freiheit und des Friedens geben, dieses ideale Europa, von dem Mitterrand und Kohl immer geträumt hatten. Es würde sich von den Küsten der Normandie bis in den Osten Polens erstrecken. Auch so kam es. Der Kontinent wuchs zusammen, zumindest wirkte es lange Zeit so.

Ja, es gab blutige Bürgerkriege im Südosten, und bis heute wird in der Ostukraine gekämpft. Aber erstaunlicherweise führte der Zusammenbruch der Sowjetunion dieses Europa nicht wieder in große Kriege. Die Staaten, die einst gegeneinander gekämpft hatten, gaben sich sogar eine gemeinsame Währung. Und wieder hielt das eine ganze Generation für selbstverständlich.

Dass es nicht so ist, kann man sich an der Person des britischen Historikers Timothy Garton Ash klarmachen. Er fuhr als junger Mann, noch vor dem Mauerfall, durch die osteuropäischen Länder und stenografierte den Aufbruch in die Freiheit. Er schrieb überwältigende Bücher über das neue Europa, das für die Demokratie ein Feuerwerk in den Himmel schoss. Garton Ash hätte wohl nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet dort, wo er damals die Freiheit suchte und fand, heute Populisten und Antieuropäer regieren, nicht nur in Ungarn. Auch in seiner Heimat Großbritannien reicht ja niemand, der die Macht hat, Europa die Hand.

Auch Politiker wie Gauland oder May haben ihre Karriere Europa zu verdanken

Es ist eher so, dass dieses vereinte, friedliche Europa Männern wie Viktor Orban und auch Frauen wie der nun gescheiterten Theresa May eine politische und auch persönliche Karriere in ihren Ländern ermöglichte. Auch ein Gegner der Europäischen Union wie Alexander Gauland verdankt seine Biografie dem geeinten und befriedeten Europa, das aus der Zeit nach den Kriegen tatsächlich eine Nachkriegszeit machte.

Das ist vielleicht das Erstaunlichste, dass Politiker, die einer langen Friedensperiode ihr politisches Leben verdanken, sich nun gegen das richten, was sie so sicher aufwachsen ließ: ein geeintes Europa.

Ihnen sollten wir die Zukunft nicht überlassen – und den Handschlag von Kohl und Mitterrand, jener Männer, die noch eine andere Geschichte kennengelernt haben, den werde ich nie wieder belächeln.