Besonders aufgeregt sind sie nicht. Auch nicht, wenn man den Umstand bedenkt, dass Sven Kretschmer, 46, und Tim Kretschmer-Schmidt am heutigen Freitag Geschichte schreiben werden. Jedenfalls in Berlin und Brandenburg.

Die beiden Männer, kräftig und kurzhaarig, sind das erste gleichgeschlechtliche Paar, dass die evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) trauen wird. In voller Gleichberechtigung zu Mann und Frau, denen bis zum 1. Juli die Zeremonie in einer Kirche vorbehalten war.

Das Ende eines Privilegs

Zwar wurde schwul-lesbischen Paaren der Segen erteilt, sie durften ihre Partnerschaft auf dem Standesamt eintragen lassen, die „klassische“ kirchliche Trauung indes war bis vor wenigen Monaten ein Privileg der Heterosexuellen. Die Landessynode hatte am 9. April dieses Jahres ermöglicht, was das Paar Kretschmer und Schmidt nun in Anspruch nimmt: Einen Traugottesdienst mit Ringwechsel, ein Eheversprechen, das ins Kirchenbuch eingetragen wird.

Dem Gemeindepädagogen Kretschmer und dem Objektschützer Kretschmer-Schmidt, standesamtlich schon seit dem 23. Juli eine eingetragene Lebenspartnerschaft, lag die kirchliche Trauung von Beginn ihrer Beziehung vor rund 14 Jahren an am Herzen. Es sei nie eine Frage gewesen, diese Heirat kirchlich zu besiegeln, so Sven Kretschmer, dessen Chef Pfarrer Justus Münster gemeinsam mit Pfarrer Eric Haußmann die Trauung in der St. Marienkirche in Mitte vornehmen wird. „Wir wollten warten, bis das in unserer Landeskirche möglich ist“, so Kretschmer, der mit seinem Mann in Weißensee lebt.

Für die beiden Geistlichen stellt die Neuerung ihrer Kirche, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen, kein Problem dar. „Als das Paar auf mich zukam und mich darum bat, ihre Trauung vorzunehmen, gab es für mich nur eine Möglichkeit – ich habe selbstverständlich zugesagt“, so Münster, Beauftragter der EKBO für Notfallseelsorge in Berlin. Ein Geistlicher, der in seinem gutgeschnittenen blauen Anzug, den wilden Locken und dem Vollbart so gar nicht dem Klischee eines Pfarrers entspricht.

Eine Zäsur, eine Modernisierung bedeutet die gleichgeschlechtliche Trauung für die evangelische Kirche – trotz aller betonten Selbstverständlichkeit. Auch Münsters Kollege Eric Haußmann sieht den besonderen Moment für seine Institution, die evangelische Kirche: „Wir müssen keine künstlich erzeugten Unterschiede mehr berücksichtigen bei unseren Trauungen – wir können Menschen, die sich verbinden und füreinander einstehen wollen, nun offiziell trauen. Das ist ein sehr wichtiger Schritt, ein sehr bedeutender Moment. Auch für die evangelische Kirche.“

Warum die katholische Kirche diesen Schritt noch nicht gegangen ist, erklärt Justus Münster mit dem unterschiedlichen Verständnis, das die beiden Kirchen von einer Trauung haben. In der evangelischen Kirche ist die Trauung kein Sakrament, sondern ein Segensgottesdienst – es gehe nicht um Mann und Frau, sondern, unabhängig vom Geschlecht, um zwei Individuen, die als Christenmenschen ihren gemeinsamen Lebensweg gestalten wollen. Eine Meinung, die sich offenbar in der Synode des Landes durchgesetzt hat. Mehr als zwei Drittel der Mitglieder stimmten im April für die Möglichkeit einer Trauung gleichgeschlechtlicher Paare.

Gottes Geist

Für das Paar war es ein ebenso langer Weg wie für seine Kirche. Von Zerwürfnissen in anderen Kirchengemeinden spricht Sven Kretschmer, wohl wissend, dass die gleichgeschlechtliche Ehe noch vor ein paar Jahren eine kaum vorstellbare Utopie war. Dass die Ehe nun eine für alle ist, betrachtet er lakonisch: „Wir haben uns nie von Vorurteilen abhalten lassen, wir haben immer weitergemacht und an unserem Ziel festgehalten. Ich wusste immer – Gottes Geist, der wird’s schon treiben“.

Die Kirche sei schließlich mit der Gesellschaft verbunden, und beide entwickeln sich miteinander, es gebe auf beiden Seite eine stark gewachsene Sensibilität für Diskriminierung. Dem müsse auch eine Kirche Rechnung tragen, so Eric Hausmann, in dessen Sprengel das Paar heute getraut wird. „Die Kirche ist zu ihrem Kern zurückgekommen. Zwei Menschen erklären, dass sie einander lieben wollen und für einander sorgen werden. Diese Versprechen segnen wir“.