Christian Stäblein behält die Ruhe. Was auf diesem Bild nicht zu sehen ist: Das Foto entsteht während eines ohrenbetäubenden Feueralarms. 
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinChristian Stäblein ist im April zum neuen Bischof der evangelischen Landeskirche gewählt worden. Am Sonnabend wird bei einem Festgottesdienst zur Amtsübergabe der bisherige Bischof Markus Dröge in den Ruhestand verabschiedet und Christian Stäblein, bisher Propst und Stellvertreter des Bischofs, übernimmt das Amt. In den vergangenen Tagen hatte Stäblein viel zu tun.

Viele wollen etwas von ihm. Schließlich möchte man wissen, wer da kommt. Zwischen all den Terminen bleibt Raum für ein kurzes Treffen in seinem bisherigen Büro direkt unter den Räumen des Bischofs zwischen Umzugskartons, die er noch packen muss. Es ist eine Atmosphäre der Veränderung – vielleicht ganz passend für ein Gespräch darüber, wie er seine Rolle und die der Kirche sieht, in einer Zeit, in der die Gesellschaft Spaltungssymptome aufweist.

Herr Stäblein, was wird Ihre erste Amtshandlung nach der Einführung sein?

Ich würde die Einführung dazu zählen. Das ist für viele Menschen ein wichtiger Moment. Für mich selber auch, es bildet sich ja etwas ab in diesem Reden und Tun, als erstes, dass ein Bischof nicht alleine unterwegs ist, Kirche, das sind wir alle durch Gottes Wort. Es werden vermutlich manche Menschen dort sein, denen ich nicht alltäglich begegne. So ist das bei Einführungen. Am Sonntag findet dann die Gedenkstunde mit dem Volksbund für Kriegsgräberfürsorge im Bundestag statt. Da werde ich anwesend sein. Aber Sie fragen sicher danach, was ich als erstes tun werde.

Ich finde auch das Konkrete interessant. Haben Sie im Bundestag einen Redebeitrag?

Nein, aber es hat einen symbolischen Wert, dass wir die Amtseinführung im November machen, umgeben von Tagen der Erinnerung: 9. November, Reichspogromnacht, 30 Jahre friedliche Revolution, Volkstrauertag, Ewigkeitssonntag, erster Advent. Das sind im Kirchenjahr sehr geprägte Tage und Wochen. Es ist also ein Sich-Besinnen und dann Neu-Aufbrechen.

Wohin werden Sie aufbrechen?

Schöne Frage. Ich darf vielleicht etwas ausholen. Natürlich ist das Bischofsamt ein herausgehobenes Amt. Gleichzeitig besteht die Kernaufgabe dieses Amtes für mich darin, zunächst einmal einen Dienst für diese Kirche zu tun. Es geht viel um das Begleiten der Prozesse, die anstehen. Natürlich werde ich auch ein paar Impulse geben.

Das klingt nach Selbstfindung in der Rolle. Was meinen Sie genau?

Nein, es geht nicht darum, mich in der Rolle selbst zu finden. Die Aufgabe des Bischofs gilt es auszufüllen. Da ist es nicht das Erste, die wichtigsten Punkte für missionarische Initiativen oder gegen das Schrumpfen der Kirche zu präsentieren, so wichtig diese Anliegen auch sind. Ich habe Ideen, die ich zusammen mit den Menschen in dieser Kirche ansehen möchte, aber ich habe nicht zehn Punkte in der Tasche, die ich dann in den nächsten zehn Jahren umgesetzt sehen möchte. Das ist nicht mein Verständnis von dieser Aufgabe.

Sie sind also derjenige, der alles zusammenhält – eine Art Moderator?

Ich bin einer von denen, die die Vielfalt, die wir haben, immer wieder zusammenhält und in meiner herausgehobenen Position stehe ich für diesen Zusammenhalt, gebe ihm auch Gesicht nach außen.

Haben Sie das Gefühl, dass die Gesellschaft auseinanderfällt? Läuft die Kirche auseinander?

Für die Landeskirche würde ich das nicht sagen. In unserer Vielfalt sind wir gut aufeinander bezogen. Aber in unserer Gesellschaft insgesamt, und da sind wir als Kirche nicht von getrennt, nimmt die Singularisierung zu. Wir sprechen seit Jahrzehnten von einer fortschreitenden Individualisierung, die ja im Kern etwas Gutes ist: Jede einzelne Person steht mit ihrer Würde im Vordergrund, mit ihren Möglichkeiten und auch mit dem, was zu fördern ist. Das ist wichtig. Seit einiger Zeit beanspruchen aber einzelne Positionen und Strömungen Absolutheit. Einen Ausgleich zu schaffen, wird immer schwerer. Wir sehen es in der öffentlichen Kommunikation, in der Verrohung, in dem nicht mehr Ertragen, nicht mehr Tolerieren von anderen Meinungen. Das gilt für viele der Aushandlungsprozesse, die zu einem Gemeinwesen dazu gehören.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person

Christian Stäblein ist 52 Jahre alt und verheiratet. Er hat vier Kinder. Mit einem Festgottesdienst wird Christian Stäblein am Sonnabend, dem 16. November 2019, um 15 Uhr in der St. Marienkirche in Berlin-Mitte in das Amt des Bischofs der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) eingeführt. Zugleich wird Bischof Markus Dröge im Gottesdienst verabschiedet. Der Gottesdienst wird live im RBB-Fernsehen übertragen.

Am 1. November 1967 wird Stäblein in Bad Pyrmont in Niedersachsen geboren. Er wächst in Hannover auf und studiert Evangelische Theologie, Judaistik, Philosophie, Geschichte und Rechtswissenschaften in Göttingen, Berlin und Jerusalem. Nach dem Abschluss arbeitet er als Pastor in Lengede im Kreis Peine. Er wird mit einer Dissertation zum Thema „Predigen nach dem Holocaust“ promoviert, leitet das Predigerseminar Loccum und gibt Predigtstudien heraus. 2014 wird er zum Propst der EKBO gewählt. Er ist für theologische Grundsatzfragen zuständig und Stellvertreter des Bischofs. Am 5. April 2019 wählt ihn die Landessynode zum Bischof.

Die Landeskirche hat zurzeit etwa 940.000 Mitglieder in 1260 Kirchenge-meinden und 26 Kirchenkreisen. Sie ist im Jahr 2004 durch den Zusammenschluss der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und der Evangelischen Kirche der schlesischen Oberlausitz entstanden. Im Bereich der EKBO gibt es mehr als 2100 Kirchen, Kapellen und Gemeindehäuser. Von diesen Gebäuden stehen etwa 74 Prozent unter Denkmalschutz. Oberstes Leitungsgremium der EKBO ist die Landessynode mit 114 Mitgliedern.

Welche Räume gibt es in der Kirche für solche Prozesse?

Unserer Synoden sind gute Orte dafür, die Landessynode wie auch die Kreissynoden. Jedes Gemeindehaus ist ein guter Ort, in dem Gemeinschaft und Gemeinwesen gestärkt werden, gerade weil dieser Ort offen ist für viele. Ich glaube, auch der Gottesdienst ist ein guter Ort zur Stärkung und zum Aushalten von verschiedenen Wünschen, verschiedenen Meinungen und Perspektiven.

Was ist mit der Predigt? Ist das die letztgültige Wahrheit?

Nein, sie ist eine Position, eine religiöse Rede, die aus dem Glauben heraus redet. Unter menschlichen Worten will sich Gottes Wort vermitteln. Das ist nicht absolut oder autoritär zu verstehen, die Rede der Predigt kommt aus dem Dialog und wünscht den Dialog. Sie versucht, viele Positionen aufzunehmen und darüber ins Gespräch zu kommen.

Sind die Gemeindehäuser offen für Menschen, die nicht Teil der Kirche sind?

An vielen Stellen ja. Das Catharina-Dänicke-Haus in Wittstock etwa ist ein schönes Beispiel dafür, da gibt es etliche Gruppen, vom Chor über Eine-Welt-, Kinder- und Migrationsgruppen. So etwas brauchen wir an vielen Stellen.

Sie sind 2014 zum Propst gewählt worden. Warum sind Sie nach Berlin gekommen?

Das war ein Zufall des Lebens. Ich war damals in Niedersachsen und bin auf die Nominierungsliste für die Propstwahl gekommen. Ich fand und finde die Aufgabe sehr reizvoll: die Verbindung von theologischer Grundsatzarbeit und geistlicher Leitungsarbeit.

Hat Sie Berlin als Stadt eher abgeschreckt oder angezogen?

Eher angezogen.

Was hat Sie denn angezogen?

Die Vielfalt dieser Stadt. Auch das Raue und Herzliche, was auch dazu gehört. Ich habe Anfang der 90er Jahre schon mal in Berlin gelebt und große Teile meines Theologiestudiums hier absolviert. Aber nun geht es nicht nur um Berlin, sondern auch um Brandenburg und die schlesische Oberlausitz. Die Vielfalt zwischen Metropole und den ganz anderen ländlichen und städtischen Räumen hat mich angezogen.

Die Stadt kann einem aber auch mal auf die Nerven gehen?

Na ja, dass man in dieser Stadt oft im Stau steht oder die S-Bahn leider mal ausfällt, gehört dazu. Manchmal kommt auch das Raue vor dem Herzlichen, aber das Direkte liegt mir. Man muss nicht rumschwurbeln, sondern kommt gleich zur Sache. Das finde ich angenehm. Diese Stadt und auch Brandenburg besitzen enorme Veränderungspotenziale. Ich habe mal gelesen, dass sich 70 Prozent der Bevölkerung im Bezirk Mitte im Verlauf von zehn Jahren durch Um- und Zuzüge auswechseln. Das ist hier so: Jeder ist von irgendwo gekommen.

Wir haben uns in der letzten Zeit öfter bei Solidaritätskundgebungen getroffen, einmal als der Rabbiner Teichtal bespuckt wurde und einmal bei einer Menschenkette vor der Neuen Synagoge nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle. Warum nehmen Sie an solchen Aktionen teil?

Der Antisemitismus, der sich jetzt wieder so öffentlich zeigt, ist etwas zutiefst Erschütterndes für unsere Gesellschaft.

Zeigt er sich nur öffentlich oder nimmt er zu?

Das ist sehr schwer zu beurteilen. Wir haben seit Jahrzehnten Umfragen, die uns leider ein stabiles Maß an Antisemitismus bei den Einstellungen der Menschen zeigen. Jetzt wird vieles davon lauter und öffentlicher. Mir scheint, es wird dadurch schrecklicherweise auch mehr. Ich nehme wahr, dass die Häufigkeit von Angriffen und Übergriffen auf jüdische Menschen zunimmt. Und aus den Schulen hören wir, dass sich dort bisweilen ein lauter Antisemitismus zumindest in der Sprache und im Umgang miteinander artikuliert. Ich kann mir für eine Gesellschaft kaum Schlimmeres vorstellen, als dass „Du Jude“ ein gängiges Schimpfwort auf Pausenhöfen ist und jüdische Kinder es an öffentlichen Schulen nicht ertragen können und auf jüdische Schulen wechseln. Wir müssen dagegen etwas tun, offen und kräftig, und deshalb sind mir Solidaritätsgebete und Menschenketten wichtig. Es braucht ein lautes Stopp. Sonst bleiben nur die anderen Stimmen im öffentlichen Raum hängen, das bewirkt einen schleichenden Prozess. Es scheint dann, als ob man das hinnehmen könnte, irgendwann widerspricht keiner mehr. Diese Effekte der Ermüdung und Gewöhnung halte ich bei diesem Thema für nicht hinnehmbar.

Es gibt zurzeit viele Versuche, den Diskurs zu verändern nach dem Motto: „Das wird man doch mal sagen dürfen.“ Wie geht es Ihnen damit?

Das sind Versuche, Dinge zu verschieben. Wir müssen zeigen, dass die Mehrheit und wir als Kirchen das nicht einfach hinnehmen werden.

Bei Ihrer Wahl gab es zwei Kritikpunkte: Sie sind keine Frau und nicht aus dem Osten. Beides können Sie ja nun mal nicht ändern. Aber die Struktur in der Kirche schon. In der EKD sind 21 Prozent der Positionen in der mittleren Leitungsebene mit Frauen besetzt. Wie ist es in der Landeskirche?

Da sieht es ähnlich aus. Es geht dabei vor allem um die sogenannte mittlere Leitungsebene, also das Amt der Superintendentin, des Superintendenten. Wir haben deshalb in der Landeskirche in den letzten Jahren ein sogenanntes Mentoringprogramm aufgelegt. Es soll unterstützen, dass sich Frauen bewerben, so dass sie dann auch auf diese Posten kommen.

Weil …?

… weil wir Nachholbedarf haben. Am Ende muss sich das, was die Kirche ausmacht, auch auf der Leitungsebene ausbilden: Wir sind eine Kirche aus Frauen und Männern, die das Gleiche können und auf allen Ebenen der Leitung die gleichen Rechte haben. Meine Mutter war eine der ersten Pastorinnen in der Landeskirche Hannovers. Ich habe so zuhause recht direkt mitbekommen, was es für eine Frau heißt, sich in einer männlich dominierten Gesellschaft einen Platz zu erkämpfen. Auch 50 Jahre danach sind wir immer noch nicht soweit, dass etwa gleiche numerische Anteile in den Leitungsämtern eine Selbstverständlichkeit sind.

Wie erfolgreich ist das Programm?

Wir haben das Programm vor zwei Jahren aufgelegt. Es kommt jetzt zum ersten Mal zum Abschluss. Gleichzeitig diskutieren wir immer wieder über die Frage einer Quote, so lange nicht Frauen und Männer zu gleichen Teilen in Führungspositionen sind. Die Diskussion ist wichtig, denn es muss sich etwas ändern.

Ostdeutsche sind mit 1,7 Prozent in Führungspositionen noch stärker unterrepräsentiert. Wie sieht es da bei Ihnen in der Landeskirche aus?

Das trifft so für uns nicht zu, schon ein Blick auf die mittlere Leitungsebene genügt, um zu sehen, dass wir hier ein deutlich ausgeglicheneres Verhältnis haben. Von den fünf leitenden geistlichen Ämtern in der Kirche sind drei durch Personen mit ostdeutschem Erfahrungshintergrund besetzt, zwei durch Personen mit westdeutschem Hintergrund. Ich bin allerdings froh, wenn ich auch über die Intensität der Diskussionen überrascht bin, dass diese Frage zum 30-jährigen Jubiläum der friedlichen Revolution auf den Tisch kommt. Das ist ein wichtiger Aufbruch, jetzt sehr ehrlich auf die Prozesse der letzten 30 Jahre zu gucken: Wie ist das mit Benachteiligungen in diesem Vereinigungsprozess gewesen, und wie lange wirkt das nach. Ich finde es wichtig, zu gucken: Was haben wir gemacht und können wir da etwas verändern? Sie haben es schon gesagt, ich bin mit meinem westdeutschen Erfahrungshintergrund kein gutes Beispiel für das Verschieben der Tendenz in die andere Richtung. Aber ich will gern für ein Angucken und ehrliches Umgehen mit der Frage einstehen.

Was halten sie von einer Ostquote?

Das scheint mir schwierig. Wie gehen wir mit Nachwendegeborenen um? Ich würde lieber gründlich und differenziert analysieren, auch um so zu vermeiden, dass aus der wichtigen Debatte Spaltungsdiskurse werden. Diese Art Spaltungsdiskurs wird vom rechten Rand im Moment ja recht stark betrieben.

Aber wie soll man jetzt mit der hohen Erwartung auf eine schnelle Veränderung umgehen?

Aussprechen ist der erste Schritt. Bewusster Umgang kann Veränderungen auf die Spur setzen. Allerdings: Es wird Zeit brauchen.

Aber werden Sie ab sofort für die Kirche auf die Besetzung von Leitungspositionen besonders gucken?

Gucken sollte man immer darauf. Bei uns werden Leitungspositionen nach demokratischen Regularien besetzt, das ist ein hohes Gut, innerkirchlich und gesellschaftlich. Wir wählen Generalsuperintendentinnen, Superintendentinnen und andere Leitungsämter. Beim Aufstellen der Kandidaten sollten wir auf eine gute Mischung achten, am Ende muss es allerdings eine echte Wahl sein. Hauptkriterium ist und bleibt dabei: Wer ist am besten geeignet für die Aufgabe. Dieses demokratische Verfahren haben sich die Menschen in der Kirche über lange Zeit erkämpft. Nun wieder die Haltung einnehmen, dass man ohne Wahlen etwa mit Blick auf bestimmte Kriterien bessere Entscheidungen treffen könne, nach dem Motto „Die Leitung weiß schon, was richtig ist“, fände ich den falschen Weg.

An diesem Punkt endet das eigentliche Gespräch, und wir schalten das Aufnahmegerät ab. Wir plaudern noch ein wenig, zuerst über Niedersachsen, wo auch ich, die Reporterin aufgewachsen bin. Aber dann kommt Christian Stäblein wieder auf die Themen aus dem Interview zurück. Sie beschäftigen ihn. Zum einen in seinen tatsächlichen Arbeitsprozessen, bei den Diskussionen vor Wahlen zum Superintendenten, aber auch, wenn er die erhitzten gesellschaftlichen Diskurse verfolgt. Die Tendenz zu einer immer stärkeren Individualisierung und Singularisierung, das Streben von Menschen danach, als einzigartig wahrgenommen zu werden, beobachtet er in vielen verschiedenen Bereichen. Stäblein findet es gefährlich, dass sich viele Menschen sehr viel schnellere Lösungen für Probleme wünschen – und diese im Notfall auch mit autoritären Mitteln durchgesetzt sehen wollen. Für autoritäre Lösungen ist er nicht zu haben. Aber dass Menschen solcherlei Wünsche äußern, nimmt er zur Kenntnis. Beide haben wir den Eindruck, dass der Wunsch stärker wird, Probleme zu etikettieren und dass eine Tendenz erkennbar wird, Argumente und Menschen noch stärker in Schubladen einzusortieren. Das Gespräch dreht sich noch einmal um Frauenquoten. Christian Stäblein fragt, wie man bei einer Frauenquote mit dem dritten Geschlecht umgehen soll. All das sind schwierige Fragen. Stäblein hat keine letztgültigen Antworten. Wir setzen das Gespräch in der Lobby fort, wo Stäblein fotografiert wird. Dann geht plötzlich der Feueralarm los, und das Gespräch endet abrupt. Es wird wohl eine Fortsetzung geben müssen. Wir reichen später einige Fragen schriftlich nach. Es sind die folgenden.

Herr Stäblein, Sie haben vier Kinder, sind darunter solche im Fridays-for-future-Alter?

Ja, an der Evangelischen Schule, auf die zwei der Kinder gehen, ist Fridays-for-Future ein Thema, das in guter Weise eingebracht wird.

Reden Sie mit Ihren Kindern über die möglichen Folgen der Klimaerwärmung?

Immer mal wieder kommt es zu Diskussionen, vor allem, was man gegen den Klimawandel tun kann, wie jeder Einzelne gefordert ist, aber auch welche gesamtpolitischen Maßnahmen es braucht und wie sie durchsetzbar sind.

Was sagen Sie den Kindern?

Ich versuche vor allem zuzuhören.

Wie stehen Sie zu der Bewegung?

Zunächst bin ich froh, dass sich die Jugend mit einer Bewegung Stimme und Gehör verschafft. Oft habe ich in den letzten Jahren die Klage gehört, die Jugend sei so unpolitisch. Jetzt ist sie da und sehr vernehmbar. Gut so. Das Spannende finde ich, dass diese Generation gewissermaßen zu uns, zu Eltern und Großeltern sagt: Ihr müsst euch disziplinieren. Wir müssen Regeln finden. Oft ist es in den Auseinandersetzungen von Generationen ja eher anders herum gewesen. Jetzt fordern die Jugendlichen von den Älteren. Das finde ich faszinierend. Die Radikalität ist beeindruckend, das Auftreten hat etwas Prophetisches – miteinander müssen wir schauen, was in einem Gemeinwesen umsetzbar ist. Hier habe ich das Gefühl, dass die Jugendlichen zugleich in einem guten Sinne pragmatisch orientiert sind.

Und wie steht die Kirche zu dem Thema?

Aus kirchlicher Sicht ist ein zentrales Thema des Glaubens angesprochen, ein Urthema der Religion: Wir leben in einer Schöpfung, die Grundlagen unseres Lebens machen wir uns nicht selbst. Um so mehr ist es unsere Aufgabe, Schöpfung und die Voraussetzung des Lebens zu gestalten und an der Bewahrung mitzuarbeiten.

Wir haben vorher über die Singularisierung gesprochen und das Streben danach, als einzigartig wahrgenommen zu werden. Wie passt der Schülerprotest dazu? Ist das nicht auch eine soziale Bewegung?

Es ist zunächst einmal eine Bewegung, die ja vermutlich irgendwann auf die Frage stößt, wie sie sich – in Zeiten von Netzwerken und Digitalisierung – organisieren soll, welche soziale Gestalt sie dauerhaft haben kann oder will? Da bin ich gespannt. Jedenfalls ist es ein hoffnungsfrohes Zeichen, dass Gemeinschaft und soziales beziehungsweise ökologisches Engagement nicht hinter uns, sondern vor uns liegen.