Berlin - Die Notstart-Hilfe ist eingetroffen, immerhin. Der Zuschuss zu den Betriebskosten wird dem Lichtenberger Jogi Cappell über die kommende Zeit helfen. Aus seiner Notlage befreit das Geld den Soloselbstständigen der Event-Branche jedoch nicht. Am Sonntag ist es genau ein Jahr her, dass für Cappell und die übrigen 1,5 Millionen Beschäftigten des Gewerbes der vorerst letzte Vorhang fiel. Damals wurde die Internationale Tourismus-Börse (ITB) auf dem Berliner Messegelände wegen Corona abgesagt. Seither gilt: Alarmstufe Rot.

So heißt auch das Bündnis, das am Sonntag demonstriert. Eine Aktion auf Social Media ist geplant, #FirstIn365 – sie waren die Ersten, die vor 365 Tagen in den Lockdown gingen. Autodemos sind geplant, auch in Berlin. „Eine Besserung der Situation ist nicht abzusehen“, sagt Cappell. Er weiß noch nicht, ob er mit demonstrieren wird. „Hauptsache“, sagt er, „die Kollegen setzen sich nicht zu fünft in ein Auto.“ Denn das wäre das Letzte, was sie sein wollen: ein schlechtes Vorbild in der Pandemie.

Sie wollen mit gutem Beispiel vorangehen, haben jetzt ein „Manifest Restart“ vorgelegt, die Mitglieder des Forums Veranstaltungswirtschaft, zu dem sich Verbände des sechstgrößten Wirtschaftszweigs mit seinen vormals 130 Milliarden Euro Umsatz zusammengeschlossen haben. „Die Eventbranche kann einen wichtigen Beitrag zum Kampf gegen die Pandemie leisten“, sagt Cappell.

Das mag paradox klingen, schließlich sind wegen der Ansteckungsgefahr seit einem Jahr keine Messen mehr erlaubt, keine Kongresse, keine Shows. Doch genau dafür legt das Manifest nun einen einheitlichen Rahmen fest. Gestaffelt nach Sieben-Tage-Inzidenzen in einer Region regelt es, wie viele Teilnehmer bei Veranstaltungen vertretbar sind: mit Sitzplätzen oder Stehplätzen, bei Märkten, Messen, Sport, von Stufe eins (Inzidenz kleiner als 20) bis Stufe sechs (Inzidenz größer als 200).

„Wir sind die Branche, die das am ehesten kann“, sagt Marcus Pohl von der Interessengemeinschaft der selbstständigen DienstleisterInnen in der Veranstaltungswirtschaft (ISDV). „Natürlich wollen wir keine Hallen und Stadien mit Menschen vollstopfen.“ Die Arena am Ostbahnhof dürfte laut Manifest bei der aktuellen Berliner Inzidenz zur Hälfte ausgelastet werden.  

Für Sicherheit sollen Schnelltests sorgen. „Wir organisieren ja schon seit Jahren Kontrollen an den Eingängen zu Großveranstaltungen“, sagt Pohl. Die Steuerung von Menschenströmen gehörten zum Alltag der Eventbranche. Statt Abtasten nun der Abstrich? „Wir können das“, sagt Pohl.

Sie können sogar noch mehr, sagt Randall Greenlee, der beim Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik (VPLT) für Wirtschaft und Internationales zuständig ist. „Bei den Einlasskontrollen erheben wir Daten, die wir dann den Gesundheitsämtern zur Verfügung stellen.“ Greenlee hat sich gerade noch mal den Ländervergleich nach Testaufkommen angesehen. Großbritannien kommt demnach auf rund 1,3 Millionen Tests pro eine Million Menschen, Deutschland auf mehr als 510.000. „Wir können Deutschland im Kampf gegen Corona sehr helfen“, sagt er.

Aus einer vermeintlichen Schwäche, einer Ansammlung von Menschen, die es zu testen gilt, wird eine mutmaßliche Stärke, ein potenzieller Datenpool, der ein lokales Infektionsgeschehen skizzieren würde. Ob Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das genauso sieht, bleibt abzuwarten. Ihr wurde das „Manifest Restart“ ja gerade erst zugestellt, eine Reaktion des Kanzleramts steht noch aus. Das Bundesgesundheitsministerium unter Leitung von Jens Spahn (CDU) interessiere sich bisher nicht allzu brennend für die Belange der Eventbranche, sagen Pohl und Greenlee.

Richtig in Rage redet sich Greenlee aber erst, als er auf das Bundesarbeitsministerium zu sprechen kommt, auf Minister Hubertus Heil (SPD) und den Plan, die Regelungen zum Kurzarbeitergeld zu ändern. Vom 1. Juli an sollen die Zuschüsse zu den Sozialbeiträgen, die Arbeitgeber zu zahlen haben, um die Hälfte gekürzt werden. „Es wird Entlassungen geben“, sagt Greenlee. Mit mindestens 10.000 Kündigungen kalkuliert sein Verband. Allein durch diese Regelung.

„Ich kenne einige Firmen“, sagt Marcel Fery, „die über eine Kündigung nachdenken.“ Der Chef des mittelständischen Unternehmens TSE fordert eine Lösung, die auf die Situation der Eventbranche zugeschnitten ist. Nicht nur bei der Kurzarbeit. Fery begrüßt daher den Vorschlag von Finanzminister Olaf Scholz (SPD), einen Ausgleichsfond aufzulegen. „Allerdings bräuchten wir den rasch. Ohne einen solchen Versicherungsfonds schaffen wir es nicht“, sagt Fery. „Ein Veranstalter geht ja finanziell in Vorleistung, wenn er ein Festival wie Lollapalooza organisiert.“ 

Viele Betriebe rechnen inzwischen mit ihrem baldigen Aus. Greenlee berichtet von einer Umfrage unter Mitgliedern seines Verbands. Mehr als drei Viertel stuften das Risiko einer Insolvenz als sehr hoch ein. Pohl spricht von einer Kettenreaktion, die vom Veranstalter ausgeht und sich über die Firmen bis zu den Soloselbstständigen fortsetzt. „Die Erosion des Gewerbes hat längst begonnen.“

Pohl kennt viele Freiberufler, die in andere Branchen gewechselt sind, in die IT,  auf den Bau, ins Elektrohandwerk, Freiberufler, die vielleicht  nicht mehr zurückkommen, läuft der Betrieb im Eventgewerbe irgendwann an. „Kein Mensch kann sagen, wie unser Business den Lockdown übersteht.“

Auch Jogi Cappell hat Alternativen gefunden. Eine passt in die Zeit: Zusammen mit Kollegen aus der Event-Branche vertreibt der Lichtenberger Luftreiniger. Mit UVC-Licht kämpfen sie gegen Corona.