Evrim Sommer: Krisensitzung bei der Linken in Lichtenberg

Berlin - Am Morgen nach der dramatischen Sitzung der Lichtenberger Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ringt Daniel Tietze, der Fraktionschef der Linken, noch immer um Fassung. Viel geschlafen habe er nicht in der letzten Nacht, sagt er. Das Scheitern von Evrim Sommer, der von den Linken aufgestellten Kandidatin für das Amt der Bezirksbürgermeisterin, ist zumindest ein Stück weit auch sein Scheitern.

In zwei Wahlgängen war die Kandidatin durchgefallen, auf einen dritten bestand die Linken-Fraktion nicht. Das Ergebnis wäre wohl gleich geblieben. Vor der ersten Abstimmungsrunde hatte Tietze begründet, warum Evrim Sommer die richtige Kandidatin für das Amt sei. Wie das üblich ist. Er würdigte ihre Lebensleistung, zu der er auch das Studium der Soziologie und Geschichte zählte. „Doch dann überschlugen sich die Ereignisse“, erzählt Tietze. „Es ist ein einzigartiger Vorgang, dass mitten in einer Wahl die Glaubwürdigkeit der Kandidatin durch Vorwürfe in Frage gestellt wird, die von außen in die Sitzung hereindringen. Das hat sicher nicht nur mich erschüttert.“

Gespräche mit SPD und Grünen

Während die BVV-Sitzung lief, hatte der RBB die Anschuldigung publik gemacht, Sommer habe sich einen Hochschul-Abschluss angemaßt. Zuvor hatte der Sender per Eilklage vor dem Verwaltungsgericht erstritten, dass die Humboldt-Universität Auskunft darüber geben muss, wann Evrim Sommer ihre Bachelorarbeit verteidigt hat. Die Uni hatte sich mit Verweis auf den Datenschutz zunächst geweigert, diese Informationen herauszugeben.

Die Linke befinde sich derzeit im Modus der „Krisenkommunikation“, meint der Fraktionschef. Es gebe in den nächsten Tagen viele Gespräche. Auch mit Evrim Sommer. Für Montagabend ist eine Sondersitzung der Linken-Fraktion anberaumt. Danach soll es Gespräche mit der SPD und den Grünen geben. Mit beiden Parteien ist eine Kooperation in der beginnenden Legislaturperiode vereinbart.

Kommunalpolitisches Wissen

Doch ganz ohne eine Ahnung, dass Ärger bevorsteht, konnte die Linken-Fraktion nicht gewesen sein. Am Mittwoch, heißt es, hatte es eine Anfrage des CDU-Fraktionsvorsitzenden Gregor Hoffmann gegeben, ob Evrim Sommer einen Hochschulabschluss besitze. „Ich habe daraufhin mit ihr telefoniert“, sagt Tietze. „Die Antwort war Ja.“ Bei ihren Auftritten in den Fraktionen zu Wochenbeginn soll sie sich etwas unklar ausgedrückt haben, hieß es dann am Rande der BVV-Sitzung. Klartext sprach Evrim Sommer offenbar erst am Donnerstag – anscheinend zur Überraschung auch mancher ihrer Genossen. Ihre Arbeit für den akademischen Grad Bachelor of Arts hatte sie erst an besagtem Mittwoch verteidigt.

„Das war alles emotional aufwühlend. Aber ich gehe fest davon aus, dass die Fraktion in beiden Wahlgängen zu Evrim Sommer gestanden hat“, sagt Tietze. Dabei ist Sommer selbst in ihrer eigenen Partei nicht unumstritten. Sie war zwar Spitzenkandidatin für die BVV, doch Anfang Oktober diskutierte der Bezirksverband der Linken noch einmal drei Stunden lang, ob Sommer auch die richtige Kandidatin für das Amt der Bürgermeisterin sei. Es wurde sogar ein Antrag gestellt, einen neuen Kandidaten zu finden. Begründung: Das Amt erfordere ein komplexes kommunalpolitisches Wissen, deshalb sei Sommer nicht die Richtige für den Posten. Am Ende stimmten 74,2 Prozent für sie.

CDU will Sommer nicht mehr im Rennen sehen

„Wir müssen jetzt nach vorn schauen und die beste Lösung für Lichtenberg finden“, sagt Fraktionschef Tietze. Der Meinung ist auch die SPD. „Diese gescheiterte Wahl wirft kein gutes Licht auf unseren Bezirk Lichtenberg und auf das Amt der Bezirksbürgermeisterin“, sagt SPD-Fraktionschef Kevin Hönicke. Während der Sitzung habe er das Gefühl gehabt, „die Außenwelt ist besser informiert als wir Abgeordnete“. Jetzt müsse sich die Linke erst einmal intern verständigen, wie sie vorgeht. „Die SPD steht zu ihren Zusagen und den Vereinbarungen, die wir mit den Linken geschlossen haben“, versichert Hönicke.

Die Sozialdemokraten waren nicht besonders glücklich mit der Entscheidung, Sommer zu nominieren. Nachdem die Linke bei der Wahl stärkste Partei geworden war, hatte die Linken-Politikerin die derzeitige Bürgermeisterin Birgit Monteiro (SPD) für ihre Amtsführung scharf kritisiert. Ole Kreins, der SPD-Kreisvorsitzende, reagierte verschnupft. „So reitet man nicht in einen Bezirk ein“, sagte er der Berliner Zeitung damals. Indirekt forderte die CDU am Freitag die Linke auf, Sommer nicht wieder ins Rennen zu schicken. Fraktionschef Hoffmann riet dazu, „einen Kandidaten vorzuschlagen, der persönlich geeignet ist und die notwendigen Erfahrungen und Kompetenzen nachweist“.