Die Frau mit den Einkaufstüten strebte 2010 eilig aus dem Kaufhaus am Alex. Eigentlich wollte sie nur zur U-Bahn, sah dann über sich ein Transparent mit dem Schriftzug „Wir sind das Volk“ und neben sich große Schautafeln, auf denen mit 700 Bildern und Dokumenten an die friedliche Revolution in der DDR 1989 erinnert wurde: an die Demonstrationen auf dem Alex und in Leipzig, den Abtritt Honeckers, an die Quittungen, die belegten, wie SED-Funktionäre sich an volkseigenen Millionenwerten bereicherten. Die Frau versank in den Texten und Bildern.

Der eigenartige Magnetismus der Ausstellung machte hunderttausendfach aus eiligen Passanten oft nachdenkliche Betrachter. Maßgeblicher Kopf hinter dieser Schau, die heute in aktualisierter Form auf dem Stasi-Gelände an der Normannenstraße steht, war Tom Sello, der sie gemeinsam mit seinen Mitstreitern aus der Robert-Havemann-Gesellschaft, wo er seit Jahren arbeitet, konzipiert hatte.

Es sprach sich herum, dass der 60-Jährige, in Meißen geborene Sello offenbar ein Händchen dafür hat, die Geschichte der friedlichen DDR-Revolution und ihrer Gründe und Folgen so zu erzählen, dass sie Menschen in ihren Bann zieht. Als ein Nachfolger für den scheidenden Berliner Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Martin Gutzeit, gesucht wurde, fiel schnell Sellos Name.

An diesem Donnerstag soll Sello vom Abgeordnetenhaus zum Nachfolger Gutzeits gewählt werden. Nach Übernahme der Amtsgeschäfte wird er sich nach einer kürzlich vorgenommenen Gesetzesänderung jedoch nicht nur auf die Beratung von Stasi-Opfern und die Aufklärung über das schändliche Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) konzentrieren. Als „Beauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ soll er sich der DDR-Geschichte in der gesamten Bandbreite widmen.

Wie das Leben im „realen Sozialismus“ war, wenn man nicht zur herrschenden SED-Klasse gehörte, weiß Sello aus eigener Erfahrung. Er geriet während des NVA-Grundwehrdienstes mit dem System über Kreuz, durfte in der Folge nicht Bauingenieur studieren, sondern nur Baufacharbeiter werden.

Als solcher kam er nach Berlin, arbeitete als Maurer und engagierte sich in verschiedenen Oppositionsgruppen, die die Stasi teils offen, teils verdeckt observierte. Es gab Verhöre und Einträge im „Operativen Vorgang ‚Entwurf‘“. „Aber ich bin kein Opfer“, betont Sello. Anders als viele andere Oppositionelle sei er weder im Knast gelandet noch vom MfS „zersetzt“ worden. Er habe gewusst, dass seine kritische Haltung zur SED zu Nachteilen führen werde und habe das in Kauf genommen.

Über sein Konzept für das neue Amt will er erst nach seiner Wahl öffentlich sprechen, „aus Respekt vor dem Parlament“, wie er sagt. In seinem Fall ist das nicht die übliche Floskel. Als jemand, der die Fälschung der Kommunalwahlen in der DDR mit aufgedeckt hat, ist ihm bewusst, was freie Wahlen, Rechtsstaat, Demokratie und Parlamente wert sind.