Er war ein geduldiger Zuhörer und ein besserer Redner, ein genauer Beobachter und ein einfallsreicher Kopierer, ein gelehriger Schüler und ein bemerkenswerter Lehrer. Er war ein kreativer Künstler; auf der Bühne entstanden Meisterwerke. Um sie zu schaffen, benötigte er den Dialog, die Gegenrede, die Antithese. Er konnte in anderen Köpfen denken. Am besten kannte er sich mit Brecht aus.

Wie diesem war für ihn der Zweifel Basis für alles Handeln und alles Denken. Die Zweifel am Verhalten von Figuren brachten ihn auf den richtigen, den „stimmigen“ Gestus. Und wie sein Vorbild konnte er eine auch mit Mühe gefundene Lösung immer wieder in Frage stellen. Er provozierte förmlich immer seine eigene Unzufriedenheit.

In meinen vielen Notizen über die Proben Manfred Wekwerths im Berliner Ensemble zu Lebzeiten der Weigel suche ich nach Zitaten von ihm. Ich finde aber nur Brecht-Zitate (auch wenn sie durchaus nicht alle von Brecht stammten). Der Regisseur bezog uns von vornherein in seine Arbeit ein. Es kam ihm nicht darauf an, wer welchen Vorschlag gemacht hat. Es ging ihm immer um die Sache: Was soll erzählt werden? Wie wird gespielt? Wie kommt es an? Gibt es noch eine bessere Lösung?

Schmoren im eigenen Saft

Er war von allen, die bei den Proben im Zuschauerraum saßen, der vitalste und aktivste, der es am besten verstand, die Vorschläge an die Schauspieler heranzubringen. In ihm brodelte es von Einfällen. Mit unermüdlicher Neugier und mit Spaß probierte er einen nach dem anderen aus. Und er gab sie ohne Skrupel preis, wenn jemand noch eine bessere Idee hatte. Am liebsten ließ er sich von den Schauspielern inspirieren und legte großen Wert darauf, dass wir beschrieben, was diese anboten.

Mitunter verblüffte er, der Vernünftige, mit Vorschlägen, die wir auf jeden Fall ausgeschlossen hatten. Bei den Proben zu dem „Viergespräch über ein neues Theater“, das Brecht Messingkauf nannte, blieb der Dialog zwischen dem Philosophen mit den Theaterleuten lange Zeit blass und uninteressant, obwohl sich nicht weniger als drei Regisseure verzweifelt darum bemühten. Wekwerth kam, sah und sagte: „Ihr müsst das dramatisieren; die müssen kämpfen wie um ihr Leben.“ Das war es. Karge, Langhoff und ich spürten sehr schnell, wie das Gespräch sofort aufblühte. Wir waren auf epische Spielweise trainiert und schmorten gewissermaßen im eigenen Saft. Wekwerth sah da weiter. Er ließ sich nicht durch Brechts oder durch eigene Dogmen einengen. Es ging ihm immer um ein Theater, das sich für ein verändertes Publikum noch verändern kann: „Wir müssen noch viel ausprobieren.“

Unendliche Weiten

Er machte in seinem Leben viele Pläne. Der erste war der Versuch, die Leitung des Berliner Ensembles zu übernehmen. Es ist hier nicht darüber zu befinden, welche tieferen Ursachen sein Streit mit Helene Weigel hatte: Er verließ nach 18 Jahren das Theater, das ihn entscheidend und das er nachhaltig geprägt hatte. „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ 1959, „Die Tage der Commune“ 1962, „Coriolan“ 1964 – das waren ganz große Inszenierungen mit verdientem Welterfolg.

Dass er sich nach dem Konflikt mit den Brecht-Erben nicht mehr unbefangen des Werkes von Brecht bedienen konnte, hat seiner künstlerischen Entwicklung nicht geschadet, im Gegenteil. Die größere Hinwendung zu anderen Autoren, auch am Berliner Ensemble schon ein Prinzip, erweiterte das Feld der auszuprobierenden Stoffe in unendliche Weiten. Er inszenierte drei Jahre vorwiegend am Deutschen Theater und entdeckte bei „Leben und Tod König Richards III.“ von Shakespeare (mit Robert Weimann) die deutlich abgehobenen Ansprachen Richards (des „Vice“) an das Publikum, die das Stück in ganz anderer Weise spielbar machen.

Chaos und Krise

Der Ruf, den er sich durch seine Regiekunst erworben hatte, brachte ihn an das Zürcher Schauspielhaus („Jegor Bulytschow und die anderen“ 1973, „Richard III.“ 1974, „Der gute Mensch von Sezuan“ 1976 u.a.) und an das Wiener Burgtheater („Prinz Friedrich von Homburg“ 1979, „Wallenstein“ 1983). Und es brachte ihn in verstärktem Maß zum Fernsehen (z.B. „Zement“ 1972, „Die unheilige Sophia“ 1975, „Happy End“ 1977). Schließlich bekam er eine Wirkungsstätte, die seinen Ambitionen als Lehrer (als der er ja 1951 ins Berliner Ensemble gekommen war) entsprach: das Regieinstitut der Staatlichen Hochschule für Schauspielkunst (1974–1977).

Das waren geradezu ideale Voraussetzungen, um an das Berliner Ensemble, an dem sein Herzblut klebte, eines Tages zurückzukehren. 1977 war die Zeit gekommen: Ruth Berghaus, die nach dem Tod der Weigel (1971) als Intendantin des Berliner Ensembles eingesetzt worden war, brachte dem Theater Experimente, aber dadurch auch Chaos und Krise.

In Debatten eingemischt

Für Wekwerth, der nun die Leitung des Theaters übernahm, waren die Jahre 1977 bis 1991 sehr arbeits- und problemreich. Das Berliner Ensemble sollte von Grund auf erneuert werden. Das Repertoire war den Anforderungen der 80er-Jahre anzupassen (z.B. „Großer Frieden“ von Braun, 1979, „Johann Faustus“ von Eisler, 1982, „Der Selbstmörder“ von Erdmann, 1989). Andererseits konnte der Intendant Wekwerth der Versuchung nicht widerstehen, in Wien und Zürich zu inszenieren. Und nicht zuletzt beanspruchten die Ämter, die er gern übernahm, auch ihre Zeit: seit 1982 (bis 1991) als Präsident der Akademie der Künste und seit 1986 (bis 1989) als Mitglied des ZK der SED.

Die Wende beendete die „offizielle“ Laufbahn Wekwerths als Intendant, als Akademiepräsident und hoher Parteifunktionär. Der Berliner Kultursenator Roloff-Momin gestaltete die Liquidierung des Brecht-Theaters zu einem medienwirksamen Skandal.
Wekwerth sah sich aber nicht am Ende als Regisseur, Lehrer und Schriftsteller. Er hat in den letzten zwei Jahrzehnten sehr viel zu Papier gebracht und sich in alle möglichen Debatten eingemischt. Er hat Workshops veranstaltet und an kleineren und mittleren Theatern inszeniert. Auch als Politiker hat er sich (seit 1999 im Ältestenrat der „Linken“) weiterhin betätigt.

Nach der Wende sind Briefe Wekwerths an die Parteiführung zu Brechts Erbe und zum Berliner Ensemble zugänglich geworden. Ohne Frage muss man sein damaliges Verhalten, um mit Brecht zu sprechen, kritisch verfremden. Zu welchem Urteil man auch kommen mag: Die Meisterwerke, die er auf der Bühne geschaffen hat, weisen ihn eindeutig aus als großen Theaterkünstler des 20. Jahrhunderts. Am Mittwochabend ist Manfred Wekwerth in Berlin im Alter von 84 Jahren gestorben.