Berlin - Zum neuen Schuljahr fehlen mindestens 1000 Lehrkräfte in Berlin. Die Diskussion, wie mit diesem gravierenden Mangel umgegangen werden soll, ist in vollem Gang. Bildungssenatorin Busse hatte verkündet, dass die vorgeschriebene Stundentafel aufrechterhalten werden soll. Doch an dieser Position entzündet sich Kritik, und das zu Recht. Denn die Kürzung der Stundentafel von möglichen Lösungen auszunehmen, das hieße bloß: dass auf dem Papier möglichst viele der vorgeschriebenen Pflichtstunden in allen Fächern erteilt werden. Doch was in diesen Stunden qualitativ passiert und was die Schüler:innen wirklich lernen, scheint gleichgültig.

Statt bei der Stundentafel bei den Förderstunden zu kürzen und dann so zu tun, als ob Schüler:innen so keinen Unterricht verpassen, ist politische Blendung. Wenn man moderne Pädagogik stark von den Bedürfnissen und Lernvoraussetzungen der Schüler:innen her denkt, sind Förderangebote keine notfalls streichbaren Add-ons, sondern zentraler Bestandteil von Schule. Kürzt man sie, so trifft man vor allem Kinder und Jugendliche, die diese individuelle Förderung bitter nötig haben – was die Bildungsungerechtigkeit in Berlin weiter verschärft.

Die Position der Bildungssenatorin klingt nach „Viel hilft viel“. Aber stimmt es, dass Schüler:innen mehr lernen, nur weil wir sie mit mehr 45-minütige Bildungseinheiten sie in verschiedenen Fächern zuschmeißen?Nein, ein einfaches „je mehr desto besser‘“ trifft in diesem Fall nicht zu. Es sollte um Qualität von Lernen und Unterricht gehen

Schulen sollten selbst entscheiden dürfen, wo sie Stunden kürzen

Es sollte um Qualität von Lernen und Unterricht gehen, nicht um Quantität. Vielen Schüler:innen, mit denen ich als Lehrer gearbeitet habe, hätten 30 Stunden guter und personell abgedeckter Unterricht mit Förderangeboten deutlich mehr gebracht als 35 Stunden, in denen etliche für sie unergiebig sind, ständig Lehrer:innen wechseln oder der Unterricht gleich ganz ausfällt.

Ich kann meine eigenen Erfahrungen nicht verallgemeinern, aber ich wünsche mir in dieser Stadt eine ernsthafte Debatte darüber, ob in der jetzigen Situation weniger nicht mehr ist. Weniger Stunden, mehr Förderung. Weniger Stunden, mehr Zeit für jeden einzelnen Schüler, jede einzelne Schülerin.

Eine Kürzung der Stundentafel per se mit einem Qualitätsverlust gleichzusetzen, wäre falsch. Weniger kann mehr sein. Welche Angebote für die Schüler:innen am passendsten sind, kann die jeweilige Schule am besten entscheiden. Deswegen sollten auch die Schulen und ihre demokratisch verfassten Gremien – u. a. die Schulkonferenz – selbst entscheiden, wie sie mit der jetzigen Mangelsituation umgehen. Dabei sollte ihnen auch erlaubt sein, die Stundentafel zu kürzen.

Die Diskussion um solch kurzfristige und zeitlich begrenzte Maßnahmen ist Ergebnis des bestehenden Personalmangels. Berlin wird auch in den nächsten Jahren einen riesigen Lehrkräftemangel aufweisen. Bundesweit werden laut einer Studie von Bildungsforscher Klaus Klemm bis 2030 rund 81.000 Lehrkräfte fehlen.

Deswegen müssen neben diesen kurzfristigen Maßnahmen jetzt die Weichen für eine personell gut ausgestattete und anders gedachte Berliner Schule gestellt werden. Dazu gehört eine Ausbildungsoffensive für Lehrkräfte, Erzieherinnen und Sozialarbeiter:innen, aber auch der Aufbau multiprofessioneller Teams an Schulen. Damit das dafür notwendige Geld bereitgestellt wird, müsste die politische Führungsebene anerkennen, dass die Hauptstadt ein „bildungspolitisches Feuerwerk“ braucht, das seinen Namen verdient.


Philipp Dehne war früher Lehrer in Kreuzberg. Er hat die Initiative „Schule muss anders“ mitgegründet und engagiert sich bei der Berliner Linkspartei für bildungspolitische Themen.