Potsdam - Die Familie kommt zahlreich, auch die Verwandten aus Bayern, es geht an die Ostsee. „Nach Pommern“, sagt Manfred Stolpe. Dort wird er seinen 80. Geburtstag feiern, am Pfingstmontag. Dort kommt er auch her, der pommersche Sturkopf, wie er sich selbst gern verharmlosend nennt.

Am 16. Mai 1936 wird Manfred Stolpe in Stettin geboren, er wächst auf im Vorort Altdamm, teils auch auf dem Dorf bei der Großmutter, wo gern mal „gerauft“ wurde, wie er sich erinnert. „Richtig verprügelt wurde ich aber nie“, sagt er in einem langen biografischen Interview des Senders RBB, das zu Stolpes Geburtstag auch als Buch erscheint. Darauf legt er Wert, auch noch mit knapp 80: Dass er kein Verlierer war, niemals.

Der Klavierspieler

Sondern ein Macher. Einer, der die Dinge kontrolliert, regelt, einfädelt, auf den Weg bringt, der sich kümmert. Und stets den Überblick behält. „Ich wollte auf dem Klavier auch spielen“, sagt Stolpe über seinen jahrzehntelangen Job als oberster Kirchenjurist der DDR, der ihn Aberhunderte Gespräche mit der Staatsmacht führen ließ, mit Ministern, Bezirksräten, Ersten Sekretären und selbstverständlich auch mit der Staatssicherheit. Es ging um Rechte und Freiheiten der „Kirche im Sozialismus“, wie ein verkürzter Synoden-Slogan von 1971 lautete. Es ging aber oft auch um Einzelschicksale, um Menschen, nicht nur evangelische Christen, die ausreisen wollten, die drangsaliert wurden. Stolpes Telefonnummer – sein Büro am Spittelmarkt lag nur ein paar Schritte von der Mauer entfernt – wurde auf Zetteln weitergereicht unter vielen, die in den Kirchen Zuflucht suchten. Wenn was ist, ruf da an. Der kann helfen.

Auch „Hybris“ sei dabei gewesen, sagt Stolpe heute. Er glaubte, er habe alles im Griff. Er flog ins Ausland, traf in Bonn Helmut Schmidt und andere, er fuhr im Trabant-Kombi durch die DDR und verhandelte, diskutierte, erörterte, forderte. Einmal, erzählt er in dem Interview-Buch, bat ihn eine Frau um Hilfe bei der Ausreise. Er nahm sie nicht ernst genug, vertröstete sie. Und sie nahm sich das Leben. Schockierend sei das gewesen, sagt Manfred Stolpe. Er hatte doch nicht immer alles im Griff.

Dennoch zieht sich dieser Anspruch durch Stolpes Leben, das so deutsch-deutsch sein dürfte wie kaum ein anderes. In der DDR genoss der kirchliche „Chefdiplomat“, auch dies so eine nur halb scherzhafte Selbstbezeichnung, hohes Ansehen, war ein wichtiger Ansprechpartner. Nach der politischen Wende merkte er, dass dies nur so bleiben kann, wenn er sich einer Partei anschließt. Beinahe zufällig wurde es die SPD – „auf Empfehlung von Regine Hildebrandt“.

Brandenburgs Identitätsstifter

Die Sozialdemokraten – besonders Johannes Rau, der dann beim Aufbau des neuen Bundeslandes half – wollten, dass Stolpe 1990 ihr Spitzenkandidat für Brandenburg wurde. Er ließ sich nicht lange bitten. Und es gelang ihm zusammen mit Hildebrandt, bei allen Rückschlägen der ersten Jahre vom Zusammenbruch der Industrie bis zur gescheiterten Länderfusion, aus Brandenburg ein Land zu machen, dass eine eigene Identität entwickelt und oft auch, zumal gegen Berlin, verteidigt hat.

Dass er zum eigenen Jubiläum ein Interview gibt, das sich wie gesprochene Memoiren liest, passt zu Stolpes preußischen Ordnungsgeist: Er will auch die Erinnerung an sein Leben – allzu oft überlagert von den Stasi-Vorwürfen, gegen die er sich erfolgreich bis zum Verfassungsgericht wehrte – im Griff behalten. Selbst der Krebs, gegen den er seit 2004 ankämpft, besiegte ihn nicht. Mit seiner Frau Ingrid, zwischenzeitlich ebenfalls an Krebs erkrankt, lebt er seit Jahren in einem Seniorenstift an der Havel.

Er ist noch viel unterwegs im Land. Zurzeit stört ihn besonders, dass seine Stimme so heiser klingt.