Ex-S-Bahn-Chef Heinemann: „Das Leben ist nicht immer gerecht“

Berlin - Als die Krise der Berliner S-Bahn vor vier Jahren eskalierte, musste Tobias Heinemann seinen Chefposten bei dem Unternehmen verlassen. Im Herbst 2010 zog er von Berlin in die kenianische Hauptstadt Nairobi. Dort ist er Marketing- und Vertriebsvorstand bei den Rift Valley Railways.

Herr Heinemann, Sie haben eine Mail mit Grüßen aus dem winterlichen Kenia beendet. Wie ist der Winter dort?

Es ist ein bisschen kühler als sonst, aber immer noch wärmer als der Sommer in Deutschland. Tagsüber haben wir 25 bis 30 Grad. Wegen der Höhe, 2 000 Meter über dem Meeresspiegel, ist es nie schwül. Das Klima in Nairobi ist sehr angenehm.

Berlin ist weit weg. Denken Sie noch an Ihre Zeit als Chef der Berliner S-Bahn zurück?

Klar, ich habe sehr gerne bei der DB und der S-Bahn gearbeitet.

Sie und Ihr damaliger Geschäftsführerkollege Ulrich Thon gelten bis heute als Chefrationalisierer, deren Sparmaßnahmen Ursache der S-Bahn-Krise gewesen sind. Als die Ereignisse im Juli 2009 eskalierten, mussten Sie als Sprecher der Geschäftsführung abtreten. Fanden Sie dies damals gerecht?

Das Leben ist nicht immer gerecht. Für mich hat sich das Thema S-Bahn erledigt.

Wären Sie dort gern Chef geblieben?

Die Frage stellt sich nicht.

Sind Sie manchmal noch in Berlin?

Ja, natürlich. Wir haben dort noch viele Freunde und mögen die Stadt. Und selbstverständlich fahre ich auch S-Bahn, wenn ich in Berlin bin.

Ihr Unternehmen befördert vor allem Güter. Gibt es auch eine S-Bahn?

Sie wird gerade gebaut. 2012 haben wir die ersten Verkehrsleistungen im Rahmen einer Ausschreibung gewonnen und bereiten nun die Betriebsübernahme vor. Langfristig sollen 500 000 Fahrgäste täglich mit dem System transportiert werden.

Wie sieht der Nahverkehr in Nairobi derzeit aus?

Heute besteht er vor allem aus Matatus, Sammeltaxis mit zwölf Sitzplätzen. Matatu ist Swaheli und heißt „für 3“, weil die Fahrt früher 3 Schilling kostete. Es geht los, wenn der Wagen voll ist, feste Haltestellen gibt es nicht.

Fahren Sie mit Matatus ins Büro?

Nein, dafür nehme ich das Auto. Pro Weg dauert das meist eine Stunde. Bei Regen sitze ich zwei Stunden hinterm Steuer. Denn dann gibt es meist zusätzlichen Stau, weil viele Fahrer aussteigen und auf der Kreuzung vor Freude tanzen. Wir sind hier in Afrika.

Warum sind Sie wieder zu einer Bahn gegangen?

Das Projekt ist einfach sehr spannend. Wir arbeiten in einem sehr internationalen Team aus mittlerweile fünf Nationen, die Gestaltungsspielräume sind sehr groß. Die Eisenbahn in Kenia war jahrzehntelang vernachlässigt worden. Da wurden Räder abmontiert, um den Stahl unter der Hand zu verkaufen, und in der Hauptverwaltung hatte jemand eine Wasserleitung abgezweigt, um ein Wohngebiet zu versorgen. Inzwischen haben viele afrikanische Staaten die Bedeutung der Eisenbahn erkannt. Jetzt investieren wir im ersten Schritt rund 300 Millionen US-Dollar.

Vermissen Sie Berlin?

Ja und nein. Ich habe mich in Berlin wohl gefühlt. Hier ist das Leben ganz anders, aber auch sehr aufregend, weil man völlig neue Eindrücke bekommt. Nairobi ist eine internationale Metropole mit mehr als vier Millionen Einwohnern. Es gibt sogar eine deutsche Schule. Alles in Allem: Wir fühlen uns als Familie hier sehr wohl.

Das Gespräch führte Peter Neumann.