Vivantes hat Strafanzeige gegen den früheren Chef des landeseigenen Klinikunternehmens Joachim Bovelet wegen Untreue gestellt. Auch gegen den ehemaligen Geschäftsführer des Vivantes-Forums für Senioren Dieter W. wird ermittelt. „Im Rahmen von internen Prüfungen früherer Geschäftsvorgänge sind Unregelmäßigkeiten aufgefallen“, teilte Konzernsprecherin Kristina Tschenett am Donnerstag mit. Daher sei Ende Januar die Staatsanwaltschaft eingeschaltet worden. Deren Sprecher Martin Steltner erklärte, ein Ermittlungsverfahren sei eingeleitet worden.

Überteuerte Preise

Im Kern geht es um den Vorwurf, dass beim Bau des 2013 eröffneten Seniorenheimes „Haus Seebrücke“ in Spandau ein Magdeburger Lieferant überteuerte Preise für die Einrichtung sowie nicht nachvollziehbare Planungsleistungen abgerechnet haben soll, so dass Vivantes ein beträchtlicher finanzieller Schaden entstanden sei. Der Auftrag mit einem Volumen von 900 000 Euro soll der damalige Chef der Vivantes-Tochter Forum für Senioren W. ohne Ausschreibung vergeben haben.

Den Auftrag für den Bau des Seniorenheimes hatte der Geschäftsführer der Vivantes-Tochter zuerst an eine Vermögensverwaltung mit Sitz in Neukölln übertragen. Dabei handelte es sich um einen sogenannten Löffelvertrag. Das heißt: Der Bauträger sollte das Haus bis auf den letzten Löffel schlüsselfertig übergeben. Doch dann sollte die Vivantes-Tochter gegen die als Betriebskostenzuschuss ausgewiesene Summe von 900 000 Euro die Möbel selbst beschaffen. Obwohl für solche Einkäufe eine eigene Vivantes-Abteilung zuständig ist, bekam die Magdeburger Firma offenbar mit Billigung Bovelets den Auftrag. Deren Chef soll mit dem Geschäftsführer der Vivantes-Tochter Dieter W. schon früher Geschäfte gemacht haben.

Dieter W. wies gegenüber der Berliner Zeitung die Beschuldigungen zurück. Er werde mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten und sei überzeugt, dass die Vorwürfe bald entkräftet würden. „Es ist bemerkenswert, wie zeitlich nah die Strafanzeige an einem Zivilprozess liegt, den Vivantes gegen mich verloren hat“, sagte er. Bovelet äußerte sich nicht. Bovelet leitet inzwischen einen kommunalen Klinikverbund mit Sitz in Coburg. Der ehemalige Chef der Vivantes-Tochter Dieter W. ist Vorstand beim Pflegeheimbetreiber Marseille-Kliniken.

Nußbaums tiefes Misstrauen gegenüber Bovelet

Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU), der dem Vivantes-Aufsichtsrat angehört, sagte, er sei vor zwei Wochen vom Aufsichtsratsvorsitzenden Peter Zühlsdorff und der Geschäftsführerin Andrea Grebe über die Strafanzeigen informiert worden. Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD), ebenfalls im Aufsichtsrat, hatte Zühlsdorff beauftragt, die Geschäftsvorgänge in dem landeseigenen Konzern durchleuchten zu lassen.

Anlass war wohl Nußbaums tiefes Misstrauen gegenüber Bovelet. Dessen im März 2012 getroffene Entscheidung, die Chefärztin für Orthopädie und frühere Spitzenturnerin Karin Büttner-Janz zu entlassen, löste die erste scharfe Kritik aus. Der bislang im Ruf eines Sanierers stehende Bovelet wollte das offenbar nicht auf sich sitzen lassen. Unter Zeugen sagte er, ein Klinikunternehmen sei kein Fischhandel und zielte damit gegen den früheren Fischgrossisten Nußbaum.

Dann häuften sich Bovelets Fehler. So wurde ihm der Weggang seiner Stellvertreterin Dorothea Dreizehnter angelastet. Wie inzwischen bekannt ist, wurden allein im Jahr 2012 die Verträge von 81 Führungskräften mit Abfindungen von insgesamt 3,2 Millionen Euro aufgelöst. Ende 2012 stand Bovelet im Verdacht, Urheber eines anonymen Papiers zu sein, mit dem der Finanzsenator verleumdet und zu Fall gebracht werden sollte. Das wäre ein schwerer Fall von Illoyalität gewesen. Bovelet bestritt dies. Doch er geriet immer mehr ins Visier. Im Frühjahr 2013 verließ er Vivantes, obwohl sein Vertrag eine Laufzeit bis 2017 hatte. Auf eine zunächst geforderte Abfindung verzichtete er nach Protesten schließlich.

Im Clinch mit Nußbaum

Mitte 2013 schmiss auch Aufsichtsratschef Hartmann Kleiner hin, der als Vertrauter Bovelets galt und ebenfalls mit Nußbaum im Clinch lag. Blieb nur noch Karl Kauermann. Auch er war Mitglied des Aufsichtsrats und hatte mit Bovelet nach dessen Ausscheiden eine Gesundheitsfirma gegründet – quasi ein Konkurrenzunternehmen zu Vivantes. Zudem soll Vivantes Aufträge an Firmen vergeben haben, an denen Kauermann beteiligt war. Nun hat Nußbaum ihn als Aufsichtsrat des Klinikkonzerns abgesetzt. Er hatte Kauermann bereits 2012 aus dem Aufsichtsrat der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Degewo wegen vermeintlicher Interessenkollisionen abberufen.


Nachtrag: Im Jahr 2014 haben wir wiederholt berichtet, dass gegen den Ex-Vivantes-Chef Joachim Bovelet ein Ermittlungsverfahren wegen Untreue eingeleitet worden sei. Zwischenzeitlich hat die Staatsanwaltschaft Berlin das Ermittlungsverfahren gegen Joachim Bovelet mangels Tatverdachts eingestellt. Wir halten den in unserer früheren Berichterstattung mitgeteilten Verdacht gegen Joachim Bovelet nicht mehr aufrecht .