Exklusive Forsa-Umfrage: 70 Prozent der Berliner wollen mehr Radwege

Einen „Senatsfeldzug gegen Autofahrer“ sieht die CDU, die größte Oppositionspartei im Abgeordnetenhaus, schon seit langem am Werk – und auch die beiden anderen Nichtregierungsfraktionen, AfD und FDP, haben schon ähnlich kriegerische Formulierungen in ihrer Kritik an der rot-rot-grünen Verkehrspolitik benutzt.

Innerparteilich mag das eine Rolle spielen. An der Stimmung in der Bevölkerung scheint die Kritik in Inhalt und Stil gleichwohl weitgehend vorbei zu gehen. Denn der Schwerpunkt Radverkehr, ausgerufen von Rot-Rot-Grün als erste Stufe hin zu einem späteren Mobilitätsgesetz mit Verbesserungen für alle Verkehrsteilnehmer, leuchtet einer Mehrheit der Berliner durchaus ein. Dies ergibt sich aus einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Berliner Zeitung.

Öffentliche Verkehrsmittel spielen die größte Rolle

So erklären 52 Prozent der Befragten, dass die Politik für Fahrradfahrer in der Stadt mehr tun müsse – obwohl nur 29 Prozent angeben, (unter anderem) mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Dass sie (auch) Auto fahren, sagen dagegen 47 Prozent. Mehr Maßnahmen für Autofahrer fordern aber lediglich 41 Prozent, deutlich weniger also als beim Rad. Wobei sich auch die organisierten Radfahrer nicht zu früh freuen sollten.

Denn in Berlin spielt der nach wie vor sehr gut ausgebaute öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) die Hauptrolle im Verkehrsleben: 62 Prozent der Berliner geben an, dass sie täglich (an normalen Wochentagen) mit Bussen und Bahnen unterwegs sind. Dementsprechend wünschen sich auch die meisten Befragten, dass für das Funktionieren des Nahverkehrs in der Hauptstadt mehr als bisher getan wird: nämlich 60 Prozent.

Autoaffine Opposition

Hinter den parteipolitischen Forderungen steht überraschend eindeutig auch ein entsprechendes Nutzerverhalten. So ist die FDP ganz offenbar die Partei der Autofahrer in Berlin: Drei Viertel der Liberalen-Anhänger nutzen täglich das Auto. Auffällig ist allerdings, dass auch Busse und Bahnen bei zwei Dritteln der FDP-Wähler beliebt sind. Gleich danach im Ranking der autoaffinen Fraktionen kommt die AfD (67 Prozent), gefolgt von der CDU (59).

Mit anderen Worten: Die Opposition im Berliner Landesparlament ist eine klare Auto-Opposition. Umgekehrt das Bild in der Koalition. Die Grünen-Anhänger sind dabei, durchaus imagegerecht, gewissermaßen ökologische Mobilitätsstreber: Sie führen die Rangliste bei allen Verkehrsmitteln an – außer dem Auto, versteht sich, dort sind sie letzte. Ansonsten fahren Grünen-Wähler am häufigsten öffentlich (69 Prozent), am öftesten Fahrrad (47) und gehen auch am meisten zu Fuß (60). Dahinter reihen sich dann jeweils die beiden Koalitionspartner SPD und Linke ein (siehe Grafiken), so dass man versucht ist, von einer verkehrstechnischen Einheitsregierung zu sprechen. Der Schwerpunkt Fahrrad und, noch ausbaubar, Busse und Bahnen entspricht jedenfalls auch den jeweiligen Neigungen.

Geht es ganz konkret darum, ob es mehr Fahrradwege geben soll, gibt es tatsächlich nur unter FDP-Wählern eine Mehrheit (61 Prozent), die sich dagegen ausspricht. Alle anderen Parteianhänger, allen voran erwartungsgemäß die Grünen, wollen mehrheitlich den Ausbau von Radspuren – auch unter den Senatskritikern von der CDU (mit 52 Prozent) und der AfD (mit 58 Prozent). Insgesamt fordern dies 69 Prozent, während 29 Prozent den Ausbau ablehnen. Im Westteil der Hauptstadt gibt es etwas mehr Radweg-Freunde und etwas weniger Gegner davon als im Osten Berlins.

Junge wollen Pro-Rad-Politik

Eine Mehrheit für eine verschärfte Politik zugunsten der Radfahrer gibt es nur unter den jüngeren Befragten, also den 18- bis 29-Jährigen (51 Prozent). Von den mehr als 30-Jährigen fordern dagegen knapp zwei Drittel mehr Maßnahmen für die Nutzer von Bussen und Bahnen von der Politik. Insbesondere Linken-Anhänger (75) und Wähler der AfD (68) sind dafür. Dass auch mehr für die Fußgänger getan wird, wünschen sich vor allem ältere Berliner, sehr deutlich die ab 60 Jahren (48 Prozent), überdurchschnittlich aber auch schon die ab 45.

Tatsächlich scheinen sich gerade die Radfahrer unter den Berlinern gar nicht so unwohl zu fühlen, wie es kürzlich der ADFC-Fahrradklima-Test nahelegte. Die Radlerlobby sieht Berlin im Ranking weiter sinken. Laut Forsa sind die Radfahrer aber zumindest im Großstadtvergleich überdurchschnittlich zufrieden mit der Lage. Während insgesamt 32 Prozent sagen, die Verkehrssituation in Berlin sei besser als anderswo, erklären dies von den Radfahrern erstaunliche 42 Prozent.

Doch Radfahrer scheinen ohnehin meinungsstärker zu sein als andere Verkehrsteilnehmer. Denn auch Unzufriedene gibt es unter ihnen (mit 26 Prozent) mehr als im Durchschnitt (21).