Zumindest einen Effekt hatte die kurze Euphorie um den Bundestags-Spitzenkandidaten Martin Schulz für die Berliner SPD: Sie gewann Hunderte neue Mitglieder, darunter auch einige, die sich aktiv in der Partei engagieren. Den Abwärtstrend der Sozialdemokraten in der Hauptstadt hat diese Frischzellenkur aber nicht gestoppt.

In der aktuellen Forsa-Umfrage der Berliner Zeitung liegt die SPD zum zweiten Mal binnen eines Jahres auf einem historischen Tief. Wäre am Sonntag Abgeordnetenhauswahl, dann käme die SPD unter Michael Müller auf 19 Prozent, läge also unter der 20-Prozent-Marke, die für die Volkspartei große symbolische Bedeutung hat.

Die Forsa-Umfrage zeigt, dass die SPD in Berlin ein größeres Potenzial hätte. Obwohl Schulz an Popularität verloren hat, möchten ihm laut Forsa derzeit 23 Prozent der Berliner bei der Bundestagswahl ihre Stimme geben. Es gibt also eine klare Differenz zwischen Bundes- und Landes-SPD. Der Abstieg der Berliner Sozialdemokraten ist dabei in kleinen Schritten erfolgt: Vor anderthalb Jahren sah Forsa sie noch bei fast 30 Prozent.

Kultursenator Klaus Lederer bleibt populär

Es dürfte die Nervosität der SPD steigern, dass die Linke ihr so dicht auf den Fersen ist. Forsa sieht sie bei 17 Prozent. Das ist zwar ebenfalls ein leichter Rückgang um einen Prozentpunkt gegenüber der vorigen Umfrage im Juli. Aber zwei Monate in Folge hat Forsa nun einen Abstand von nur zwei Prozentpunkten zwischen den beiden Parteien ermittelt.

Hinzu kommt die offenbar unverminderte Popularität von Kultursenator Klaus Lederer. Zwar hat er einen geringeren Bekanntheitsgrad als Michael Müller – den Regierenden Bürgermeister kennen fast alle Umfragteilnehmer, mit Lederer wussten nur zwei Drittel etwas anzufangen. Bei denen ist er aber außerordentlich populär: Im Beliebtheits-Ranking steht Lederer zum wiederholten Mal auf dem ersten Platz. Nicht völlig unrealistisch ist darum, dass sich das Meinungsbild zumindest in den Umfragen umkehrt und die Linke zur stärksten Kraft der drei Koalitionsparteien wird.

Im Oppositionslager ist die zunehmende Popularität der FDP bemerkenswert. Sie legt in der Forsa-Umfrage um zwei Prozentpunkte zu auf 11 Prozent, liegt also deutlich über ihrem Wahlergebnis vom September 2016, als sie 6,7 Prozent der Stimmen bekam.

Grütters’ Vorhaben, die Partei in Berlin zurück an die Macht zu führen, ist auf einem guten Weg

Die AfD legt leicht zu, die CDU hingegen bleibt zwar stärkste Kraft in der Umfrage, verliert aber etwas. Während die Liberalen von ihrem Engagement für die Offenhaltung des Flughafens Tegel offenbar profitieren, scheint der Union ihr Umschwung kurz vor dem Volksentscheid nicht genutzt zu haben. Im Juli hatte sich eine deutliche Mehrheit der CDU-Mitglieder bei einer internen Abstimmung dafür ausgesprochen, den Flughafen offen zu halten.

Seither ist dies die offizielle Position der Partei – zumindest auf Landesebene. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat kürzlich klargestellt, dass mit der Eröffnung des BER „unabdingbar“ die Schließung des Flughafens Tegel einhergeht.

Der Berliner CDU unter Monika Grütters bleibt aber der Trost, dass sie immer noch deutlich über ihrem schlechten Wahlergebnis vom vorigen Jahr liegt. Grütters’ Vorhaben, die Partei in Berlin zurück an die Macht zu führen, ist also auf einem guten Weg – falls sich Koalitionspartner finden.

Eine theoretisch denkbare Jamaika-Koalition hätte laut Forsa derzeit eine minimale Mehrheit. Davon abgesehen bleibt Rot-Rot-Grün knapp ein Jahr nach der Wahl das einzige rechnerisch mögliche Bündnis.#