Berlin - Steigende Mieten, Verdrängung und Wohnungsnot verunsichern die Bewohner in Berlin. Laut der jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Berliner Zeitung machen sich mehr als die Hälfte (51 Prozent) der Mieter in der Hauptstadt Sorgen, dass sie sich in ein paar Jahren ihre Wohnung aufgrund höherer Miet- und Nebenkosten nicht mehr leisten können. Das sind 15 Prozent mehr als bei der letzten Befragung im April 2015 – ein deutlicher Anstieg. Nur 46 Prozent der befragten Berliner machen sich keine Sorgen, dass sie in absehbarer ihre Wohnung verlieren.

Am stärksten verunsichert sind die 45- bis 59-Jährigen (66 Prozent). Bei den 18- bis 29-jährigen Mietern sind es aber immer noch 44 Prozent, die die aktuellen Entwicklungen am Wohnungsmarkt umtreibt. Auch Besserverdiener fürchten sich vor dem Verlust der Wohnung. Die Hälfte der Mieter (49 Prozent), die mindestens ein Haushaltsnettoeinkommen von 3000 Euro im Monat zur Verfügung haben, gaben bei der Umfrage im Februar an, dass sie besorgt seien.

Die Stimmung unter den Berlinern erklärt sich aus der sich weiter zuspitzenden Situation auf dem Wohnungsmarkt. In der Hauptstadt fehlen nach Angaben des Vorstandschefs der Investitionsbank Berlin (IBB) Jürgen Allerkamp zurzeit rund 96.000 Wohnungen. Selbst wenn weiter rund 16.000 Wohnungen pro Jahr fertiggestellt werden, wie zuletzt 2017, würde es sechs Jahre dauern, um diesen Wohnungsmangel zu kompensieren, sagte Allerkamp am Freitag bei der Vorstellung des IBB-Wohnungsmarktberichts 2018.

Zwar wurden „in diesem Jahrtausend nie mehr Wohnungen fertiggestellt als aktuell“, sagte der Verfasser des Berichts Arnt von Bodelschwingh. Doch werden tatsächlich 20.000 Wohnungen jährlich benötigt. „Seit 2011 ist die Einwohnerzahl Berlins in einer Größenordnung wie Wiesbaden oder Augsburg gewachsen“, um 287.500, sagte Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke).

Berlin: 20.000 neue Wohnungen pro Jahr genehmigt

Legt man allein die Baugenehmigungszahlen der letzten Jahre zugrunde, dürften 20.000 neue Wohnungen pro Jahr eigentlich kein Problem sein. Denn in den vergangenen Jahren wurden stets mehr als 20.000 Wohnungen genehmigt. Nur: Die Fertigstellung zieht sich hin.

So waren laut dem IBB-Bericht Ende 2017 insgesamt 58.990 Wohnungen genehmigt, aber noch nicht fertiggestellt – bei 20 700 Wohnungen hatte der Bau sogar noch nicht mal begonnen. Ein Riesen-Potenzial also, um den Wohnungsmarkt schnell zu entlasten. „Es ist davon auszugehen, dass 95 Prozent der zum Bau genehmigten neuen Wohnungen auch realisiert werden“, sagte IBB-Chef Allerkamp. Es dauert eben nur.

Seit 2008 hat sich die durchschnittliche Fertigstellungsdauer von 15 auf 22 Monate erhöht. Bis ein Mehrfamilienhaus steht, vergehen mittlerweile im Schnitt sogar 29 Monate – unter anderem, weil die Projekte größer und komplexer werden. Häuser von öffentlichen Bauherren werden dabei schneller fertig als solche von privaten Bauherren. Da die Politik verstärkt auf den Bau landeseigener Wohnungen setzt, stehen öffentliche Wohnungen schneller zur Verfügung.

Katrin Lompscher appelliert an die Wirtschaft

Dass mit dem Bau mancher Wohnungen noch gar nicht begonnen wurde, könnte nach Angaben von Bodelschwingh mit Kapazitätsengpässen der Bauwirtschaft zu tun haben, mit Widerständen vor Ort, oder damit, dass Planungen geändert wurden. Es könne aber auch Spekulation dahinter stecken, sagte er. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung will den Ursachen mit den Bezirken weiter auf den Grund gehen, kündigte Katrin Lompscher an. Für die Senatorin steht fest, dass sich die Bauwirtschaft an der Kapazitätsgrenze bewegt.

„Die Auftragsbücher sind voll“, sagte sie. Zugleich appellierte Lompscher an die Unternehmen, ihre Kapazitäten auszubauen. „Wir brauchen die Bauwirtschaft als Partner, sonst schaffen wir unsere Bauprogramme nicht.“ Neben dem „bedarfsgerechten Neubau“ seien aber auch mietendämpfende Maßnahmen nötig, sagte Lompscher. Um Mieter in ihren Wohnungen vor überzogenen Forderungen zu schützen. Ein wachsendes Thema sei die Flächenknappheit. „Deswegen sind strategische Flächenankäufe für den Wohnungsbau absolut notwendig“, so Lompscher. Von der Idee, das Tempelhofer Feld zu bebauen, hält sie indes nichts.

„Das ist für mich Denkfaulheit“, sagte Lompscher. Selbst wenn man dort bauen würde, wären das maximal 5000 Wohnungen – bei 96.000 Wohnungen, die fehlen. Das sei nicht die Lösung. Stattdessen sollten neben neuen Stadtquartieren Wohnungen auf Supermärkten, Fachmärkten und Parkplätzen entstehen.

Mieten für Wohnungen in Berlin ziehen weiter an

Das Potenzial dafür ist da. Die „Deutschland-Studie 2019“ der Technischen Universität Darmstadt und des Pestel-Instituts kommt zu dem Ergebnis, dass durch Aufstockung von Bürogebäuden, Supermärkten und Parkhäusern in Berlin rund 140.000 Wohnungen geschaffen werden könnten.

Die Angebotsmieten für Wohnungen in Berlin ziehen unterdessen weiter an. Laut IBB-Bericht auf durchschnittlich 10,70 Euro je Quadratmeter zum Ende des vergangenen Jahres – vier Prozent mehr als 2017. Von Bodelschwingh sagt dazu: „Wir kommen mit einer sehr hohen Geschwindigkeit in der Normalität westdeutscher Großstädte an.“ Diese Geschwindigkeit verursache „erhebliche Schmerzen“.