Leben Sie gerne hier? Die Frage ist einfach und verständlich – für das eigene Lebensgefühl ist jede und jeder hinreichend Experte. Dies ist auch der Grund, warum bei Umfragen zur Lebenszufriedenheit am Wohnort so gut wie niemand mit „weiß nicht“ antwortet. Nicht anders bei dieser Umfrage: Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat im Auftrag der Berliner Zeitung gefragt, ob sich die Berliner wohlfühlen in ihrer Stadt – oder ob sie lieber woanders leben würden.

Das Ergebnis ist nur auf den ersten Blick zufriedenstellend für all diejenigen, die Verantwortung für die Verhältnisse in der deutschen Hauptstadt tragen: 70 Prozent der Berliner sagen, sie leben gern hier. 30 Prozent erklären, sie würden eigentlich lieber woanders wohnen.

Andere Städte stehen besser da

Im Vergleich aber sind diese Zahlen geradezu besorgniserregend. In Hamburg – der zweitgrößten deutschen Metropole, ebenfalls ein Stadtstaat – stellte Forsa zuletzt im April diese Frage (im Auftrag der Zeitungen Die Welt und Bild). Und 89 Prozent der Hamburger gaben an, sie lebten gern dort, fast 20 Prozentpunkte mehr als in Berlin. Nur elf Prozent der Hamburger fühlten sich unwohl in der Hansestadt.

Ähnlich hoch sind die Ergebnisse nach Angaben von Forsa auch in Städten wie Köln, Düsseldorf oder Frankfurt am Main, in denen die positive Identifikation der Einwohner mit ihrer Stadt stets bei jeweils mehr als 80 Prozent liegt. Mit anderen Worten: In Berlin leben – unter deutschen Großstädtern – die meisten Unzufriedenen.

Kaum Unterschiede zwischen Ost und West

Forsa befragte für die exklusive Erhebung 1009 repräsentativ ausgewählte Berlinerinnen und Berliner im Zeitraum vom 16. bis zum 26. Juli 2018 am Telefon. Die statistische Fehlertoleranz liegt bei bis zu drei Prozentpunkten plus oder minus.

Das Ergebnis zeigt keine sonderlich großen Unterschiede zwischen Ost und West: Im Ostteil Berlins gibt es nur wenig mehr Unzufriedene (33 Prozent) als im Durchschnitt der Stadt. Deutlicher werden die Differenzen erst, wenn die Wohndauer einbezogen wird. Von denen, die schon seit Geburt in Berlin leben oder zumindest vor 1990 hergezogen sind, fühlen sich deutlich mehr (76 Prozent) wohl in der Hauptstadt – was teils schlicht logisch ist, denn die Identifikation mit Berlin ist natürlich ein wichtiger Grund zu bleiben.

Geringverdiener sind am stärksten frustriert

Von denen aber, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten – seit 1999 – hierhergezogen sind, sagen nur noch magere 56 Prozent, das sie gern hier leben. 44 Prozent der Neu-Berliner würden nach eigenen Angaben lieber wegziehen. Gerade auch unter Jüngeren (18 bis 29 Jahre) ist die Zufriedenheit mit Berlin – entgegen dem Klischee der Stadt als Sehnsuchtsort für die Jugend – mit 64 Prozent unterdurchschnittlich. Umgekehrt fühlen sich viele Ältere besonders wohl: Mit 80 Prozent ist die Identifikation mit Berlin unter den mindestens 60-Jährigen so hoch wie bei keiner anderen Gruppe.

Für die rot-rot-grüne Landesregierung von Senatschef Michael Müller (SPD), die sich als gemeinsames Ziel eine soziale und solidarische Stadt auf die Fahnen geschrieben hat, ist besonders bitter, dass ausgerechnet unter Geringverdienern (mit weniger als 1500 Euro Haushaltsnettoeinkommen) die Frustration in der Hauptstadt mit am größten ist: Lediglich die Hälfte (50 Prozent) der Armen Berlins lebt gern in der Hauptstadt, in der die Lebenshaltungskosten immer weiter steigen.

Die andere Hälfte möchte lieber raus. Offenbar kommen die sozialpolitischen Akzente von Rot-Rot-Grün – von der Kitagebührenbefreiung über Mietbremsen bis zum kostenlosen Schülerticket für Bedürftige – bei den Betroffenen nicht als wirksames positives Signal an.

Nach dem Umzug sieht vieles anders aus

Die Ergebnisse stehen im scharfen Kontrast zu den üblichen Interpretationen aus der Politik, dass der im deutschen Vergleich beachtliche Zuzug nach Berlin – in den vergangenen Jahren kamen jeweils rund 40.000 bis 50.000 Menschen mehr per saldo – für eine ganz besondere Attraktivität der deutschen Hauptstadt spreche.

Offenbar treibt es nicht jeden Zuzügler aus ungebrochener Leidenschaft an die Spree – und wer erst einmal da ist, sieht schnell vieles, was nicht gefällt. So werden Probleme mit maroder Infrastruktur (Straßenzustand, Verkehr, öffentliche Einrichtungen), Verschmutzung und Wohnungsnot als häufigste Gründe für den Frust mit der Hauptstadt genannt.

Gerade auch mit dem Bevölkerungswachstum ihrer Stadt haben viele Berlinerinnen und Berliner ein Problem. Deutlich mehr als die Hälfte (57 Prozent) der Befragten finden es nicht gut, dass so viele Menschen herziehen. Nicht einmal ein Drittel (29 Prozent) begrüßt den massiven Zuzug, am ehesten noch die Älteren (40 Prozent).

„Wachstumsschmerzen“

Der Grund leuchtet ein: Insgesamt befürchtet fast die Hälfte der Berliner (48 Prozent) persönliche Nachteile durch die wachsende Bevölkerung. Am häufigsten werden dabei eine verschärfte Wohnungsnot (66 Prozent), zunehmende Verkehrsprobleme (30) und allgemein eine Überfüllung der Stadt (21) kritisch gesehen. Jeder Siebte fürchtet zudem einen Anstieg von Kriminalität, etwa jeder Achte Verdrängungsprozesse in den attraktiven Kiezen.

In die Fähigkeiten der Politiker, die diesen „Wachstumsschmerzen“ längst den Kampf angesagt haben, scheinen die Berliner dabei wenig Vertrauen zu setzen. Dass es zu weiteren Schwierigkeiten und Engpässen etwa im Nahverkehr, in den Ämtern oder auf dem Wohnungsmarkt kommt, glauben neun von zehn Befragten (92 Prozent). Nur sieben Prozent sagen, Berlins Infrastruktur werden den Ansturm verkraften.