Sage einer, in Berlin werde nicht gebaut. Zumal mit den natürlichen Materialien Holz und Lehm, kostengünstig, zur Freude der Allgemeinheit  und unter Beteiligung von Akteuren aus aller Welt. Zugegeben, es handelt sich um ein kleines Haus, und es bekommt nur ein neues Dach – doch Haus wie Dach sind einzigartig, und die Arbeiten stellen von A bis Z ein Experiment dar.

Zwölf junge Leute aus Asien, Amerika und Europa  decken im Museumsdorf Düppel das Gartenhaus des Siedlungsensembles aus dem 11./12. Jahrhundert mit Holzschindeln neu ein, mit alten Werkzeugen, alten Technologien, sehr viel Ausprobieren und sehr, sehr viel Handarbeit – typische experimentelle Archäologie, die zu verstehen versucht, wie Menschen früherer Zeit ihre Lebensgrundlagen schufen.

Wieso eigentlich Reetdach?

Im konkreten Fall kommt ein spezielles historisches Interesse hinzu:  Bisher sind alle im Museumsdorf, einem Standort des Stadtmuseums,  errichteten mittelalterlichen Häuser mit Rohr gedeckt. Mit dickem Reetdach stellt man sich die Bauten vor, die die Siedler vor rund 800 Jahren errichteten, also zu jener Zeit, als 20 Kilometer entfernt an der Spreefurt die ersten Siedler die Häuser Berlins und Cöllns errichteten.

Doch stimmt das Bild vom Reetdach überhaupt? Die Archäologin Dr. Julia Heeb, als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Stadtmuseums für die Forschungsprojekte  in Düppel zuständig, hatte da ihre Zweifel: „Wir wissen nicht, wie die Häuser um 1200 gedeckt waren. Warum sollten die Gründer der Siedlung nicht auch das reichlich vorhandene Holz genutzt haben?“

So viel Roggenstroh für die großen Dachflächen dürften die wenigen Felder  des frisch besiedelten Gebiets noch nicht geliefert haben, überlegt sie. Und  Pollen von Schilfrohr, das man an den nahen Seen geschnitten haben könnte, fand man in den Analysen  nicht.   „Ich wollte alternative Deckungen zeigen, um den gewohnten, aber womöglich unrealistischen Abblick zu durchbrechen“, erklärt sie. „Vielleicht wurde ja auch Borke benutzt.“

Die historische Dorfanlage am Krummen Fenn war in den 1960-Jahren freigelegt worden. Vor allem auf Betreiben eines engagierten Vereins entstanden dort in den folgenden Jahrzehnten auf  rund acht Hektar möglichst detailgetreu nachgebaute Wohnhäuser, Speicher, Werkstätten, Felder und Gärten. Die damals gedeckten Rohrdächer sind nach 30 Jahren rott, brauchen Erneuerung.

Auch das Dach vom kleinen Gartenhaus musste dringend erneuert werden – und wurde jetzt durch glückliche Umstände zur Baustelle des European Heritage Volunteers Programmes.  Der  in Weimar ansässige Verein  hat die   zwölf Freiwilligen nach einer Ausschreibung ausgewählt: alle zwischen 23 und 32 Jahre alt und durch einschlägige Studiengänge, meist Architektur, Archäologie oder Geschichte, vorbereitet.

Zelt, Außendusche, Kompostklo

Nun wohnen die acht jungen Frauen und vier Männer aus Indien, Tschechien, den USA, Russland, Pakistan, Portugal, Belgien, Mexiko, Spanien, Rumänien und   dem Kosovo in Zelten ganz nah bei ihrer Baustelle unter Bäumen im Museumsdorf.

Sie schlafen auf Feldbetten, nutzen drei Freiluftduschen und Komposttoiletten, kochen selber und haben viel Gelegenheit zum weltumspannenden Austausch aller Art. 80 Euro haben sie für die Teilnahme  bezahlt – wahrlich nicht viel für Kost, Logis und  ein vor allem die fachliche Betreuung und das umfangreiche Bildungsprogramm samt Exkursionen. Internationales Networking von Grund auf. Das gehört ganz bewusst dazu, sagt der Geschäftsführer von Europeen Heritage Volonteers, Dr. Bert Ludwig.

Doch vor allem arbeiten die jungen Leute – unter freiem Himmel bei der Hitze auch recht anstrengend, weshalb sie einen Teil der Arbeit in die Morgenstunden verlagern. Zuerst haben das alte Reetdach abgenommen und die darunter liegende Dachsparrenkonstruktion für die Holzdeckung ergänzt. Die 40 Zentimeter langen Eichenschindeln wurden gekauft, ihre Herstellung wäre zu aufwändig gewesen. 

Nun sitzen die Freiwilligen da und stellen Holznägel her: spalten Baumklötze  in Stäbe, treiben diese  mit hölzernem Schlegel durch eine eiserne Tülle, sodass sie zu dünneren Stiften werden, die dann, jeder einzeln, zurechtgeschnitzt werden.   400 dickere Eichennägel für das Befestigen der zusätzlichen Dachlatten werden gebraucht, etwa 4 000 kleinere aus Lärchenholz für das Festnageln der Schindeln.

Eine Gruppe verlegt unter Anleitung des Archäologen Nils Schäkel  die Platten auf dem Dach, eine andere schnitzt im Schatten, eine dritte darf im Lehm matschen und in einem der kühlen Düppeler Reetdachhäuser Fußboden und Wände ausbessern.

In der Wollgruppe

Regelmäßige Rotation schafft Abwechslung. Wichtig ist den jungen Leuten, dass sie hier mit praktischer Erfahrung ihre meist theorielastigen Studien ergänzen können. Vom Partymonster Berlin bekommen sie wenig mit. Großstadt haben sie genug an ihren jeweiligen Studienorten.

Begeistert berichten sie vom Wochenende: Dann nämlich kommen die Vereinsmitglieder, die  in ihrer Freizeit das Mittelalterdorf zum Leben erwecken. Mit ihnen haben die jungen Leute  selbstgeschorene Wolle verarbeitet. Diese Woche kommt der Schmied.

Offene Schau-Baustelle:Während der Schulferien öffnet das Museumsdorf Düppel auch an allen Wochentagen.  Diese Woche kann der  Fortschritt der Baustelle täglich 10 bis 17 Uhr (bis 2. August) besichtigt werden. Wer mit den Projektteilnehmer sprechen möchte kann dies bis 15 tun.