Expertin im Interview: Wie man seinen Kindern die Angst vor Terror nimmt

Den Terror bekommen in Zeiten zunehmender Anschläge in Europa viele Kinder mit - auch wenn ihre Eltern sich bemühen, sie von zu der Bilder- und Informationsflut fernzuhalten. Doch wie beantwortet man ihre Fragen kindgerecht? Wie nimmt man ihnen die Angst? Die Psychologin Judith Sinzig erklärt im Interview, wie Eltern am besten reagieren. Sie ist Chefärztin der Abteilung für Kinder und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der LVR-Klinik Bonn.

Frau Professor Sinzig, wie sprechen wir mit Kindern über das, wofür wir selbst kaum die geeigneten Worte finden, geschweige denn Erklärungen haben?

Judith Sinzig: Nicht alle Kinder kommen von selbst mit ihren Fragen. Deshalb ist es wichtig, ihnen dazu Gelegenheit zu geben. Sie sollen alles fragen dürfen, was ihnen durch den Sinn geht. In ihren Antworten sollten die Eltern bei der Erfahrung ansetzen, dass unser Leben verletzlich ist. In einem zweiten Schritt ist es aber wichtig zu sagen: „Du brauchst deshalb nicht ständig Angst zu haben.“ Kinder denken ja immer sehr konkret. Sie fragen: Kann mich so etwas wie in Paris auch treffen - auf der Straße, in der Schule, bei Freunden?

Ein Bekannter erzählte, sein Dreijähriger habe sich jetzt vor einer Bombe unter seinem Bett gefürchtet.

Sinzig: Genau. Da kann man aber beruhigend am Alltag der Kinder ansetzen: „Es wird dir hier nichts passieren.“ Ich habe selbst zwei Kinder, acht und elf Jahre alt, die mir sagten, ihnen habe diese Art der Erklärung gutgetan.

Kinder sehen ihre Eltern als die großen Beschützer. Soll man sie darin bestärken?

Sinzig: Die Kinder sollen jedenfalls wissen, dass ihre Eltern auf sie aufpassen. Zu behaupten, dass sie ihnen alles Schlimme ersparen könnten, halte ich für falsch. Aber die Eltern können deutlich machen, dass so schreckliche Ereignisse wie in Paris höchst selten sind und sie höchstwahrscheinlich nie treffen werden. Älteren Kindern kann man erklären, dass es auch den Schutz durch Polizei und andere Behörden gibt. Das Urvertrauen der Kinder bleibt bestehen, so lange sie erleben: Meine Eltern sind wohlauf, und sie sind bei mir. Dann spüren sie auch keine Gefahr, die sie unmittelbar bedrohen würde.

Darf man seinen Kindern die Dauer-Nachrichtenschleife und die Sondersendungen im Fernsehen zumuten?

Sinzig: Da rate ich schon zur Zurückhaltung. Die Macht der Bilder ist enorm, und Kinder können die Bilder nicht im Zusammenhang verstehen. Eltern sollten das Fernsehen nicht einfach laufen lassen, sondern gezielt Kindernachrichten einschalten und sich selbst erst dann eingehender informieren, wenn die Kinder nicht dabei sind.

Selbst in Filmen mit einer Altersfreigabe ab sechs Jahren gibt es ähnlich schockierende Szenen.

Sinzig: Das stimmt. Aber schon kleine Kinder können zwischen der Kunstwelt und der Realität unterscheiden: Das eine mag gruselig sein, ist aber "nur" ein Film; das andere ist wirklich passiert.

Das Verstörende ist ja auch die Erfahrung des Bösen, das Menschen anderen antun. Wie lässt sich das für Kinder in Worte fassen?

Sinzig: Es lässt sich jedenfalls kaum beschönigen. Ich habe auch im Gespräch mit meinen Kindern gemerkt, dass ich an Grenzen des Erklärbaren gestoßen bin. Wieder wird es eine Hilfe sein zu sagen: „Solch böse Menschen gibt es, aber nicht in deinem Leben. Sie kommen nicht in die Schule, du triffst sie nicht auf dem Weg zum Bäcker.“ Mein Sohn hat vorhin gefragt: „Mama, wenn diese IS-Leute jetzt dein Interview lesen, finden sie dich dann vielleicht doof, weil du etwas gegen sie gesagt hast?“ Darauf konnte ich ihm entgegnen, dass es dem IS um etwas ganz anderes geht, als mich für irgendetwas zu bestrafen.

Schwierig dürfte es sein, etwas über die Motive der Attentäter zu sagen. Zu kompliziert?

Sinzig: Das finde ich nicht. Natürlich kommt es auf das Alter der Kinder an. Aber sie wissen durch die Schule etwas von der Religion. Man wird ihnen sagen können: „Manche Menschen ziehen aus der Religion übertriebene, falsche Schlüsse. Aber das gilt nicht für die Mehrheit der Gläubigen, in diesem Fall der Muslime.“ Als Fachfrau ist mir noch ein Hinweis wichtig.

Ja?

Sinzig:Es gibt besonders verletzliche Kinder, die leicht in Angst geraten, etwa wegen belastender Ereignisse im Leben. Sie können mit Verhaltensbesonderheiten auf solche Geschehnisse reagieren, etwa mit Schlafstörungen. Halten diese ungewohnt lange an, sollten Eltern psychologische Hilfe suchen.