Draußen ist es grau, kalt, nass: In der dunklen Jahreszeit treten Depressionen verstärkt auf. Das Alexianer St. Joseph-Krankenhaus in Weißensee ist die größte Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Berlin. Dort werden pro Jahr mehr als 1000 Patienten mit Depressionen ambulant behandelt und 800 Patienten stationär. Wir sprachen mit der Ärztlichen Direktorin Iris Hauth über Vorzüge und Gefahren des Alltags in einer Großstadt wie Berlin für unsere Psyche.

Frau Hauth, man kommt in diesen Tagen morgens nur schwer aus dem Bett. Leiden wir schon an einer Herbstdepression?

Vor Jahrmillionen zogen sich die Menschen im Winter zurück in die Höhlen, sie aßen und schliefen mehr. Das hat damit zu tun, dass es im Winter weniger Licht gibt, das über den Sehnerv in die Zirbeldrüse, die Epiphyse, transportiert wird, wo sich der Botenstoff Melatonin bildet. Das führt zu einer Dysbalance der Botenstoffe Melatonin und Serotonin, auch bekannt als „Glückshormon“, das für positive Stimmung sorgt. Die meisten Menschen erleben das ohne dramatischen Verlauf. Wenn Sie aber länger als 14 Tage erheblich depressiv verstimmt und antriebslos sind, viel schlafen müssen, ohne erholt zu sein, könnte es sich um eine saisonale abhängige Depression handeln, der sogenannten Winterdepression, die ab Oktober beginnen kann. Eine halbe Stunde Bewegung bei Tageslicht kann da schon helfen, auch wenn die Sonne nicht scheint. Wenn das nicht ausreicht, empfehlen wir die sogenannte Lichttherapie, das heißt, täglich am Morgen eine halbe Stunde in eine spezifische Lichttherapielampe schauen.

Gibt es einen Unterschied zwischen der saisonalen und herkömmlichen Depression?

Von den Symptomen her sind beide fast identisch: schlechte Stimmung, Interessen- und Freudlosigkeit, man hat keinen inneren Antrieb. Während bei einer herkömmlichen Depression aber häufig Schlafstörungen und Appetitlosigkeit auftreten, haben saisonal Depressive ein hohes Schlafbedürfnis, ohne ausgeschlafen zu sein. Und sie haben bevorzugt Appetit auf Süßigkeiten, ein Zeichen für fehlendes Serotonin.

Wie häufig sind saisonale Depressionen?

Etwa fünf Millionen Deutsche haben pro Jahr eine Depression. Zwei bis drei Prozent der Bevölkerung leidet unter einer saisonalen Depression.

Welche Ursachen gibt es generell für Depressionen?

Sie entstehen durch das Zusammentreffen unterschiedlicher Faktoren. Dazu zählen genetische, also vererbte Anlagen, lebensgeschichtliche Ereignisse und Belastungen sowie chronischer Stress, der durch chronische Überforderung im Privatleben und in der Arbeitssituation entstehen kann. Abzugrenzen von einer echten Depression ist das sogenannte Burn-out-Syndrom, das noch keine Erkrankung ist, aber das Risiko für eine psychische Erkrankung erhöhen kann. Negativ erlebte Arbeitssituationen, also schlechte Personalführung, Multi-Tasking und Leistungsdruck tragen dazu bei. Klare Arbeitsstrukturen sind wichtig, Lob, Tadel, Teamarbeit, Transparenz. Nicht selten überfordern sich die Menschen selbst und wollen alles 100-prozentig machen.

Man will immer perfekter werden, immer mehr aus sich herausholen. Da sind wir beim Thema Selbstoptimierung.

Richtig, das ist ein gesellschaftliches Phänomen: Viele Menschen definieren sich nur über Leistung, Anerkennung von außen und haben keine anderen Werte mehr. Das wird durch unsere Gesellschaft zusätzlich befördert.

Berlin boomt als Start-up-Metropole ...

.. immer schneller, höher, weiter. Besonders bei jungen Leuten ist das ausgeprägt. Wir hatten einen Patienten, der ein Start-up aufgebaut hat: 50 Mitarbeiter, alles lief gut, er konnte eigentlich stolz sein. Aber er war vollkommen ausgebrannt, hatte alles andere vernachlässigt: den Freundeskreis, die Freundin, es gab keine Trennung mehr zwischen Beruf und Privatleben, keine Ruhezeiten. Daraus entsteht ein Teufelskreis.

Nimmt Arbeit in unserem Leben einen zu großen Stellenwert ein?

Nein, grundsätzlich gibt Arbeit Tagesstruktur und sozialen Kontakt, Geld und soziale Sicherheit sowie das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Ist die soziale Sicherheit und vor allem die Kontrolle über die Situation gefährdet, steigt das Risiko für psychische Symptome. Wir beobachten zum Beispiel, dass die Zahl der Freelancer mit Burn-out und psychischen Erkrankungen steigt. Es ist erstrebenswert, frei zu sein, aber der Freiheitsbegriff bringt auch Unsicherheit mit sich und kann zur Erschöpfung führen.

Wie depressiv ist denn Berlin?

Das kann man nicht genau sagen. Die Krankenkassen veröffentlichen zwar regelmäßig Daten über Diagnosen und Krankschreibungen. Diese beziehen sich aber nur auf Menschen, die sich Hilfe im Gesundheitswesen gesucht haben. 2012 hat das Robert-Koch-Institut bundesweit repräsentative Stichproben erhoben. Danach hat jeder dritte Deutsche pro Jahr eine Diagnose aus dem Bereich der psychischen Erkrankungen.

In den Städten gibt es mehr Depressive als auf dem Land. Wir haben Stress im Job, hetzen dann zur nächsten Verabredung und werden in der überfüllten Bahn ständig angerempelt. Hinzu kommen Meldungen, dass immer mehr Zuzügler die Stadt und ihre Infrastruktur bald überlasten werden. Das beunruhigt und macht Angst.

Im Jahr 1950 haben 30 Prozent der Menschen in Städten gelebt, 2050 werden es zwei Drittel sein. Das gilt weltweit. Denn Städte bieten viele Vorteile: mehr Arbeitsplätze, Kultur und Sport, es geht lebendiger zu, die Gesundheitsversorgung ist besser. Die Kehrseite ist die soziale Dichte: viele Menschen auf der Straße, Reizüberflutungen. Auf der anderen Seite gibt es auch mehr Vereinzelung, mehr Singles – Menschen fühlen sich isoliert, privat oder gesellschaftlich. Das ist ein großer Stressfaktor. Hinzu kommen Benachteiligungen, Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung.

Tausende Flüchtlinge sind nach Berlin gekommen, sie lebten in ihrer Heimat unter lebensbedrohlichen Verhältnissen, dann die lange Flucht und schließlich die Enge in den Heimen. Viele von ihnen wissen immer noch nicht, wie es weitergeht. Wie macht sich diese Situation in der Klinik bemerkbar?

Aus Studien weiß man, dass ein hoher Prozentsatz der Flüchtlinge unter chronischem Stress über Monate oder Jahre litt, der als Risikofaktor für psychische Erkrankungen gilt. Viele Flüchtlinge haben erhebliche Traumata erlebt. Im psychiatrischen Versorgungsalltag kommen die geflüchteten Menschen noch nicht in großer Zahl an. Im Bezirk Pankow, für den wir im Rahmen der psychiatrischen Pflichtversorgung zuständig sind, leben zirka 5 000 Flüchtlinge, 80 von ihnen haben wir im letzten Jahr wegen psychischer Erkrankungen stationär aufgenommen. Bei vielen Flüchtlingen stehen offenbar noch existenzielle Dinge im Vordergrund, so dass psychische Probleme nicht vordergründig sichtbar werden.

Müssen Sie auf Flüchtlinge anders eingehen als auf andere Patienten?

Das Erleben des Krankheitsbildes und das Schildern von Symptomen ist anders. Die Vorstellung von psychischen Erkrankungen sind im Islam viel körperlicher. Man sagt dort nicht: „Ich bin depressiv“, sondern es steht jemand vor Ihnen und sagt: „Meine Leber schmerzt“ oder „ich habe Dämonen im Kopf“. Dahingehend müssen wir im Bereich der Diagnostik und Therapie unsere Konzepte noch kultursensibler anpassen.

Berlin verändert sich auch anderweitig. In manchen Kiezen werden Einkommensschwache durch rasant steigende Mieten verdrängt, dafür wächst in anderen Gegenden der Anteil von Armen. Wirken sich solche Veränderungen aus?

Ja. In Wedding und Tiergarten gab es eine Untersuchung in Gebieten, in denen der Anteil von Hartz-IV-Empfängern um zehn Prozent gestiegen ist. Dort stieg das Stress-Erleben auch jener, die nicht selbst von Hartz IV betroffen waren. Wenn sich die Umgebung verändert und man im eigenen Umfeld einen sozialen Abstieg wahrnimmt, dann kommen die eigenen Ängste näher: Das könnte mir auch passieren.

Wie groß sind die Unterschiede bei psychischen Erkrankungen in den Städten im Vergleich zum Landleben?

In der Stadt werden laut Studien 30 bis 50 Prozent mehr Depressionen und Angststörungen diagnostiziert, bei Schizophrenie sind es mehr als 100 Prozent. Neue Studien zeigen, dass Menschen, die in einer Stadt aufgewachsen sind, eine höhere Stressempfindlichkeit haben. Funktionelle bildgebende Verfahren des Gehirns zeigen, dass bestimmte Gehirnregionen wie die Amygdala oder das Cingulum, zuständig für Angstreaktionen beziehungsweise Verhaltenskontrolle, bei Städtern intensiver reagieren als bei Land-Menschen.

Und wie äußert sich das? Sind Städter somit aggressiver?

Ja, als Städter rege ich mich auf, dass mir jemand die Vorfahrt nimmt, möchte aus dem Auto springen und an dem anderen meine Aggressionen abreagieren. Beim Landmensch passiert da nicht so viel, die Reaktion auf externen Stress ist bei der Stadtbevölkerung größer, sie reagiert gereizter. Dadurch häufen sich Stressattacken und können auch chronisch werden. Diese Abläufe sind ein Risikofaktor für eine psychische Erkrankung. Wenn man Kinder hat, sollte man vielleicht doch aufs Land ziehen. Studien zeigen, dass gerade die ersten 15 Lebensjahre für die spätere Fähigkeit, Stress gut zu verarbeiten, wichtig sind.

Woran erkenne ich, dass ich für Depressionen anfällig bin?

Frühwarnsignale können körperlich sein: länger anhaltende depressive Stimmung, zunehmende Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, unterschiedliche körperliche Beschwerden oder auch einfach über längere Zeit keinen Bock mehr zu haben. Dafür braucht man erst mal keinen Arzt, dafür bedarf es einer Achtsamkeit für sich selbst. Man darf Warnsignale nicht wegdrücken, sondern muss sich damit auseinandersetzen. Das ist nicht immer einfach, weil man so erzogen ist, dass man funktioniert. Bei Betroffenen kommt häufig Scham hinzu, sich und anderen die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit einzugestehen.

Manche sind anfälliger für Depressionen. Ist das eine Charakterfrage?

Meist sind es Menschen, die sensibel sind, einen hohen Anspruch an sich haben und alles besonders gut machen wollen. Das kann sowohl ein Unternehmer sein als auch die Kassiererin in einem Supermarkt. Wenn Menschen das Gefühl haben, ausgeliefert zu sein und keinen Einfluss mehr nehmen zu können, am Arbeitsplatz, in ihrer Umgebung, in der Wohnstraße, steigt ihr Stress- und Angstpegel.

Auf der politischen Agenda steht derzeit eine Renaissance der traditionellen Durchmischung der Berliner Milieus. Haben Sie Vorschläge, worauf Politiker, Stadtplaner, Architekten bei ihren Planungen achten sollten, um Stressfaktoren zu mindern?

Man muss beim Städtebau Erkenntnisse der Hirnforschung einbeziehen und für eine Umgebung sorgen, die positiv wirkt. Also Oasen schaffen ohne Reizüberflutung – Grünflächen, Weite, Ruhe, kein Dreck, keine Graffiti, keine Unordnung. Auch Wohnungen und Häuser könnten so gebaut werden, dass es für das Gehirn und die Stressentlastung positive Elemente gibt. Einige Architekten beschäftigen sich bereits mit psychischen Erkrankungen und Gesundheit, da stehen wir noch ganz am Anfang. Und natürlich spielt die soziale Situation eine Rolle, das Miteinander verschiedener Menschen.

Wie kann man sich gegen zu viel negativen Stress wappnen, um psychischen Erkrankungen vorzubeugen?

Jeder sollte sehr bewusst Zeiten einplanen, zu denen er nicht arbeitet und etwas macht, das ihm Freude bereitet. Damit meine ich nicht nur den Urlaub, sondern feste Zeiten in jeder Woche. Das kann ein Abend oder ein Nachmittag sein, an dem ich, festgelegt wie in einem Stundenplan, aber ohne Druck, Dinge unternehme, die mir guttun: Schwimmen, Spazierengehen, Musik hören, Fahrradfahren, Entspannen. Sport ist wichtig und vor allem der Freundeskreis.

Sie sind Leiterin einer Klinik mit 400 Mitarbeitern. Wie schützen Sie sich vor zu viel Stress?

Ich fliehe am Wochenende von der Reizüberflutung der Stadt aufs Land und bemühe mich, nicht zu arbeiten. Ich entspanne bei Gartenarbeit, Schwimmen und Radfahren. Das tut mir gut.

Wir haben jetzt viel über die negativen Faktoren der Großstadt gesprochen. Gibt es psychologisch gesehen auch Positives an Berlin?

Die Stadt ist bunt, jeder kann mit seinen Verrücktheiten hier ganz gut leben. Wenn ich die schrill angezogenen und auftretenden Leuten sehe, denke ich: Der würde sicher auf dem Land Schwierigkeiten haben. Hier in der Stadt fällt das nicht auf. Man hat viel Freiraum, das ist das Schöne an Berlin.

Das Gespräch führten Sabine Deckwerth und Torsten Landsberg.