Die zerstörte Stadt: Berlin am Ende des Zweiten Weltkriegs. Noch immer liegen Blindgänger im Boden der Haupstadt. 
Foto:  Time Life Pictures

BerlinNach der Entschärfung des 250-Kilo-Blindgängers aus dem Zweiten Weltkrieg hinter dem Roten Rathaus am Dienstagmorgen ist klar, dass  die Suche nach nicht explodierten Bomben weitergeht - weitergehen muss. Dieses Problem wird die Stadt noch auf Jahrzehnte beschäftigen, ebenso das Nachbarland Brandenburg. Denn die Region ist noch immer das am meisten mit Altmunition belastete Gebiet in ganz Deutschland. Der Grund dafür: Im Frühjahr 1945 wurden rund um die damalige Reichshauptstadt die schwersten Gefechte und Schlachten geführt. 

Über Berlin gingen bei Luftangriffen etwa 45.000 Tonnen Bomben der Alliierten nieder. Experten gehen davon aus, dass zehn Prozent aller abgeworfenen Bomben damals nicht explodiert sind und noch immer als Blindgänger im Boden liegen. In der gesamten Stadt Berlin wurden seit dem Ende des Krieges etwa 7.500 solcher Blindgänger geborgen, etwa 4.600 werden noch immer im Boden vermutet.

Systematische Suche nach Bomben

Diese Zahl des Senats stammt aus dem Jahr 2019. Davor war man lange von 3.000 Blindgängern ausgegangen. Berlin gibt jedes Jahr einen Millionenbetrag für sein Flächenräumprogramm aus und lässt Wälder und Parks systematisch absuchen. Der Plänterwald, Teile des Tegeler Forsts und des Gebiets nördlich des Müggelsees wurden beräumt. Im Jahr 2018 wurden in Berlin 38,7 Tonnen Bomben und Munition geborgen.

Noch einmal deutlich höher ist die Zahl im benachbarten Land Brandenburg. Dort wurden allein im Jahr 2019 bis Ende November 276 Tonnen Kampfmittel gefunden. Das Land musste dafür 13,7 Millionen Euro aufwenden. Die Kosten summieren sich über die Jahrzehnte zu gewaltigen Beträgen. So wurden in  Brandenburg nach Angaben der Regierung seit 1991 bislang mehr als 400 Millionen Euro für die Beseitigung des explosiven Kriegserbes ausgegeben.

Teile des Atomwaffenprogramms der Nazis vermutet

Im Land Brandenburg wurden die Städte Potsdam und Oranienburg besonders heftig bombardiert. In Potsdam mussten bislang 202 Blindgänger entschärft werden, in Oranienburg waren es sogar schon 210 - wohlgemerkt seit dem Ende der DDR. Über die Mengen davor gibt es keine Zahlen. In Oranienburg wurden allein 2019 fünf Blindgänger entschärft. Eine Bombe konnte nicht von den Sprengmeistern unschädlich gemacht werden, sondern musste gesprengt werden.

Oranienburg - auch "Stadt der Bomben" - wurde so heftig angegriffen, weil es ein bekannter Standort der chemischen Industrie und von Rüstungsbetrieben war. Die Amerikaner und Briten vermuteten dort Teile des Atomwaffenprogramms der Nazis. Besonders problematisch ist, dass über Oranienburg sehr viele Großbomben mit chemischem Langzeitzünder abgeworfen wurden. Bei denen ist die Blindgängerquote noch höher als bei Bomben mit herkömmlichen Zündern. Allein beim schwersten Bombenangriff auf die Stadt am 15. März 1945 gingen 5.690 Großbomben nieder, mehr als 4.000 davon mit chemischem Langzeitzünder.

Ziel: Demoralisierung der Bevölkerung

Diese Zünder gelten auch Jahrzehnte später noch als hochgefährlich. Sie lösten die Bombe nicht beim Aufschlag aus, sondern erst später, wenn eine Säure eine dünne Zelluloidmembran im Zünder durchgeätzt hatte und so zwei explosive Stoffe zusammenkamen und den eigentlichen Sprengsatz der Bombe zündeten. Bei Blindgängern weiß heute niemand, ob die Membran noch hält - und wie lange.

Die über Oranienburg abgeworfenen 250- oder 500 Kilo-Bomben mit chemischem Langzeitzünder sollten erst 12 bis 48 Stunden nach dem Aufprall explodieren, um nicht nur die industrielle Infrastruktur zu zerstören, sondern auch die Bevölkerung zu demoralisieren. Ein Gutachten der Uni Cottbus geht davon aus, dass noch mehr als 300 Blindgänger im Oranienburger Boden liegen.

In Berlin und in Oranienburg wird empfohlen, jede Baustelle vor dem Bau nach Altmunition abzusuchen. Das geschah auch bei den archäologischen Grabungen am Roten Rathaus.

Die Suche nach Blindgängern ist sehr aufwändig. Denn bei den großflächigen Bombardements der West-Alliierten flogen die Flugzeuge meist sehr hoch, um den Geschossen der deutschen Flugabwehr zu entgehen. So landeten die Bomben oft nicht dort, wo sie eigentlich einschlagen sollten. Nach jedem Angriff überflogen die Alliierten die bombardierten Gebiete noch einmal und fotografierten sie. Damit sollte kontrolliert werden, wie erfolgreich die Angriffe waren.

Luftbilder von 90 Prozent der Berliner Fläche

Die Bundesrepublik kaufte große Bestände der alten Luftbilder von den Briten und Amerikanern auf, um so die Suche nach nicht explodierten Bomben zu erleichtern. Für 90 Prozent der Berliner Stadtfläche gibt es solche Luftbilder.

Das Problem bei Blindgängern ist, dass ihre Einschlagstellen nur schwer zu finden sind. Wenn eine Bombe explodiert, bleibt ein großer Bombentrichter. Aber bei einem Blindgänger ist nicht viel zu sehen, es bleibt nur ein sehr kleines Loch, im Durchmesser nur wenig breiter als der Sprengkörper selbst. Auf den Luftbildern ist es nur ein winziger Punkt.

Oft wurden Bombentrichter und Einschlaglöcher im Krieg von den Bewohnern einfach wieder zugeschüttet. Die Einschlagstellen wurden auch von deutscher Seite nicht erfasst. Dadurch ist unklar, wo noch Blindgänger liegen.

Erschwerend kommt hinzu, dass gleicht neben der Einschlagstelle eines Blindgängers bei einem Angriff kurz danach noch eine Bombe explodiert sein kann. Die wirbelte dann Schutt oder Ziegel durch die Gegend und schüttete dadurch das Einschlagloch des Blindgängers wieder zu. So kann es sein, dass selbst bei der Auswertung der besten Luftbilder einzelne Blindgänger nicht erkannt werden können.

Es gibt weitere Probleme: Die Blindgänger rosten durch und giftiger Sprengstoff gelangt in den Boden und ins Grundwasser.