Betriebsbereit: Am 31. Oktober 2020 sollen auf dem Flughafen Berlin Brandenburg, kurz BER, erstmals Flugzeuge landen. Auf dem Boden wird der neue Hauptstadt-Airport ebenfalls gut erreichbar sein.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinSechs S-Bahnen pro Stunde, vier Regionalzüge pro Stunde, Linienbusse, sogar Intercity-Züge: Der Flughafen BER, der am 31. Oktober öffnet, wird ohne Auto sehr gut erreichbar sein. Obwohl die Luftfahrtbranche unter der Corona-Krise leidet und die Zahl der Fluggäste auch in Berlin gesunken ist, sind an dem seit langem geplanten üppigen Verkehrsangebot zum künftigen Hauptstadt-Airport keine Abstriche geplant. Im Gegenteil: Es wird sogar noch weitere Routen geben – aber mit deutlich höheren Fahrpreisen als sonst. Nach Informationen der Berliner Zeitung sollen zwei zuschlagspflichtige Expressbuslinien zum BER führen. Für die Berliner Route ist ein Aufpreis von acht Euro pro Fahrt geplant, auf der Potsdamer Strecke beträgt er fünf Euro. Anderswo auf der Welt waren solche Angebote für Flugreisende bisher erfolgreich. Aber wird das auch in Berlin der Fall sein?

BER1: So soll die Expresslinie heißen, die Berlin mit dem neuen Schönefelder Flughafen verbindet. „Das Genehmigungsverfahren ist noch nicht abgeschlossen, aber die Linienkonzession haben wir schon“, sagt Jörg Sipli von der DB Regio Bus Ost in Berlin. Zur Deutschen Bahn gehört auch das Unternehmen, das die Route betreiben soll. Der traditionsreiche Busbetreiber Bayern Express + P. Kühn Berlin GmbH, kurz BEX genannt, wird Reisebusse einsetzen – mit komfortablen Sitzen und viel Platz für Gepäck.

Noch will Sipli keine Details verraten, doch erste Einzelheiten wurden bereits bekannt. So ist nach jetzigem Stand vorgesehen, dass die Linie BER1 im Halbstundentakt verkehrt und zwei Streckenäste bekommt. Jeweils im Wechsel sollen die Reisebusse am Rathaus Steglitz sowie am Zoo starten, hieß es. Der einzige Zwischenhalt ist am Bahnhof Südkreuz geplant. Von dort rollen die Busse auf der Autobahn zum BER, wo sie vor dem Terminal 1–2 ihre Endstation erreichen. Am heutigen Flughafen Schönefeld, der bald Terminal 5 heißen wird, soll es dagegen keinen Halt geben.

Im Expressbus dauert die Fahrt länger als im Regionalzug

Gefahren wird täglich vom frühen Morgen bis zum späten Abend, hieß es. So ist geplant, dass der erste Bus um 3.35 Uhr am Zoo abfährt. Von dort aus soll die Reise zum Flughafen 55 Minuten dauern, rund eine Viertelstunde länger als mit dem Regionalzug. Die letzte Abfahrt in Steglitz ist für 21.10 Uhr geplant. Wer dort einsteigt, sollte 50 Minuten Fahrzeit zum BER einkalkulieren. Der letzte Bus vom Flughafen soll 22.20 Uhr starten. Wer ein Ticket nach dem auch in der BVG gültigen Verbundtarif hat, zahlt acht Euro Zuschlag pro Fahrt. 

Der Potsdamer Busbetrieb Anger ist für die zweite Expressroute zuständig. Die Linie BER2 verbindet den Potsdamer Hauptbahnhof in 56 Minuten mit dem BER. Je nach Tageszeit verkehren die Niederflurbusse, die einen Gepäckablagebereich haben, stündlich oder alle 90 Minuten. Unterwegs halten sie am Potsdamer Stern-Center, am Stahnsdorfer Hof in Stahnsdorf, an der Teltower Warthestraße, am S-Bahnhof Teltow Stadt, am Bahnhof Teltow sowie am BER-Terminal 5. Auch hier wird die nächtliche Pause ebenfalls kurz sein. So ist die erste Abfahrt in Potsdam für 4.30 Uhr geplant, die letzte Abfahrt am Flughafen für 23.30 Uhr. Eine Fahrt kostet sechs Euro. Wer eine Monatskarte nach dem Verbundtarif hat, zahlt fünf Euro Aufpreis. 

Einzelheiten können sich noch ändern. Doch klar ist, dass die Expressbuslinien ein wirtschaftliches Wagnis sind. Während sich Fluggäste anderswo daran gewöhnt haben, für Flughafenfahrten Zuschläge zu zahlen, hat sich das Berliner Publikum bisher als weniger spendabel erwiesen. Alle bisherigen Versuche, in Berlin mit zuschlagpflichtigen Flughafenbuslinien zusätzliche Einnahmen zu erzielen, sind gescheitert. Ein Beispiel ist der heutige TXL-Bus. Als er 1999 den Betrieb nach Tegel aufnahm, wurde ein Zuschlag von sechs Mark (rund drei Euro) kassiert. Selbst als der Aufpreis auf zwei Mark gesenkt wurde, wurden die Expressbusse nicht wesentlich voller. Die Kundschaft nutzte lieber die zuschlagfreien Angebote der BVG – zu denen seit 2001 auch die Linie TXL gehört.

Verdi kritisiert Tariferhöhung für Mitarbeiterparkplätze

Zwischen dem Bahnhof Südkreuz und Schönefeld gab es ebenfalls Buslinien mit Sondertarif – schon zweimal. Zunächst versuchte es die BVG 2003 mit dem SXF, der den Potsdamer Platz mit dem Flughafen SXF verband. Obwohl der Zuschlag mit 90 Cent moderat war, wurden die Busse kaum genutzt. Den nächsten Versuch starteten die Firmen BEX und BVB im Herbst 2008. Auf der Expressroute SXF1 kostete eine Fahrt sechs Euro. Wer ein reguläres Nahverkehrsticket hatte, wurde mit vier Euro Zuschlag zur Kasse gebeten. Als die S45 nach dem Ende der S-Bahn-Krise wieder halbwegs zuverlässig nach Schönefeld verkehrte, wurde die Buslinie SXF1 eingestellt – weil sie Verluste einfuhr.

„Der Nahverkehr ist der wichtigste Baustein für die Anbindung des Flughafens BER“, sagte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup 2019, als von Corona noch nicht die Rede war. An dem umfangreichen Verkehrsangebot will man festhalten – auch auf die Gefahr hin, dass mangels Nachfrage viele Plätze leer bleiben. Passagieren und Mitarbeitern sollen gute Alternativen zum Auto geboten werden, heißt es.

Beschäftigte, die dennoch mit dem eigenen Wagen zum BER kommen, müssen sich allerdings auf höhere Kosten einstellen. „Die Dauerparkberechtigung am BER kostet künftig 92,50 Euro netto“, sagt Flughafensprecherin Sabine Deckwerth. Mit 19 Prozent Mehrwertsteuer sind das 110,08 Euro pro Monat, rechnet Enrico Rümker von der Gewerkschaft Verdi vor. Das ist etwas mehr als der Preis einer Monatskarte für Berlin und Umland – und im Vergleich zu heute meist ein spürbarer Aufpreis. Laut Flughafen werden für die meisten Mitarbeiterparkplätze derzeit 85 Euro netto fällig, es gibt aber auch Plätze für 45 oder 150 Euro plus Steuer.

„Der neue Tarif ist völlig überzogen“, sagt Gewerkschafter Rümker. „Er trifft die Menschen, die dafür sorgen, dass der Flughafen funktioniert.“

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