Berlin - Es ist ein Bild, wie man es sonst nur von Großveranstaltungen wie dem CSD oder aus den Zeiten der Loveparade kennt – an der Siegessäule laufen und sitzen Hunderte junge Menschen herum, sie sind bester Stimmung, doch ihr Ziel ist ein ernsthaftes: Der Klimawandel. Es gibt einen Livestream und Kundgebungen, alle haben nur einen Zweck: Auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam zu machen.

1000 Aktivisten von Extinction Rebellion versammelten sich bereits am Morgen

Seit fünf Uhr am Morgen haben sich bereits mehrere Hundert Aktivisten von der Umweltschutzbewegung Extinction Rebellion auf dem Verkehrsknotenpunkt versammelt, eine Stunde später meldet die Polizei bereits 1000 Aktivisten. Eine davon ist Helena. Sie ist extra aus Freiburg angereist. Seit 3:30 Uhr ist sie auf den Beinen. Zuerst hat sie mit anderen Teilnehmern die Zugänge zum Großen Stern blockiert bis die Polizei kam und selbst um die Sicherheit der Demonstranten nicht zu gefährden, die Straßen sperrte. Laut Polizei stehe man mit den Veranstaltern in Kontakt, ob man zumindest den ÖPNV über den Stern leiten könne.

Bei Temperaturen kurz über den Gefrierpunkt sind die meisten bestens vorbereitet: Sie tragen Thermodecken, haben Schlafsäcke dabei, einige joggen in kleinen Grüppchen um die Siegessäule, um sich warm zu halten. Andere schlafen auf Isomatten auf der Straße. Das alles nehmen sie auf sich, um mehr Klimaschutz zu fordern.

Mit Blockaden und anderen Protestaktionen will die Umweltschutzbewegung von Montag an nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen Großstädten in aller Welt auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam machen. Aktionen soll es unter anderem in London, Paris, Madrid, Amsterdam, New York, Buenos Aires sowie in den australischen Städten Sydney, Melbourne und Perth geben. Extinction Rebellion (auf Deutsch etwa: Rebellion gegen das Aussterben) kommt ursprünglich aus Großbritannien. Nach eigenen Angaben gibt es die Gruppe seit November vorigen Jahres auch in Deutschland.

Kristof und Susanne sind aus München angereist und auch seit drei Uhr nachts wach. Beide sind froh, dass alles so friedlich verläuft. „Wenn es Krawall gibt, gibt es zwar vielleicht mehr Öffentlichkeit, aber das bringt uns überhaupt nicht weiter“, sagt er.

Auch seine Begleiterin sieht das so, man wolle schließlich so lange wie möglich die Besetzung am Stern aufrecht erhalten. Susanne und Kristof sagen, dass sie beide bereit für Aktionslevel 3 seien - das heißt, sie blockieren Straßen oder Wege auch wenn es zu Konfrontationen mit der Polizei kommen sollte. Susanne ist Biologin und engagiert sich schon seit zehn Jahren in verschiedenen Umweltorganisationen. „Vor zehn halten wären hier vielleicht 20 Leute gekommen“, sagt sie. „Das ist ein toller Erfolg und eine super Stimmung hier.“

Immer wieder gibt es auch Kritik an der Extinction Rebellion. Zu radikal. Zu sektenhaft. Susanne zuckt mit den Schulter. „Wir wollen etwas Großes. Den Systemwandel. Da gibt es immer Kritiker.“

Unter den Demonstranten in Berlin herrscht Aufbruchstimmung, es gibt Trommelkreise, Sprechchöre, kleinere Gruppen tanzen im Kreis. „What do we want? Climate-Justice! When do we want it? Now!“,(Was wollen wir? Klima-Gerechtigkeit!Wann wollen wir sie? Jetzt!), „Extinction Rebellion“, aber auch „Hambi bleibt“ - eine Anspielung auf Hambacher Forst - skandieren die Leute, von denen es für viele nicht die erste Klima-Demo zu sein scheint. Es sind zumeist junge Menschen, teilweise im Schulalter. Man hört einige Gruppen englisch reden, auch aus Schweden sind Aktivisten gekommen. Mit Kreide schreiben die Aktivisten Slogans auf die Straße wie „Sagt die Wahrheit“ „Time to act“ (Zeit zu handeln) oder „Blockieren statt krepieren“.

Es gibt zwar einen Livestream und Whtasapp-Gruppen, vor Ort jedoch funktioniert die Kommunikation analog: Die Aktivisten sind in sogenannten Bezugsgruppen organisiert, jede Gruppe hat eine Art Sprecher. Die Sprecher treffen sich regelmäßig in kleinen Gesprächsgruppen, besprechen das weitere Vorgehen und tragen ihre Informationen dann an die Bezugsgruppe zurück.

Polizei hat Zufahrten abgesperrt

An der Ostseite haben die Aktivisten mittlerweile eine Arche aufgebaut, die das Symbol ihrer Proteste werden soll - das hölzerne Boot soll an das Artensterben erinnern. Die als Seenotretterin bekannt gewordene Kapitänin Carola Rackete soll dort am Mittag auch eine Rede halten. 

Eva Escosa-Jung von Extinction Rebellion sagt zu der ersten Aktion in Berlin: „Heute beginnt die weltweite Rebellion gegen das Aussterben. Wir stören, weil wir keinen anderen Weg sehen, um den umfassenden und tiefgreifenden Wandel herbeizuführen, der das Klima rettet.“ Die Klimapolitik der Regierung habe versagt. „Wälder brennen, die Meeresspiegel steigen, die Ozeane übersäuern, und weltweit sterben Wildtiere massenhaft aus - der Menschheit droht eine lebensbedrohende Katastrophe.“ Extinction Rebellion wende keine Gewalt, sondern Kreativität an. Am Mittag soll dann auch die als Seenotretterin von Flüchtlingen bekannt gewordene Carola Rackete an der Siegessäule eine Rede halten. Sie scheint zu einer Gallionsfigur von Extinction Rebellion geworden zu sein in wie Greta Thunberg für die globale Kilmabewegung.

Andreas Geisel: Man werde die Versammlungen eine Weile gewähren lassen

Berlins Innensenator Andreas Geisel hat ein Vorgehen „mit Augenmaß“ gegen die Umweltschützer von Extinction Rebellion angekündigt. Man werde sich die Versammlungen anschauen und einige auch eine Weile gewähren lassen, sagte der SPD-Politiker am Montag dem Inforadio des RBB.

„Es ist ja so, dass wir Blockaden, Veranstaltungen durchaus als spontane Demonstrationen werten können, die ja nach Demonstrationsrecht zulässig sind“, sagte Geisel weiter. Man sei aber auch bereit, energischer vorzugehen, wenn etwa Gewalt angewendet werde oder kritische Infrastrukturen wie der Flughafen betroffen seien.

Eva Escosa-Jung von Extinction Rebellion sagte zu der ersten Aktion in Berlin: „Heute beginnt die weltweite Rebellion gegen das Aussterben. Wir stören, weil wir keinen anderen Weg sehen, um den umfassenden und tiefgreifenden Wandel herbeizuführen, der das Klima rettet.“ Die Klimapolitik der Regierung habe versagt. „Wälder brennen, die Meeresspiegel steigen, die Ozeane übersäuern und weltweit sterben Wildtiere massenhaft aus - der Menschheit droht eine lebensbedrohende Katastrophe.“ Extinction Rebellion wende keine Gewalt, sondern Kreativität an. Am Mittag (12:05 Uhr) werde die als Seenotretterin von Flüchtlingen bekannt gewordene Carola Rackete an der Siegessäule eine Rede halten. 

Die Regierungspartei SPD reagierte aufgeschlossen auf die Ankündigungen. „Ich verstehe die Ungeduld von vielen“, sagte die Interims-Parteivorsitzende Malu Dreyer der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Ich begrüße frühzeitige Aktionen jeglicher Art, die die Dringlichkeit der Aufgabe deutlich machen.“ Zugleich mahnte sie: „Natürlich gilt für alle, dass es gewaltfrei bleiben muss.“ 

Die FDP hingegen warnte vor antidemokratischen Zügen der Bewegung. „Über die extremen Forderungen zum Klimaschutz hinaus stellen Aktivisten der Gruppierung offen die Demokratie in Frage“, sagte Parteichef Christian Lindner der Deutschen Presse-Agentur. „Klimaaktivisten und Grüne sollten sich von den antidemokratischen und teils totalitären Äußerungen aus dieser Gruppierung distanzieren.“ Klimaschutz sei keine Entschuldigung für Gewalt, die bei Blockaden ihren Ausgangspunkt nehme, sagte der Liberale.

Grünen-Politiker Boris Palmer kritisierte Extinction Rebellion

Auch der Grünen-Politiker Boris Palmer kritisierte Extinction Rebellion. „Es gibt gute Gründe, endlich entschiedenes Handeln für den Klimaschutz zu fordern. Wer aber Demokratie und Rechtsstaat dafür über Bord wirft, wird ziemlich sicher auch den Kampf gegen den Klimawandel verlieren. Protest ja, Rebellion nein“, sagte der Tübinger Oberbürgermeister der „Bild“-Zeitung (Montag).

„Spannend wir es kommende Nacht“, sagt Aktivistin Helena, die auch im Klimacamp am Reichstag schläft. „Wir wollen die Besetzung natürlich beibehalten“, sagt die junge Frau.

Klima-Protest erreicht Potsdamer Platz

Gegen Mittag hat der Klima-Protest der Gruppe Extinction Rebellion auch den Potsdamer Platz in Berlin erreicht. Demonstranten stellten Blumentöpfe, Sofas, Tische und Stühle auf die Kreuzung. Die dortige Demonstration war für 12 Uhr angekündigt. Laut Polizei sind rund 300 Teilnehmer eingetroffen. 

Bis 14 Uhr soll dort protestiert werden. Begonnen hatte der Protest am Montagmorgen an der Siegessäule in Berlin-Tiergarten mit einer unangemeldeten Demo. Laut Polizeiangaben vom Morgen hatten sich rund 1000 Menschen vor Ort versammelt, die Veranstalter sprachen später von etwa 1200. (mit dpa)

(mit dpa)