Die Zahlen sind alarmierend: 1400 Menschen starben in Berlin und Brandenburg an den Folgen großer Hitze. Und die Prognose ist eindringlich. „Machen wir so weiter wie bisher, werden wir in eine gesundheitliche Katastrophe laufen.“ Peter Bobbert hat diesen Satz jetzt gesagt. Der Präsident der Ärztekammer Berlin hat damit erklärt, warum die Stadt ein Aktionsbündnis für Hitzeschutz entwickelt, an dem sich alle Akteure aus dem Gesundheitswesen beteiligen.

Das globale Klima verändert sich, auch Berlin bekommt das immer stärker zu spüren. Das erste heiße Wochenende mit Temperaturen jenseits der 30 Grad ist an diesem Montag mit einer kurzen Abkühlung zu Ende gegangen. Doch Meteorologen sagen für das Ende der Woche bereits den nächsten Höhepunkt voraus. Ernst wird es vor allem im Hochsommer, wenn sogenannte blockierende Wetterlagen über Tage oder sogar Wochen für lang anhaltende Hitzewellen sorgen.

In solchen Phasen extremer Erwärmung steigt die Übersterblichkeit auf bis zu 10.000 Menschen. Vor allem Senioren sind betroffen. Sie erleiden einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall, verdursten. „Es ist ein stiller Tod“, sagt Martin Hermann, der Vorstandsvorsitzende von KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit, die zusammen mit der Senatsgesundheitsverwaltung das Berliner Aktionsbündnis ins Leben gerufen hat. Der Mediziner legt ebenfalls eine beeindruckende Statistik vor: „Von allen  Naturkatastrophen fordert Hitze mit 96 Prozent die meisten Todesopfer“, sagt Hermann. Er hat eine Strategie dagegen, sie lautet: Zusammenarbeit.

Deshalb ist auch Gesundheitssenatorin Ulrike Gote von Anfang an beteiligt, seit diesem Frühjahr, als sie das Projekt aus der Taufe gehoben haben, ein Pilotprojekt, an das andere deutsche Städte andocken können. „Neben konsequentem Klimaschutz müssen wir uns auch an die Klimakrise anpassen, damit unsere Städte lebenswerte Orte bleiben“, sagt die studierte Geoökologin.

Hitzewellen: Gesundheitssystem wird fit gemacht

Es handelt sich um ein lernendes System, in das ständig neue Erkenntnisse eingespeist werden, und es richtet sich an den Warnstufen des Deutschen Wetterdienstes aus. Stufe eins tritt bei Temperaturen jenseits der 32 Grad an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in Kraft, Stufe zwei bei mehr als 38 Grad. „Angedacht ist eine dritte Stufe drei für lang anhaltende Hitzeperioden“, sagt Ärztekammerchef Bobbert.

Nach den Stufen gestaffelt sind die Pläne: für Krankenhäuser, Arztpraxen, ambulante und stationäre Pflege, Feuerwehr, Katastrophenschutz oder die Gesundheitsämter. Schon mit einfachen Maßnahmen lasse sich die Todesgefahr schnell und deutlich reduzieren, sagt Hermann. Warnstufe eins zum Beispiel sieht für Kliniken unter anderem vor: „Nur nachts bzw. in den frühen Morgenstunden lüften.“ Klingt nach Binsenweisheit. Allerdings, sagt Hermann, „muss vielfach erst ein Bewusstsein für die Risiken entstehen“.

In Deutschland scheint dieses Bewusstsein auch in der Forschung nicht sehr stark ausgeprägt zu sein. Jedenfalls sagt Hermann: „Andere europäische Länder sind da deutlich weiter.“ Frankreich zum Beispiel, das aus dem Sommer 2003 seine Lehren gezogen hat, aus der verheerenden Canicule, der knapp 15.000 Menschen zum Opfer fielen, vor allem über 75-Jährige. In Deutschland kamen damals rund 9600 Menschen durch die extremen Temperaturen ums Leben. Ein nachhaltiger Lerneffekt wollte sich offenbar nicht einstellen. „Das Problem ist“, sagt Hermann, „dass in allen gesellschaftlichen Bereichen das unausgesprochene Versprechen gilt: Es bleibt alles so, wie es ist.“

Das Berliner Pilotprojekt will das nun ändern. Wissenschaftlich begleitet wird es vom Epidemiologischen Institut am Helmholtz-Zentrum in München. Das System lernt. Es soll auch nicht auf den Gesundheitssektor beschränkt bleiben. Denn dieser tritt erst in Aktion, wenn die Hitze den Menschen bereits Probleme bereitet. Dem vorzubeugen, sieht das Berliner Aktionsbündnis als mindestens genauso wichtig an, auch wenn es einräumt, dass es dauern dürfte, bis sich spürbare Erfolge einstellen. Etwa in der Städteplanung.

Senatorin Gote: „Wir sind viel zu spät dran“

„Wir sind viel zu spät dran“, sagt Gote. Das sei aber kein Grund, nicht mit dem Hitzeschutz anzufangen. Ebenso wenig die möglichen Kosten, die dadurch entstehen. Wobei die Senatorin darauf hinweist, dass nicht ihr Ressort allein dafür aufkommen werde, da ja alle Lebensbereiche am Ende einbezogen seien.

Selbst wer rein ökonomisch das Problem mit dem Klimawandel betrachtet, wird irgendwann eine andere Rechnung aufmachen müssen. Der Rekordsommer 2003 verursachte in Deutschland einen wirtschaftlichen Schaden von rund 1,6 Milliarden Euro.