Vier Stunden für den Weg von der Arbeit nach Hause – das ist lang. Aber Norman Siehl stöhnt und flucht nicht. Er will es so. Der 45-Jährige nimmt sich die Zeit ganz bewusst und pfeift ein Liedchen auf dem Weg. Er wandert halt gern. Gut 20 Kilometer sind es von seinem Adlershofer Büro bis zu seiner Wohnung in Wildau (Dahme-Spreewald).

Wenigstens einmal pro Woche schnürt der Ingenieur für regenerative Energien nach getaner Arbeit die Spezialschuhe, um dann mit kräftigem Schritt dem Hauptstadtasphalt zu entfliehen – hinein in die grünende Flur der heimischen Dahme-Landschaft. „Das ist die perfekte Trainingsstrecke“, sagt Norman Siehl. Der leidenschaftliche Wandersmann bereitet sich so auf seinen nächsten Langstrecken-Marsch vor. Er gehört zur „Spezies“ der Extremläufer, die innerhalb von 24 Stunden 100 Kilometer bewältigen.

Offene Sinne

Im letzten Jahr hat er diese Distanz zwei Mal nicht geschafft, da trugen ihn die Beine nach jeweils rund 50 Kilometern einfach nicht mehr. „In den Jahren zuvor habe ich aber durchgehalten. Ich weiß, das klingt alles ein bisschen verrückt“, sagt er. „Aber wenn du da einmal rein geraten bist, kommst du nicht mehr davon los.“ Es ist eine kleine, aber verschworene Gemeinschaft, die sich zu verschiedenen Laufevents in den schönsten Ecken des Landes Brandenburg trifft. Etwa ein Drittel der 100-Kilometer-Wanderer sind Frauen.

„Ich laufe immer mit offenen Augen und Sinnen, ich kann die Landschaften im Wechsel der Tageszeiten zwischen Morgendunst und Abenddämmerung genießen“, sagt Norman Siehl. Wenn es dunkel wird, dann knipst er seine Stirnlampe an. Er sagt, er höre in der Stille der Nacht besser in den Wald und auch in den eigenen Körper hinein. Schlaf braucht er dann nicht. Pausen macht er schon, so lange und so oft, wie es ihm das vorgegebene Zeit-Limit erlaubt.

In den Thüringer Bergen

In der Regel geht der Ausdauer-Wanderer bei seinen Gewaltmärschen einen „Fünfer-Schnitt“ über Stock und Stein, das heißt, er absolviert im Schnitt fünf Kilometer pro Stunde. „Irgendwann geht es hauptsächlich darum, den Schmerz zu ignorieren. Aber wenn du schließlich zwischen 4 und 5 Uhr im Morgengrauen wirklich durchs Ziel läufst, dann ist das das Glück pur.“
Im Juni will der Wildauer dieses Gefühl wieder spüren, wenn er auf seiner Leib- und Magen-Strecke in den Jenaer Kernbergen in Thüringen an den Start geht.

„Dort musste ich letztes Jahr aufgeben, aber dieses Mal schaffe ich es“, sagt Norman Siehl. Auch die Havelländer 24-Stunden-Route zwischen Potsdam und Caputh, die alljährlich im Oktober gestartet wird, ist für den Brandenburger immer wieder sämtliche Mühen und Strapazen wert. „Ich schwöre auf die Mark als Wanderregion, man muss wirklich nicht in die Alpen fahren“, sagt der Marathon-Mann.

Zu Ehren des Kirchenlied-Dichters

Norman Siehl ist in Wildau und Königs Wusterhausen aufgewachsen und war schon als Kind viel in der Natur unterwegs. Seine Eltern waren Dauercamper. Da spielte sich das Leben meistens draußen unter freiem Himmel ab. „Ich fand es immer toll, im Wald und am Wasser zu sein, so bin ich groß geworden“, sagt der heutige Familienvater, der auch viel mit den eigenen Kindern wandern geht. Als sie klein waren, hatte er sie in der Rückenkraxe durchs Brandenburgische getragen.

Der Natur fühlt sich der selbstständige Firmenberater inzwischen so verbunden, dass er sein Hobby auch für eine ehrenamtliche Tätigkeit nutzt. Als Wanderwegewart. Rund um seinen Heimatort ist er im Dienste des Tourismusverbandes Dahme-Seen mit seinem Werkzeug- und Farbköfferchen unterwegs, um Wege zu pflegen und zu markieren. Schließlich soll auch der ortsunkundige Wandervogel sicher ans Ziel finden.

150 Kilometer lange Wandertour

Zusammen mit Kollegen aus den Gemeinden der Dahme-Seen südöstlich von Berlin denkt er sich immer neue Routen aus, die die Hauptstadt mit dem wasser- und waldreichen Umland verbinden. In diesem Sommer wird zum Beispiel der Paul-Gerhard-Wanderweg feierlich eröffnet. „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ hatte Deutschlands größter Kirchenlied-Dichter Paul Gerhard (1607 bis 1676) einst formuliert.

Genau dazu lädt die rund 150 Kilometer lange, ausgeschilderte Wandertour ein, die die Nikolaikirche in Berlin, die St. Moritz-Kirche in Mittenwalde und die Paul-Gerhardt-Kirche in Lübben verbindet und dabei den Spuren des evangelisch-lutherischen Theologen folgt.

Zu Ehren Fontanes

Anlässlich des 200. Geburtstages von Theodor Fontane (1819 – 1898) im kommenden Jahr wird zudem der Fontane-Wanderweg neu gestaltet, der, ebenfalls von Berlin kommend, fast an Norman Siehls Haustür vorbeiführt. „Da bringe ich mich gern mit ein und gebe etwas zurück von dem, was mir das Wandern hier und anderswo an Inspiration und Lebensfreude bringt“, sagt der Wegewart.

Er, der sich gern in 100-Kilometer-Dimensionen bewegt, will zu Ehren des märkischen Wanderliteraten gleich noch eine 24-Stunden-Strecke auf dessen Spuren zwischen Königs Wusterhausen und Teupitz etablieren. Es soll die nächste Herausforderung für den Union-Berlin-Fan werden, der sich standesgemäß als Mann mit den eisernen Waden bezeichnet.