Berlin - Die Spannung war groß an diesem für Berlin so bedeutsamen Tag. Am Freitagnachmittag trafen sich in der Berliner Urania die Präsidenten der drei großen Berliner Universitäten und der Vorstandschef der Charité. Mit dabei gut 500 Wissenschaftler aus Berlin. Gebannt schauten sie per Livestream nach Bonn, wo die Entscheidung im neuen bundesdeutschen Elite-Wettbewerb fallen sollte. Die angeregten Unterhaltungen verstummten abrupt, als pünktlich um 16 Uhr die Übertragung im voll besetzten Kinosaal begann. Als Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) in alphabetischer Reihenfolge die Gewinner der Exzellenz-Titel verkündete, war es bei der Nennung der Aachener Universität noch still, doch gleich an zweiter Stelle wurde Berlin genannt – und der ganze Saal brach in lauten Jubel und Applaus aus.

Zusätzlich 196 Millionen Euro

„Das ist ein Erfolg auf ganzer Linie. Berlin rockt als Team“, sagte Michael Müller (SPD), der Regierende Bürgermeister und Wissenschaftssenator. „Es war richtig, auf Kooperation zu setzen. Ob Klimawandel, sozialer Zusammenhalt, oder moderne Medizin – gemeinsam werden wir die großen Herausforderungen unserer Zeit noch besser angehen und Lösungen erarbeiten können.“

Mit seinem Erfolg vom Freitag sorgt Berlin wieder einmal für ein bundesweites Novum – wie schon jüngst bei der Integration des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung in die Charité. Berlin ist das erste Bundesland, dessen Universitäten gemeinsam bei einem Elite-Wettbewerb erfolgreich sind – als Berlin University Alliance. Diesem Verbund gehören die Freie Universität (FU), die Humboldt-Universität (HU), die Technische Universität (TU) und die Charité an. Die Berliner Universitäts-Allianz erhält in den kommenden sieben Jahren jährlich bis zu 28 Millionen Euro zusätzlich für ihre universitäre Spitzenforschung – insgesamt also bis zu 196 Millionen. 75 Prozent der Summe kommen vom Bund, das restliche Viertel trägt das Land Berlin.

Unter anderem punkten auch die Universitäten Bonn, Hamburg, Dresden und München

Bundesweit waren in der Exzellenzstrategie – so der Name des aktuellen Wettbewerbs – weitere zehn Institutionen erfolgreich: die Universitäten in Bonn, Hamburg und Heidelberg, die Technischen Universitäten in Aachen und Dresden, das Karlsruher Institut für Technologie, die Universität und die TU München, sowie die Universitäten Konstanz und Tübingen. Die Berliner Universitäten gewannen als einzige mit einem Verbundantrag.

Dass dieser überhaupt zustande kam, ist maßgeblich der Berliner Senatswissenschaftsverwaltung zu verdanken, namentlich dem Staatssekretär Steffen Krach. Berlin hatte in Verhandlungen darauf hingewirkt, eine Verwaltungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern zu erreichen, die solche Verbundanträge überhaupt erst möglich machte.

Außerdem unterstützt das Land die Berliner Universitäts-Allianz unabhängig von bundesweiten Wettbewerben mit sechs Millionen Euro jährlich – über die Einstein-Stiftung, die vor zehn Jahren in Berlin gegründet worden war. Zwei Millionen gehen in Spitzenberufungen, vier Millionen an Forschungsvorhaben zu sogenannten Grand Challenges, also zu den großen Herausforderungen der Zeit. Die ersten sollen sich den Themen sozialer Zusammenhalt und globale Gesundheit widmen, wie FU-Präsident Günter Ziegler ankündigte.

Die Exzellenzstrategie ist die Fortsetzung der Exzellenzinitiative, die von 2005 bis 2012 lief. Im neuen Elite-Wettbewerb zahlen Bund und Länder jährlich 533 Millionen Euro. Es geht darum, Spitzenleistungen, Kooperationen und die Profilbildung von Unis zu stärken. Forschung soll auch besser in die Lehre integriert und die Digitalisierung der Lehre gefördert werden. Der Wettbewerb ist nicht befristet wie sein Vorgänger. Nach sieben Jahren solle es eine Evaluation geben und die Entscheidung über eine weitere Förderung.

Höhepunkt einer Annäherungs-Geschichte

Für die Berliner Universitäten ist der Erfolg vom Freitag der vorläufige Höhepunkt einer langen Annäherungs-Geschichte. Denn viele Jahre nach dem Mauerfall waren sie erbitterte Konkurrenten – um Mittel, Personal und Fächer. 1990 besaß die Freie Universität (FU) in Dahlem, im Westteil der Stadt, noch etwa doppelt so viele Studenten und Professoren wie die Humboldt-Universität (HU) im Osten, Unter den Linden. Doch in den Jahren darauf wurde die FU kleingespart, bei den Studenten- und Stellenzahlen nahezu halbiert. Mancher betrachtete die FU damals als „Steinbruch“ für den Aufbau der HU im Osten. Von einer existenziellen Bedrohung war die Rede. Mit der Zeit gerieten dann alle Universitäten der Stadt unter immer stärkeren Spardruck. Sie sollten Doppel- und Mehrfachangebote abbauen. Es gab schmerzliche Fusionen und den Druck, die inhaltlichen Profile deutlich zu schärfen

Der erste bundesdeutsche Elite-Wettbewerb trug dann zu einem neuen Aufschwung der Berliner Universitäten bei. 2007 wurde die FU zur ersten Berliner Exzellenzuniversität gekürt wurde – als „Internationale Netzwerkuniversität“. Die HU brauchte zwei Anläufe, um im Jahre 2012 ebenfalls Exzellenzuniversität zu werden – mit dem an Humboldts Ideen angelehnten Konzept „Bildung durch Wissenschaft“.

Die grenzüberschreitende Entwicklung der Wissenschaft führte zur immer stärkeren Zusammenarbeit. Wie eng verschiedene Hochschulen, Institute und Unternehmen kooperieren, zeigt sich heute in den vernetzten Wissenschaftsarealen, die sich Campus Mitte, Charlottenburg, Dahlem, Adlershof und Buch nennen. „Die großen Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nicht im Alleingang bewältigen“, hieß es in der gemeinsamen Erklärung der Universitäten und der Charité bei der Bildung der gemeinsamen Allianz 2018. Ob es der Klimawandel, die Terrorgefahr oder die Chancen und Risiken der Digitalisierung seien – die Lösung komplexer, globaler Probleme verlange nach wissenschaftlicher Kooperation. Mit ihrem erfolgreichen gemeinsamen Antrag trugen die Universitäten dieser Entwicklung nun Rechnung.

Berliner Unis schnitten auch 2018 am besten ab

Bereits im September 2018 hatte die Berliner Universitäts-Allianz in der Exzellenzstrategie bundesweit am besten abgeschnitten, und zwar bei den sogenannten Cluster-Bewilligungen. In Exzellenzclustern tun sich Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen und Institute zu Forschungsthemen zusammen. Da geht es zum Beispiel um die Mathematik der Zukunft, um Therapien neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen, um weltweite Herausforderungen für Demokratie und Marktwirtschaft, um Katalyse-Netzwerke und das Entwerfen im digitalen Zeitalter. Insgesamt sieben Berliner Forschungscluster wurden bewilligt. Sie erhalten sieben Jahre lang von Bund und Land insgesamt 348 Millionen Euro. Das Land finanziert jedem Cluster außerdem eine zusätzliche Professur.

Die Allianz soll einen festen Sitz im Robert-Koch-Forum in Mitte erhalten. Unterstützt werde auch ihre Kooperation mit der Universität Oxford und die Pläne, mit einem Oxford-Haus in Berlin und einem Berlin-Haus in Oxford sichtbare Orte für die Kooperation zu schaffen, teilt die Wissenschaftsverwaltung mit.

Der am Freitag gekürte gemeinsame Antrag der Berliner Universitäts-Allianz trägt den Titel „Crossing Boundaries toward an Integrated Research Environment“, übersetzt etwa: Überschreiten von Grenzen in Richtung eines integrierten Forschungsraums. „Gemeinsam Grenzen überwinden – unter diesem Motto werden wir nun eine neue Ära der Zusammenarbeit einläuten und eine einzigartige Allianz mit internationaler Strahlkraft etablieren“, erklärten alle beteiligten Partner am Freitag.

Eine erfolgreiche Woche für den Wissenschaftsstandort Berlin

„Die Berlin University Alliance ist ein Riesenschritt für unseren Wissenschaftsstandort, davon wird auch die Entwicklung unserer ganzen Stadt immens profitieren“, sagte Michael Müller, der Regierende Bürgermeister, am Freitag. „Wir zünden jetzt gemeinsam die nächste Stufe auf unserem Weg zur internationalen Forschungsmetropole.“

Für die Berliner Wissenschaft gehörte die vergangene Woche zu den erfolgreichsten in ihrer Geschichte. Erst am Dienstag war verkündet worden, dass der Mäzen Walter Wübben von der Kieler Damp-Stiftung den Berliner Hochschulen und Partnerinstituten weitere 30 Millionen Euro spenden will. Er wolle erreichen, dass Berlin „mit international renommierten Wissenschaftsmetropolen, beispielsweise in den USA oder Großbritannien, besser konkurrieren“ könne, sagte Wübben. Vor allem geht es um die Berufung internationaler Spitzen-Wissenschaftler. Das Land Berlin gibt 15 Millionen Euro dazu.