„Jetzt leg doch mal das Handy aus der Hand!“ „Hast Du nicht selbst den ganzen Tag drauf gestarrt?“ Das sind Szenen einer – modernen – Ehe. Das Smartphone ist nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken. Das hat Folgen für Paare, für Kinder, für Alleinerziehende – also für jeden von uns.

Die Folgen für Paare: Jede dritte Scheidungsakte in den USA enthält das Wort „Facebook“. Statt sich miteinander zu unterhalten, driften immer mehr Frauen und Männer regelmäßig in die digitale Welt ab, sammeln Likes und Klicks, chatten und scrollen. „Ich will nur eben schauen, ob xy…“ „Warte ich guck nur eben nach yx…“. Und schon ist wieder eine halbe Stunde vergangen, die wir mit unserem Partner in Ruhe hätten quatschen können. Verschenkt!

Die Folgen für Alleinerziehende: „Gerade alleinerziehende Mütter oder Väter suchen alltäglichen Austausch  und nehmen das Smartphone als ihren Draht in die Außenwelt wahr“, sagt Maria Große Perdekamp. Die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin leitet die Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung.

Die Folgen für Kinder: „Wer ständig on ist, kann bei der face-to-face-Kommunikation nicht richtig anwesend sein“, sagt Große Perdekamp. Das hat Einfluss auf die Qualität und Intensität des Kontaktes zwischen Eltern und Kind. Die Kinder geraten dabei wortwörtlich aus dem Blick. „Nicht selten stören sie dann, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Am Ende sind alle genervt“, sagt sie. Eine Negativspirale.

Die Angst, etwas zu verpassen

Für das Ständig-online-sein-wollen gibt es bereits einen Fachbegriff: Fomo. Das ist die Abkürzung für das englische „fear of missing out“, also die Angst, etwas zu verpassen. Das Phänomen beschreibt die zwanghafte Sorge, eine soziale Interaktion zu verpassen. Gerade Mobiltelefone verstärken das – und führen zu Stress.

Jeder zweite junge Bundesbürger hat laut der Präventionsstudie „Zukunft Gesundheit 2015“ das Gefühl, permanent für Familie und Freunde erreichbar sein zu müssen, für mehr als die Hälfte der befragten jungen Leute sei das Leben im vergangenen Jahr anstrengender geworden. Als ein entscheidender Grund wurde die ständige Kommunikation über digitale Medien angegeben.

Wir können nicht alles gleichzeitig

„Es ist die Gleichzeitigkeit, die es kompliziert macht“, sagt Björn Enno Hermans, Diplom-Psychologe und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e.V. (DGSF). „Man kann alles scheinbar parallel tun, aber wirklich multitaskingfähig sind wir nicht.“ Das zeigt zum Beispiel die Verkehrsstatistik: Smartphones im Auto führen immer häufiger zu Unfällen.

Permamente Überforderung

„Die digitale Welt ist eine permanente Einladung zur Überforderung“, sagt Hermans. Er hält Regeln für wichtig: Zum Beispiel, dass beim Essen alle das Smartphone zur Seite legen. „Es ist immer die Frage des Nutzungsverhaltens.“

Wie kann es sein, dass die Nutzung in so vielen Familien außer Kontrolle gerät? Hermans erklärt: „Soziale Medien schaffen Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Interaktion, Alltagsflucht. Da wird ein Belohnungssystem bedient, das Suchtstrukturen erfüllen und abhängig machen kann.“

Das Glücksgefühl hält nicht dauerhaft. Eine Studie des dänischen „Happiness Research Institute“ zeigt, dass Facebook unglücklich und unzufrieden macht – und stresst. Es steigert den Sozialneid, erhöht den Druck auf das eigene Leben und steigert damit den Frustpegel.

„Das Zauberwort heißt Balance“, sagt Große Perdekamp. Smartphones seien praktisch für Absprachen und Organisatorisches. Zurückgezogene Eltern kann es aus der Isolation holen, weil sie sich mit anderen austauschen können. An ihre Online-Beratung können sich Eltern wenden, die tagsüber arbeiten. Das Netz ist auch abends „geöffnet“. Und natürlich könne das Smartphone auch positiv für die Beziehung genutzt werden, sagt Hermans „indem man sich zwischendurch mal einen lieben Gruß schreibt“.

Das Internet ist Fluch und Segen zugleich

Kinder haben ein Recht auf Eltern, die ihnen auch mal zuhören und dabei nicht aufs Smartphone schauen – sondern in ihre Augen. Das gilt auch für Partner untereinander. Schau mir in die Augen, Kleines. Nicht aufs Smartphone. Dann muss Facebook auch nicht länger ein Scheidungsgrund sein.