Berlin - Herr Saad, in Berlin gibt es mehr als dreißig soziale Brennpunkte. Einer davon ist Ost-Moabit, wo Sie Quartiersmanager sind. Was genau machen Sie da?

Ich bin eine Art Mischung aus Sozialarbeiter, Streetworker und Stadtplaner. Im Quartiersmanagement wird Geld für soziokulturelle Projekte vergeben. Wofür, entscheiden die Bewohner selbst. Meine Aufgabe ist es, einen Rat aus Bewohnern und den Trägern zu bilden.

Zuvor waren Sie Quartiersmanager in Reinickendorf und Neukölln. Ist Moabit anders?

Ich werde oft gefragt, ob es hier besser ist. Neukölln gilt als schlimm und Reinickendorf wird kaum wahrgenommen. In Moabit, denken viele, ist alles ruhig, da sitzen die Kriminellen doch hinter Gitter. Hier gibt es aber genauso viele oder wenige Migranten wie in Neukölln. 54 Prozent der Bewohner sind nichtdeutscher Herkunft. Als ich hier vor zwei Jahren angefangen habe, habe ich diese 54 Prozent gesucht. Man sieht wenige Frauen mit Kopftuch, wenig Türkisch-Arabisches auf der Straße. Dafür gibt es die Studenten. Es gibt hier ganz viele WGs mit Studenten. Die gibt es in Reinickendorf fast gar nicht. In Neukölln kommen die aber auch allmählich dazu.

Wozu?

Zum Quartiersmanagement. Die wollen sich beteiligen, sie sind neugierig auf ihr Viertel. Die fragen sich, wie es bei den Migranten so zugeht. Sie unterstützen die Hausaufgabenhilfe, gehen einmal in der Woche mit einem arabischen Kind in den Zoo oder in ein Musical. Das sind Erlebnisse, die das Kind sonst nicht hätte. Außerdem gibt es in Moabit viele Privateigentümer, gut betuchte Leute. Intellektuelle.

Das heißt, Sie haben es in Moabit mit einer anderen Schicht zu tun.

Ganz genau. Es ist nicht einfach, Leute für Gremienarbeit zu gewinnen. Der Rat besteht aus 15 Mitgliedern, acht davon müssen Bewohner sein. Die sagen aber oft: Ich habe keine Zeit. Ich bin dem bestimmt nicht gewachsen. Oder: ich kenne keine Fachbegriffe. Gremienarbeit schreckt ab. Und Migranten sind bei großen Versammlungen ohnehin selten dabei. Was aber nicht heißt, dass sie das nicht interessiert.

Warum kommen sie dann nicht zu den Versammlungen?

Ein Stadtrat hat mir mal gesagt: Fadi, in Deutschland gibt es einen Leitsatz, der heißt: Wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann bild’ ich einen Arbeitskreis. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Du sitzt in so einem Gremium und findest mindestens fünfzig Theorien, warum etwas nicht klappen könnte. Die Migranten sind aber sehr praktisch und probieren gerne mal was aus. Dazu bekommst du ja auch die kleinen Mittel im Quartiersmanagement.

Und was machen die Intellektuellen?

Die diskutieren stundenlang. Ein Beispiel: Im Juni soll in einer Schule ein Fußballturnier organisiert werden. Dann wirst du nicht darin unterstützt, Mannschaften zu finden, sondern wirst gefragt, wer entschieden hat, dass es im Juni und in einer Schule stattfindet. Dann sage ich: Das war ein Vorschlag, sorry, das hätte ich betonen sollen, nennt mir einen anderen Monat. Nö, wissen wir ja nicht. Warum dann nicht Juni? Darüber können wir ja mal abstimmen. Mit anderen Worten, du wirst immer wieder gebremst.

Reißt Ihnen in solchen Situationen nicht mal der Geduldsfaden?

Ach, ich ziehe das durch. Ich wurde auch schon gefragt, ob ich den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie kenne. Ich habe schon Leute in meine Arbeit miteinbezogen, da wusste ich noch nicht, dass man das den partizipatorischen Ansatz nennt.

Wer sitzt denn in Moabit im Gremium und wer in Neukölln?

Das hängt teilweise von deiner Arbeit ab. Ein Migrant reagiert auf kein einziges Plakat, das Du aufhängst, den musst du persönlich ansprechen. Auf ein Plakat reagieren die Intellektuellen. Die kommen und fragen: Wo ist die Wahlordnung?

Die fragen zuerst nach der Wahlordnung?

Jaja. Ich musste mich noch in keinem Quartier soviel mit Geschäftsordnungen befassen wie in Moabit. Die Intellektuellen fragen: Wer hat das so beschlossen? Woher kommt dieses Verfahren? Da frage ich mich oft, ob die hier mitarbeiten wollen oder Berufsbewohner sind.

Was sind denn Berufsbewohner?

Das sind Leute, die von Beruf Bewohner sind. Intellektuelle, um die vierzig und älter, die morgens nach dem Zähneputzen auf den Gedanken kommen nachzugucken, wo es heute eine Bürgerwehr gibt. Die wollen beweisen, wie schlau sie sind und dass sie sowieso wissen, wie es besser geht. Ich bin jemand, der dann sagt: Dann erzähl mal. Der sagt: Nee, nee. Ich will das Problem nicht lösen, ich will den Prozess leiten. Aber man braucht natürlich diese Leute und ihre Ausdauer.

Hat Ihnen die Arbeit in Neukölln mehr Spaß gemacht?

Sie war direkter. Es war nicht unbedingt besser, sondern anders.

In Neukölln werden täglich drei bis vier Messerattacken unter Jugendlichen registriert. Woher kommt diese Gewaltbereitschaft?

Von dort, wo du aufwächst. „Spinne 44“ war in den 90er Jahren eine Gang, die noch heute ein Mythos in Neukölln ist. Zehnjährige sagen dir: Ich werde Gangster. Ein Gangster ist für sie cool und hat Geld. Woher das Geld stammt, spielt keine Rolle. Es benutzt auch keiner das Wort kriminell.

Sie waren selbst in einer Jugendgang und haben eine kriminelle Laufbahn hinter sich.

Ich bin das älteste von acht Kindern einer palästinensischen Familie und im Wedding aufgewachsen. Uns fehlte es an nichts. Aber du wächst an einem Ort auf, wo auf der Straße Gewalt herrscht. Auch ich wurde abgezogen und habe auf die Fresse bekommen. Da willst du lernen, dich zu wehren. Kriminell zu werden war nicht mein Ziel. Aber wenn du im Plattenbau aufwächst, hast du keine andere Wahl, als jeden Tag dieses Elend zu erleben. Vor der Schule, auf der ich war, standen morgens zwei Mannschaftswagen der Polizei. Wir wurden durchsucht, bevor wir auf das Gelände kamen.

Was haben Sie da gedacht?

Dass wir cool sind. Ey, guck mal, ihr seid gleich wieder weg, dann holen wir unsere Waffen.

Warum sind Sie im Jugendarrest gelandet?

Verschiedene Sachen. Körperverletzung, Beleidigung, Nötigung, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch. Im Jugendarrest bin ich aufgewacht. Es gibt aber auch genug andere Wege, wie man etwas klar machen kann. Du hast Mist gebaut – dann darfst du jetzt mal die Wand streichen.

Als Sie Mist gebaut haben, wurden Sie in einen Nähkurs gesteckt. Hat Sie das besänftigt?

Nein. So erreicht man uns Jungs nicht. Wenn du in einem sozialen Brennpunkt aufwächst, wächst du teilweise auch zu Hause mit häuslicher Gewalt auf. Und auf der Straße herrscht das Gesetz: Wer am Lautesten ist und die größten Muskeln hat, hat recht. Mit bitte und danke kann man da nicht kommen, das ist ein Zeichen von Schwäche. Ich muss bereit sein, diese Welt kennenzulernen, um eine andere Welt zu zeigen.

Wie zeigen Sie die andere Welt?

Ich steige zum Beispiel mit den Jugendlichen in Hemd und Anzug in den Bus. Das ist denen unangenehm...

Moment mal, Sie bringen sie dazu, einen Anzug zu tragen?

Ich bin mal mit einer 10. Klasse ins Kanzleramt gegangen ohne ihnen zu sagen, dass wir dahin gehen. Die sind also gekommen, wie sie immer rumlaufen und sagten, ey, so können wir da doch nicht reingehen, wir sehen doch aus wie Penner. Wieso, ihr lauft doch immer so rum. Ihnen war ihr Auftritt peinlich. Danach haben sie von mir die Auflage bekommen, im Unterricht – das war Berufsorientierung – ein Hemd zu tragen, denn Schule ist so etwas wie der erste Arbeitsplatz. Die Schüler haben Rechte und Pflichten. Der erste erschien in so einem silbernen Glitzerhemd. Immerhin: ein Hemd! Man muss denen mal zeigen, wie es richtig geht und nicht immer nur sagen, was falsch ist.

Das Interview führte Annett Heide.

„Reden wir über Berlin ...“ heißt unsere Interviewreihe im Lokalteil.