Fado-Sänger Telmo Pires: „Was willst du hier?“

Der in Portugal geborene und in Deutschland aufgewachsene Sänger Telmo Pires hat eine gewisse Routine darin entwickelt, seine Kunst des Fado-Gesangs zu erklären. Er weiß auch genau, warum es da immer noch Informationsdefizite gibt: „Fado ist nicht so weit verbreitet wie der Flamenco. Er ist eine urbane Musik und mit dem Chanson vergleichbar.“ So wie er heute klingt, hört man ihn seit 150 bis 200 Jahren: „Als es noch viel mehr Analphabeten gab, war Fado mal die Tageszeitung.“

2011 erklärte die Unesco Fado zum Weltkulturerbe. „An dem Abend, als die Entscheidung darüber fiel, hatte ich ein Konzert in der Passionskirche. In der Pause haben wir bei Facebook geschaut, ob schon jemand das Ergebnis der Beratungen gepostet hat.“ In der Berliner Passionskirche am Marheinekeplatz wird Pires auch diesen Freitag wieder singen. „Diese Kirche bedeutet mir sehr viel. Als ich 2001 aus dem Ruhrgebiet nach Berlin zog, erlebte ich da ein Konzert und träumte ab diesem Abend davon, dort selbst mal aufzutreten. Neun Jahre später erfüllte sich dieser Wunsch.“

Unser Interview führen wir per Videotelefonat. Pires zeigt mir dabei, wie er in Lissabon lebt. Von seiner Küche führt eine schmale Brücke über den Innenhof seines Wohnhauses zu zwei kleinen Dachgärten, die zu seiner Wohnung in Lissabons Stadtteil Graça gehören. Die Aussicht über Portugals Hauptstadt ist trotz des Regens spektakulär. Pires bereut seinen Umzug vor drei Jahren nicht. Obwohl der ein Abenteuer war: „Ich kannte niemanden in Lissabon. Aber ich musste es einfach wagen. Dann habe ich mich ein Jahr lang durchgeschlagen, Leute kennengelernt, überall vorgesprochen. Bis ich meinen jetzigen Produzenten traf.“

Für den Sänger war dieser Schritt unausweichlich: „Was ich in Deutschland an Fado machen konnte, habe ich gemacht. Ich wollte mich entwickeln und näher an die Wurzeln. Und wusste: Wenn ich das ernsthaft betreiben will, komme ich in Deutschland nicht weiter. Es gibt in Deutschland einfach nicht die entsprechenden Musiker.“

In Lissabon erntet er wegen seines Umzugs Unverständnis, denn zu Zeiten der Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit geht die Fluchtrichtung in entgegengesetzter Richtung: „Oft habe ich deshalb die Frage gehört: Was willst du hier?“ Für Pires fühlt sich das nicht nach einer Ausreise aus dem Land an, in das seine Eltern umgezogen sind, als er zweieinhalb Jahre alt war: „Ich bin aus Deutschland nicht weg gegangen. Während sich viele in meiner Situation als halbe Portugiesen und halbe Deutsche verstehen würden, fühle ich mich als ganzen Portugiesen und ganzen Deutschen.“

Dass er einen portugiesischen Pass besitzt, findet der 42-Jährige unwichtig: „Der Pass ist egal, ich bin Europäer und Europa ist doch eins.“ Im Winter zieht es ihn nach Berlin: „Ich mag die Extreme. Wenn es schon heiß sein soll, dann richtig heiß, wie im Sommer in Lissabon. Und wenn es kalt ist, dann bitte richtig kalt. Und nicht so ein nasser und unangenehmer Winter wie in Lissabon.“

Die Frage, wo er sich denn nun heimisch fühle, beantwortet Pires so: „Das Gefühl, zu Hause zu sein, habe ich in Berlin und in Lissabon. Anderswo stellte sich das bei mir nie ein.“ Auch nicht im Ruhrgebiet, wo er und seine Familie zwischen zwei Kokereien und einer Zeche lebten und wo Telmo sein Abitur gemacht hat. Mit 16 Jahren gab er sein erstes Konzert mit einer Rockband, mit 22 hatte Pires sein erstes Soloprogramm.

Sein heutiges Leben in Lissabon ist viel gesünder als das in Berlin: „Dort ernähre ich mich überwiegend von Fisch, den es ganz frisch in vielen kleinen, gar nicht teuren Restaurants gibt.“ In der deutschen Hauptstadt – da hat der Sänger keine übertriebene Angst vor Klischees – darf es nach dem Theaterbesuch gern noch eine späte Currywurst sein.

Wenn er in Lissabon irgendwas wirklich vermisst, dann seine Berliner Freunde. Aber die haben längst herausbekommen, dass so ein Besuch in Lissabon ganz entzückend sein kann und dass ihr Kumpel Telmo als Zeichen seiner Gastfreundschaft den Dachboden über seiner Wohnung für Gäste ausgebaut hat. „Alle, die mal hier waren, haben sich in Lissabon verliebt. Hier ist alles viel kleiner, das Zentrum der Stadt hat man in einer Stunde erlaufen.“

Zu seinem Konzert an diesem Freitag um 20 Uhr in der Berliner Passionskirche (Tickettelefon 323-3020) bringt Telmo Pires zum ersten Mal die Musiker Sandro Costa (Portugiesische Gitarre - die hat zwölf Saiten und einen birnenförmigen Korpus), Cajé Garcia (akustische Gitarre) und Jorge Carreiro (Bass) mit, die regelmäßig an den großen Fadohäusern Lissabons spielen und mit ihm an den Songs für sein neues Album arbeiten. Neben den Liedern seiner aktuellen Platte „Fado Promessa“ werden sie auch Titel des kommenden Albums spielen. Am Vorabend ihres Berlin-Konzerts stehen Telmo Pires und seine Musiker im Gewandhaus in Leipzig auf der Bühne. Der Sänger findet übrigens, dass sich nicht alles gleich in klingende Münze verwandeln muss: „Wir treten nach wie vor auf, ohne einen Weltkulturerbe-Aufschlag auf den Ticketpreis zu kassieren.“