Berlin - Der 170er-Bus endet in einer Sackgasse, ein paar Schritte weiter fließt die Spree. An der Station kurz hinter der Köpenicker Landstraße hatte der Fahrer schon gar nicht mehr gestoppt. Es wollte keiner mehr mit, und die letzten übrigen Passagiere waren am S-Bahnhof Baumschulenweg ausgestiegen. Von dort aus geht es weiter in die Innenstadt oder raus zum Campus nach Adlershof. Wer sitzen bleibt, lässt vorsorglich alle Eile hinter sich und erreicht schon bald die Endhaltestelle Baumschulenstraße/Fähre. Die Verlockung liegt hinter dem Schrägstrich: Fähre.

Was kann es für einen schöneren Ort der Sehnsucht geben als eine Fähre. Wer die Fähre nimmt, nimmt sich Zeit. Wer sich Zeit nimmt, kommt ins Nachdenken. So ist die Fähre nicht nur ein Mittel, sein Leben zu verlangsamen – und sei es nur für die Dauer einer Überfahrt. Manchmal ist sie auch ein Medium der Transzendenz. Ein Schiff, auf dem sich Zeiten und Räume auflösen, sich gestern und morgen berühren.

Man muss dabei nicht gleich so pessimistisch sein und beim Blick aufs Wasser an den Fährmann Charon aus der griechischen Sage denken, der die Leute über den Styx ins Totenreich paddelte. Heute legen Fährschiffe zumeist in sehr lebendigen Gegenden an. Dennoch, melancholisch stimmt einen die Überfahrt in jedem Fall. Das macht sie so wunderbar.

Dietmar Scholz hat dieses Erlebnis alle zwanzig Minuten, von sechs Uhr morgens bis mittags. Oder vom Mittag bis abends zehn nach sieben, sechs Tage in der Woche. Er ist einer der beiden Fährmänner auf der Linie F 11 der Berliner Verkehrsbetriebe. Seit fünf Jahren kreuzt Scholz – untenrum Sandalen zu Trainingshose, obenrum Vollbart – über die Spree, von der Baumschulenstraße am Treptower Plänterwald hinüber nach Oberschöneweide. Nach dem Ablegen dreht er das Schiff mit dem etwas schlichten Namen „Fähre VI“ stromaufwärts, etwa in der Flussmitte schwenkt er nach backbord, um kurz darauf am Steg von Wilhelmstrand zu landen.

Die Passage dauert nicht länger als zwei Minuten. Es ist die kürzeste aller Fährverbindungen in Berlin. Nur die dreißig Meter von Müggelheim nach Rahnsdorf unterbieten diese Distanz, aber die werden gerudert. An manchen Tagen, sagt Scholz, falle er fast mit einem Drehwurm vom Stuhl. Nichts ist mit Besinnlichkeit. Einsteigen, Aussteigen, Einsteigen, Aussteigen. Wenn nichts los ist, setzt er auch ohne Gäste über. Das läuft alles fahrplanmäßig

Ein Leben auf dem Wasser

Neunundzwanzig Personen und zehn Fahrräder haben auf seiner Fähre Platz. „Wenn Leute kommen“, sagt Scholz, „vergeht die Zeit schneller.“ Wenn keine kommen, ist es auch gut. Hauptsache, er ist auf dem Wasser. Dietmar Scholz scheint einer jener glücklichen Menschen zu sein, die im Frieden mit ihrer Berufswahl leben. Was nützt es zu hadern. Eigentlich wollte Dietmar Scholz, der nächstes Jahr sechzig wird, zur See fahren. Er hatte seinen Lehrvertrag mit der Reederei der DDR schon in der Tasche, als ihm das Seefahrtsbuch verweigert wurde, eine Art Reisepass und Voraussetzung für die große Fahrt.

„Damit war das hinfällig“, sagt er. Er hat sich dann 1971 als Facharbeiter bei der Binnenschifffahrt beworben und wurde in Schönebeck an der Elbe zum Matrosen ausgebildet. Innerhalb von zehn Jahren qualifizierte er sich vom Bootsmann zum Schiffsführer. Ab Treptow, wo die Ost-Berliner Weiße Flotte lag, ging es zumeist „einmal um die Berge“, wie Scholz es nennt. Mit dem Ausflugsdampfer über Spree und Dahme rund um die Müggelberge. Eine Zeit lang steuerte er die Schiffe der sogenannten Dichterklasse, sie hießen „Bertolt Brecht“ oder „Friedrich Wolf“ und waren so etwas wie die Traumschiffe der kleinen Leute. Sie hatten sogar eine Kombüse mit zwei Kochherden an Bord.

Nun also die Fähre, die ganz kleine Fahrt. Aber eine Fahrt mit Geschichte. Immerhin bedient Scholz die älteste noch existierende Fährverbindung der Stadt. „So viel ich weiß, wurde sie 1896 eingerichtet, um die Leute rüber zur Gewerbeausstellung zu bringen“, sagt er. Am Wilhelmstrand stand zu jener Zeit das Spreeschloss, ein Ausflugslokal. Die Berliner Gewerbeausstellung, ein Ereignis von nationalem Rang, fand gegenüber in Treptow statt. Der Wirt vom Spreeschloss sorgte für die Überfahrt seiner Gäste.

Als nun die Fähre bei ihrer unendlichen Pendelei durch die Zeitgeschichte wieder einmal am Wilhelmstrand ablegt, möchte man für einen Moment die Augen schließen und sich vorstellen, wie am gegenüberliegenden Ufer ein junger Mann mit hoher Stirn und dünnen Beinen dem Festgelände zustrebt. Alfred Kerr ist spät dran, es ist heute kein Durchkommen in der Stadt. Aber das kümmert die Kollegen in der Breslauer Zeitung nicht, die pünktlich den Bericht ihres Berliner Feuilletonisten erwarten. Es ist der 1. Mai 1896. „Um zehn Uhr früh war alles auf den Beinen“, schreibt Kerr.

„Berlin hatte einen einzigen Gedanken und eine einzige Wallfahrt: Treptow. “ Die Ausstellung, die die Berliner seinerzeit so mobilisierte, gehört zu den großartigsten und in gewisser Weise auch widerlichsten Events der Kaiserzeit. Den Berliner Kaufleuten und Industriellen hatte ursprünglich eine Weltausstellung wie in Paris und London vorgeschwebt, nur sehr viel größer selbstverständlich. Als der Kaiser gelangweilt abwinkte, organisierten sich die Reichshauptstädter ihre Leistungsschau auf eigene Rechnung.

Natürlich, das ist Berlin

Innerhalb von zwei Jahren wurde das Areal zwischen der Spree und der Görlitzer Bahnstrecke völlig umgestaltet. Man muss sich das wie bei Olympia vorstellen. Straßen wurden angelegt, Gleise verlegt, Brücken gebaut, Bassins ausgehoben, eine Schwebebahn brachte die Besucher über das weitläufige Gelände, auf dem sich rund viertausend Aussteller in dreihundert Pavillons mit ihren Exponaten aus Handel, Produktion und Forschung präsentierten, „umgeben von der gewaltigsten Kraft und der raffiniertesten Eleganz der modernen Industrie“, wie Kerr schwärmt.

Das Besucherzentrum lag an einem künstlichen See, in etwa dort, wo sich heute das Sowjetische Ehrenmal befindet. Geblieben ist von all der Pracht und Herrlichkeit nur das Fernrohr der jetzigen Archenhold-Sternwarte, es ist immer noch das größte Linsenfernrohr der Welt. Und eben die kleine Fähre über die Spree.

Alfred Kerr schreibt am Eröffnungstag: „Nicht nur die Beine werden müde vom Gehen, auch die Augen vom Sehen. Man muss zwanzigmal dagewesen sein, um die Ausstellung ein wenig zu kennen. Sie ist noch nicht im geringsten fertig, überall ragen noch Gerüste in die Luft.“ Natürlich, das ist Berlin. „Aber schon heut nimmt man den klaren Eindruck mit: es ist etwas Großartiges, etwas Großartiges, etwas Großartiges!“

Eine Woche darauf kommt der Reporter der Breslauer Zeitung zurück nach Treptow, um die Errungenschaften eines besonderen Gewerbes zu begutachten. „In der Kolonialausstellung gibt es Negerdörfer mit Eingeborenen“, vermeldet er seinen Lesern in der schlesischen Provinz. „Sie heulen mit gefletschten Zähnen und seltsam vorgeschobenen Lippen volle Stunden hintereinander eintönige Sänge, als ob sie nach der Stärke bezahlt würden.“ Dem Kritiker fällt dann noch die „etwas heuchlerische und gezwungene Freude auf, die bei ihnen zutage tritt.“

Der Fährmann als Philosoph

Zwölf Jahre nach dem Beginn der deutschen Kolonialexpeditionen in Afrika und der Südsee bot die Ausstellung dem Volk zum ersten Mal einen Einblick in die neuen Besitztümer. Mehr als hundert Einwohner aus den Kolonien, zumeist gut deutsch sprechend, wurden nach Berlin geholt, um in „originalgetreu“ nachgebauten Dörfern, die im Ostteil des heutigen Treptower Parks lagen, für die Besucher lebende Bilder zu stellen. Sie fuhren mit Kanus über den Karpfenteich, wuschen Wäsche, kochten und tanzten. Sie imitierten ihr Leben.

Die Neugier der Berliner mag sich mit einem naiven Rassismus jener Zeit gepaart haben. Ein Interesse ganz eigener Art zeigte jedoch der Anthropologe Felix von Luschan an den Ureinwohnern. Er nutzte die Gelegenheit, sie nach allen Regeln der damaligen Rassenkunde zu vermessen. Nachzulesen ist seine Expertise, die eine beklemmende Vorahnung auf die Verbrechen des kommenden Jahrhunderts gibt, im 1897 veröffentlichten „Amtlichen Bericht über die erste Deutsche Kolonialausstellung“, der sich an die „grosse Menge der Kolonialfreunde“ richte. „Diesen wird besonders in den zwanzig Typen-Tafeln eine dauernde Erinnerung an die interessante Schar von Schwarzen geboten werden, die 1896 in Treptow versammelt war.“

Zu jener Zeit also, da zum ersten Mal die Fähre fuhr, die Dietmar Scholz nun wieder in Richtung Wilhelmstrand steuert. Das jetzige Schiff ist auch schon vierzig Jahre alt. Wie viel PS die Maschine hat? „Fragen Sie mich nicht“, sagt Scholz. „Wichtig ist, dass es vorwärtsgeht.“ Da spricht der Fährmann als Philosoph. Es ist seine letzte Saison hier. Die Fährlinien der BVB wurden neu ausgeschrieben. Am 1. Januar übernimmt eine Reederei aus Stralsund ihren Betrieb. Mit neuen Schiffen, elektrogetrieben, Solarzellen auf dem Dach. Scholz wird dann wohl zum Wannsee umziehen und noch einmal die Fähre nach Alt-Kladow kommandieren.

„In meinem nächsten Leben werde ich Fährfrau“

Jetzt bringt er aber erstmal ein Paar aus den Niederlanden über die Spree. Aafke Suyker und Mac Steenaart waren vier Wochen mit Rad und Zelt unterwegs. So sehen sie auch aus, athletisch gebaut und braun gebrannt. Beide sind um die sechzig, leben in Rotterdam und strahlen bei aller Freundlichkeit auch ein bisschen diese Verbissenheit aus, wie sie für Fernradfahrer typisch ist. Bei insgesamt 1700 Kilometern, die sie in den Beinen haben, immer entlang der Nord- und Ostseeküste, dann über Rügen und Usedom die Oder herunter und nun bis Berlin, ist das kein Wunder. Sie, geflochtener grauer Zopf, arbeitet als Bibliothekarin, er, Fahrradhelm, ist Schulrat.

Nun sind die Ferien vorbei. Das hätte jetzt nicht sein müssen, aber Aafke Suyker sagt dann tatsächlich: „Ich liebe Fähren. In meinem nächsten Leben werde ich Fährfrau.“ Schon als Kind sei sie in Holland jeden Tag auf dem Schulweg mit der Fähre gefahren. Und so ist es geblieben. Auch zur Arbeit nimmt sie die Fähre. Diese Zeit der Ruhe auf dem Wasser, möge sie noch so kurz sein, gebe ihrem Tag seinen Rhythmus. Hin und zurück.

Viele Jahre lang diente auch die Fähre über die Spree dem Berufsverkehr, liegt doch unmittelbar hinter der Gartenkolonie Wilhelmstrand das Funkhaus Nalepastraße. Von 1956 bis 1990 hatte der Rundfunk der DDR mit seinen vielen Hundert Angestellten dort seinen Sitz. Wer vom S-Bahnhof Baumschulenweg kam, musste übers Wasser. Bei Nebel oder Eisgang konnte es schon mal zu Personalengpässen kommen. Vom Anleger bis zum Funkhaus läuft man kaum länger als zehn Minuten. Der Weg führt vorbei an einer Gartenkneipe, dem Spreeschlösschen, immerhin. Das Spreeschloss am Ufer gibt es schon lange nicht mehr. Die Nalepastraße selbst ist auch eher ein Sträßchen mit Kopfsteinpflaster. Am Funkhausgelände geht es zunächst einmal nicht weiter. Das Eisentor ist mit einer Kette verschlossen. Also außen herum bis zum Hauptportal. Der Pförtner nickt freundlich, schon ist man drin.

Der Reiz des Verfalls

Mit ihren Fassaden aus rotem Klinkermauerwerk erinnern die Gebäude auf den ersten Blick an die Industriearchitektur der spreeaufwärts gelegenen Fabriken. Auf den zweiten Blick fallen die aus Sandstein gefertigten Säulen und Blenden auf, die dem Komplex eine besondere architektonische Note geben. Entworfen wurde das Funkhaus von dem Architekten Franz Ehrlich, der am Bauhaus studiert hatte und später Mitarbeiter von Walter Gropius war. Die Nationalsozialisten warfen den Kommunisten Ehrlich ins Konzentrationslager Buchenwald, wo er den Schriftzug für das Eingangstor entwerfen musste: „Jedem das Seine“. Nach seiner Haftentlassung wurde er von der SS als Lagerarchitekt zwangsverpflichtet.

In dieser Funktion projektierte er unter anderem die Kommandantenvilla von Buchenwald. 1943 kam er ins Strafbataillon 999, bei Kriegsende in jugoslawische Gefangenschaft. In der DDR wurde Franz Ehrlich zu dem, was man heute Stararchitekt nennt. Mit allem, was damals dazugehörte, als Formalist angefeindet, erkaufte er sich seine künstlerische Freiheit im Handel mit der Partei.

Nachdem die Stadt Berlin es nicht verstanden hatte, das seit 1990 leer stehende, denkmalgeschützte Funkhaus in irgendeiner Weise zu nutzen, ging es 2006 an einen privaten Investor. Jetzt ist das Foyer schön gestrichen, aber schon eine Treppe höher sieht es aus wie in den Fünfzigerjahren. Je weiter man steigt, desto größer der Verfall. Doch der Verfall hat seinen Reiz. Eine Reihe von Musikern und Produzenten hat sich auf dem maladen Studiogelände eingemietet.

Läuft man im ersten Stock den Gang entlang, hallt der Klang der eigenen Schritte. Bleibt man stehen, ist leise Musik zu hören. Sie kommt aus dem Laptop von Nicholas Trussler, der in einem früheren Hörspielstudio auf dem Boden kniet und mit drei Handwerkern Kabel sortiert. Trussler, eine blasser Mann Mitte vierzig, stammt aus dem südenglischen Plymouth, seit einem Jahr lebt er mit Familie in Berlin, wo er die Dependance seiner Schule für Musikproduzenten leitet. Im September will er in der Nalepastraße ein neues Ausbildungsstudio eröffnen. Die Akustik sei sensationell, sagt er. Trussler ist erst seit ein paar Tagen im Haus, hat aber auch schon die Geschichte von den Leuten aus den Londoner Abbey-Road-Studios gehört, die bei einem Besuch im Funkhaus sehr gestaunt hätten. Und zu ihren Kunden zählten immerhin die Beatles.

„Nur erreichbar mit einem Boot-Shuttle“

Wenn man, zurück auf der Fähre, noch einmal die Augen schließt, möchte man sich vorstellen, wie aus dem Gestrüpp am Ufer ein wirklicher Kulturpark erwächst, wie sich das Funkhausgelände in einen Ort verwandelt, an dem sich nicht nur Eingeweihte wohlfühlen. Es könnten dort Kähne mit unternehmungslustigen Leuten von überall her anlegen. Es könnten Clubs eröffnen, Bands spielen, was auch immer. Es müsste nur mal jemand in irgendeinen englischsprachigen Reiseführer schreiben, dass das Funkhaus draußen am Fluss ein absoluter Insider-Tipp ist. Sonst tut sich dort niemals etwas. Was andererseits auch wieder nicht so schlimm wäre. Am Ende macht die Stadt sowieso, was sie will.

Am frühen Abend parken zwei schwarze Kleintransporter gleich neben dem Anleger am Wilhelmstrand. Für Dietmar Scholz ist die Schicht zu dieser Zeit längst vorbei. Auf dem Grundstück des alten Bootshauses, das vorhin noch von aller Welt verlassen zu sein schien, stehen jetzt Menschen mit Klemmbrettern. Auf dem Rasen vor dem Steg liegen Scheinwerfer.

Drei Italienerinnen sprechen sehr laut, sind aber leider nicht zu verstehen. Irgendetwas geht hier vor, und keiner sagt, was es ist. Auch nicht die Frau mit der riesigen Sonnenbrille, die das Wort Location murmelt und ansonsten auf die Website des Clubs der Visionäre verweist. Dort ist zu erfahren, dass das verwunschene Bootshaus, „eine Perle an der Spree“, jetzt für exklusive private Veranstaltungen zu mieten sei. „Nur erreichbar mit einem Boot-Shuttle.“ Mank önnte auch Fähre dazu sagen.