Berlin - Liegt es an den vielen Touristen? Oder an der Konjunktur, die den Berufsverkehr wachsen lässt? Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben noch keine endgültige Erklärung dafür, warum die Fahrgastzahl im vergangenen Jahr so stark gestiegen ist. Doch eines ist wohl klar: Die S-Bahn-Krise trug dazu bei.

„Das ist unser bestes Ergebnis seit vielen Jahren“, sagte BVG-Marketingchef Wilfried Kramer. Nach der jüngsten Berechnung wurden die U-Bahnen, Busse, Straßenbahnen und Fähren der BVG im vergangenen Jahr für 936,5 Millionen Fahrten genutzt. Das sind 14,5 Millionen Fahrten mehr als im Jahr davor. So hoch wie 2011 ist die Fahrgastzahl seit Anfang der neunziger Jahre nicht mehr gewesen. Am kräftigsten hat die Berliner U-Bahn zugelegt: von 485 Millionen auf 505 Millionen Passagiere. Für die Planer ist das ein Zeichen dafür, dass das Landesunternehmen weiterhin von der Krise bei der S-Bahn profitiert. Im harten Winter vor einem Jahr sind weitere Fahrgäste auf die zuverlässigere U-Bahn ausgewichen – und ihr treu geblieben.

Die Verbesserung der Wirtschaftslage wirke sich ebenfalls aus. Ein Faktor sei der Tourismus-Boom in Berlin. Zwar ist der Anteil der Touristen bei den Fahrgästen weiter gering – derzeit sind es fünf Prozent. Doch sie frequentieren den Nahverkehr intensiv: „Sie nutzen für 90 Prozent ihrer Fahrten in Berlin Busse und Bahnen“, so Kramer. Die andauernde Zunahme der Touristenzahl beeinflusst die Fahrgastzahl überdurchschnittlich stark.

„Bei uns macht sich auch positiv bemerkbar, dass in Berlin die Einwohnerzahl gestiegen und die Arbeitslosenquote gesunken ist“, sagte Kramer. Das spiegele sich in der Zahl der Stammkunden mit Abos, Firmen- oder Semestertickets wider: Sie stieg auf 322.500.

Rosig geht es der BVG dennoch nicht. Die Verschuldung ist im vergangenen Jahr um hundert Millionen Euro gewachsen – auf fast 840 Millionen Euro. Aktuell fordert die Gewerkschaft Verdi Lohnerhöhungen. Die Tarifverhandlungen wurden am gestrigen Montag erneut ergebnislos vertagt, die Gefahr eines Warnstreiks wächst. Nun plant die BVG die nächste Fahrpreiserhöhung. Dem Vernehmen nach sind als Termine der 1. August 2012 oder der 1. Januar 2013 im Gespräch.

S-Bahn-Teilausschreibung im Juli

Die S-Bahn nannte noch keine Fahrgastzahlen. Bei ihr steht ein anderes Thema im Vordergrund: Wie geht es mit ihr weiter? Der neue Senator für Stadtentwicklung, Michael Müller (SPD), kündigte wichtige Entscheidungen an. So werde der Senat in einer Woche im Amtsblatt der Europäischen Union mitteilen, welche Anforderungen die 388 neuen S-Bahn-Wagen erfüllen müssen. Als Nächstes will der Senat Mitte März über die geplante Teilausschreibung beraten – unter anderem darüber, für welche Strecken als Erstes ein neuer Verkehrsvertrag ab Ende 2017 abgeschlossen wird. Als Vorstufe soll Ende März ein Wettbewerb starten, bei dem Zugbetreiber mitteilen können, unter welchen Bedingungen sie an der Ausschreibung teilnehmen würden. Mitte Juli soll dann das 20-monatige Vergabeverfahren beginnen.

Der Senat muss noch entscheiden, ob der künftige S-Bahn-Betreiber die nötigen neuen Züge selbst kauft. Müller wäre für diese Lösung, allerdings könnte das Land die Finanzierung mit einer Bürgschaft erleichtern. Auch darüber, ob sich die BVG bewirbt, sei noch zu befinden. Dagegen hätte Müller aber „allergrößte Bedenken“. Er bestätigte, dass es bei dem einen Verfahren nicht bleibt: Nach und nach werde der gesamte S-Bahn-Betrieb in mehreren Teilen ausgeschrieben.