Seit Sonntagmorgen können die Berliner vom Ostkreuz aus direkt ins Umland reisen: Der Bahnhof, an dem bislang nur S-Bahnen hielten, wird ein richtiger Bahnhof. Und das wird auch das umliegende Viertel in Friedrichshain verändern.

Am Regionalbahnsteig im oberen Teil sollen nicht nur rote Züge der Deutschen Bahn nach Lübben–Senftenberg sowie Eberswalde halten. Außer der Regionalbahnlinie RB 24 führen zwei weitere Strecken zum Ostkreuz. Blauweiße Triebwagen der Niederbarnimer Eisenbahn dieseln auf den Linien RB 12 und 25 nach Templin und Werneuchen, ebenfalls täglich im Stundentakt.

Für Berliner entstehen so neue Fahrmöglichkeiten – zum Beispiel, wenn sie in der Therme Templin baden oder im Spreewald paddeln möchten. Aber auch Pendler und Berlin-Besucher aus dem Umland profitieren, sagte Infrastrukturministerin Kathrin Schneider. „Ich freue mich, dass das Ostkreuz jetzt auch mit Regionalbahnen aus Brandenburg erreichbar ist“, sagte die SPD-Politikerin, die an diesem Sonnabend um kurz nach elf den neuen Bahnsteig symbolisch in Betrieb nimmt – gemeinsam mit Berlins Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD).

Am Montag beginnt der neue Alltag am Ostkreuz. Nach und nach werden sich die Verbindungen herumsprechen. Von Ende 2017 an sollen weitere Züge dort halten. Für den Regionalexpress nach Potsdam, Magdeburg, Cottbus und Wismar und die Regionalbahn nach Kostrzyn (Küstrin) entstehen im unteren Teil Bahnsteige. Auch der Flughafen BER wird schnell zu erreichen sein. Nicht zu vergessen: Die Straßenbahn, die Linie 21, hält von 2019 an vor der Tür. Allerdings: Eine Bahnhofstoilette ist weiter nicht geplant.

Vorbei mit der Insel der Nostalgie

Schon jetzt gibt es am Ostkreuz, das seit 1933 so heißt (vorher Stralau-Rummelsburg), viel Betrieb. „Der Bahnhof ist der am meisten frequentierte Nahverkehrs-Umsteigebahnhof in Berlin mit täglich 205.000 Reisenden“, so Schneider. Vergessen sind die Zeiten, als das unsanierte Ostkreuz eine Insel der Nostalgie war: mit Bahnsteigdächern aus Teerpappe, Emailleschildern aus Reichsbahnzeiten, ausgelatschtem Kleinpflaster auf den Bahnsteigen – und viel Natur. Am Bahnsteig A lebten Füchse. Die Patina verschwand, als die 417 Millionen Euro teure Sanierung begann.

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Im Vergleich zu dem Verkehr, der dort in Zukunft abgewickelt wird, wird aber auch die Jetztzeit eher beschaulich wirken. „Das Ostkreuz wird ein sehr wichtiger Regionalbahnhof“, sagt der Friedrichshainer SPD-Abgeordnete Sven Heinemann. Vielleicht der wichtigste in diesem Teil der Stadt. Die neue Bedeutung des Bahnhofs wird auch in der Umgebung zu spüren sein.

Heute befinden sich hier Wohnviertel und Kneipen. Nicht ausgeschlossen, dass es künftig mehr Läden und Büros gibt. Der Druck auf dem engen Mietwohnungsmarkt wird weiter zunehmen, wenn Gutverdiener herausfinden, dass der BER mit dem Regionalzug nicht mal 20 Minuten entfernt ist – welcher andere Kiez hat das zu bieten? So viel steht für Sven Heinemann fest: „Dieses Gebiet wird sich stark verändern.“

Weniger ICE-Züge in den Osten

Der Aufstieg des Ostkreuzes wird sich auch auf die anderen Stationen auswirken. Lichtenberg, seit langem auf dem absteigenden Ast, wird weiter an Bedeutung verlieren. Jetzt geht auch im Ostbahnhof, dem einstigen Vorzeigebahnhof von Berlin, Hauptstadt der DDR, der Verkehr zurück.

Am Freitag legten Heinemann sowie seine Abgeordneten-Kolleginnen Cansel Kiziltepe und Susanne Kitschun einen Kranz nieder. Sie protestierten dagegen, dass die Bahn die ICE-Linie 10 aus Köln ab Sonntag nicht mehr dorthin fahren lässt. Neue Endstation: Hauptbahnhof. „Der Ostbahnhof wird von der wichtigen Linie abgeschnitten“, so die SPD-Politiker. „Wir befürchten, dass das erst der Anfang ist.“